Talente, Forschung, Anwendung: Europas Treiber für die globale KI-Wertschöpfung

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Im klassischen produzierenden Gewerbe ist vieles unmittelbar nachvollziehbar: Prozesse sind sichtbar, Ergebnisse greifbar, und Rohmaterialien werden zu fertigen Produkten verarbeitet. Künstliche Intelligenz (KI) ist hingegen eine Technologie, die weder physisch greifbar noch intuitiv verständlich ist. Für viele bleibt sie abstrakt, bisweilen sogar beängstigend. Dabei ist KI alles andere als neu. Ihre Ursprünge reichen mehr als 80 Jahre zurück: 1956 entstand der Begriff, 1966 wurde der erste Chatbot entwickelt, 1997 schlug IBM Deep Blue den Schachweltmeister und 2012 markierte AlexNet den Durchbruch im Deep Learning. Auch die heutigen Large Language Models basieren auf Forschung, die bereits Jahrzehnte in der Vergangenheit liegt – übrigens mit maßgeblichen Beiträgen aus Deutschland. KI ist längst integraler Bestandteil des Alltags – oft in subtilen, direkten oder indirekten Formen, die viele kaum wahrnehmen. Gleichzeitig divergieren die Einschätzungen über ihre Wirkung erheblich: Während die einen von der sogenannten »Superintelligence« sprechen, sehen andere generative KI vielmehr als User Interface-Innovation. Unabhängig davon gilt aber: KI besitzt das Potenzial, jede Branche, jede Wertschöpfungskette und letztlich das gesamte Wirtschaftssystem grundlegend zu verändern. Sie ist damit eine der transformativsten Kräfte des 21. Jahrhunderts – eine Chance, die Europa keinesfalls ungenutzt lassen darf.

Dabei sollte das Unternehmertum als treibende Kraft vorangehen. Insbesondere die Gründung junger Tech-Unternehmen treibt Innovation und Fortschritt maßgeblich voran – angesichts des aktuellen Status Quo für Europas Zukunftsfähigkeit wichtiger denn je: mehr als drei Jahre wirtschaftliche Stagnation, Krieg an den Außengrenzen Europas und strukturelle technologische Abhängigkeiten. Europa importiert über 80 Prozent seiner digitalen Schlüsseltechnologien; zentrale Infrastrukturen wie Cloud-Services oder sicherheitsrelevante Systeme werden von US-Anbietern dominiert. Zugleich verdichten sich Digital Services Act, Digital Markets Act und Data Act zu einem innovationshemmenden Regulierungsgeflecht – exemplarisch mussten deutsche Unternehmen Ende 2025 in Summe über 95.000 Einzelnormen berücksichtigen. Und dennoch: Maßgeblich ist nicht, in welchen Bereichen Europa zurückliegt, sondern vielmehr, wo die Stärken liegen. Vor diesem Hintergrund lassen sich drei Hebel identifizieren, die Europas zukünftige Wettbewerbsfähigkeit prägen: Humankapital, Forschungstransfer und die Anwendung performativer Technologien.

Humankapital als Hebel für Zukunftsfähigkeit

Europa verfügt über stabile Rahmenbedingungen und zieht hochqualifizierte Fachkräfte an. Verstärkt wird diese Attraktivität aufgrund globaler Veränderungen: In China wird die Erwerbsbevölkerung bis 2050 um rund 25 % schrumpfen, während die USA ihr Bildungssystem strukturell zurückentwickeln. Vor diesem Hintergrund wird die Herausforderung künftig weniger in der reinen Verfügbarkeit von Fachkräften liegen, sondern in deren effizienter Allokation. Der deutsche Arbeitsmarkt veranschaulicht diese Dynamik: Trotz mehr als drei Millionen Arbeitslosen prognostiziert das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bis 2035 einen Mangel von sieben Millionen Fachkräften. Die vorhandenen Qualifikationen entsprechen vielfach nicht mehr den tatsächlich nachgefragten Kompetenzen – ein Defizit, das insbesondere technologiegetriebene Branchen betrifft. Die ökonomischen Folgen sind enorm: Nach Schätzungen des Instituts der deutschen Wirtschaft könnten bis 2027 Produktionspotenziale von bis zu 74 Milliarden Euro ungenutzt bleiben. Der Arbeitsmarkt wird damit selbst zum limitierenden Faktor.

Angesichts dieser Ausgangsgrundlage sind strukturelle Anpassungen erforderlich – im Bildungssystem ebenso wie im Arbeitsrecht. Während formale Abschlüsse zunehmend an Signalwirkung verlieren, gewinnen praxisnahe Qualifikationen an Bedeutung. Gleichzeitig erfordert ein dynamischer Arbeitsmarkt mehr Flexibilität – beginnend beim Kündigungsschutz, über gezielte Weiterbildungsmaßnahmen bis hin zur strategischen Reallokation von Talenten. Zentral werden zunehmend Fähigkeiten wie Anpassungsfähigkeit und Lernbereitschaft. Diese bestimmen, wie schnell und erfolgreich Menschen – und damit die Unternehmen, in denen sie arbeiten – mit den technologischen Entwicklungen Schritt halten können.

Forschungstransfers als Innovationstreiber

Neben den strukturellen Anpassungen im Bildungssystem liegt ein enormes Potenzial im ungenutzten Forschungstransfer. Eine gemeinsame Studie mit der RWTH Aachen und Redstone, die knapp 1.000 europäische Hochschulen untersuchte, verdeutlicht: Die Versäumnisse im Forschungstransfer entsprechen einem Potenzial von bis zu sechs Billionen Euro zusätzlichem BIP und mehr als zehn Millionen zukunftsfähigen Arbeitsplätzen. Die Ausgangslage bleibt jedoch ernüchternd: Nur etwa 7 % der deutschen Universitäten verankern Unternehmertum strategisch in ihren Curricula. Das Ergebnis: Ein erheblicher Teil exzellenter Forschung verbleibt in den Laboren, ohne wirtschaftliche Wertschöpfung zu entfalten. Die Konsequenz: Ein innovationsorientiertes Hochschulsystem muss Unternehmertum als gleichwertige Mission begreifen. Denn die Chance im Forschungstransfer ist die Chance auf eine »europäische unternehmerische Revolution«.

Anwendung und proprietäre Daten als Wettbewerbsvorteil

Große Innovationen florieren nicht in Einzelteilen, sondern in Innovationsclustern – von Forschungstransfer über Frühphasen- und Wachstumsfinanzierung bis hin zur praktischen Anwendung. In Europa wird dieser integrative Ansatz jedoch derzeit durch Fragmentierung gebremst. Besonders sichtbar wird diese Lücke bei großen Sprachmodellen. Die Investitionsdimensionen globaler Akteure betonen die Skalendynamik: OpenAI etwa subventioniert seine Nutzer über ein Jahrzehnt, mit kumulierten Rechenzentrumskosten von 2025 bis 2033 von rund 1,4 Billionen US-Dollar bei einem erwarteten Free Cashflow von lediglich 300 Milliarden US-Dollar. Doch der Fokus auf diesen Rückstand greift zu kurz. Europas Stärke liegt nicht in generischen Basismodellen, sondern in domänenspezifischem Know-how und proprietären Daten der etablierten Wirtschaft. Dieses profunde Expertenwissen könnte wohl kein generisches Large Language Model replizieren.

Europäische Unternehmen sind in vielen Nischen weltweit führend, benötigen jedoch Mechanismen, um ihr Know-how in die Anwendungen zu überführen und schnell zu skalieren; dort beschleunigen sich Innovationszyklen erheblich. Beispiele aus dem Ukraine-Krieg zeigen, wie schnell Technologien unter realen Bedingungen iterativ verbessert werden können. Hierfür bedarf es aber gezielter Maßnahmen: Mobilisierung von Kapital und Deregulierung. Ausschlaggebend ist, dass Technologieinvestitionen für den Privatsektor attraktiv gestaltet werden. Dies gelingt insbesondere, wenn etablierte Unternehmen KI effizient und unbürokratisch einsetzen können – und damit rückt die Transformation unserer etablierten Wirtschaft in den Fokus.

Mit Beginn dieser tiefgreifenden Transformation hat Europa die einmalige Chance, sich einen substanziellen Anteil an der globalen KI-Wertschöpfung zu sichern. Dafür ist es nicht erforderlich, alles eigenständig zu entwickeln. »If you can’t beat it, join it« – in bestimmten Feldern kann es vielmehr strategisch sinnvoll sein, bestehende Führungspositionen der USA und China zu akzeptieren. Entscheidend ist, die eigenen Kernkompetenzen zu beherrschen, in diesen Bereichen führend zu sein und Interdependenzen zu schaffen. Europa verfügt über die Voraussetzungen, in dieser Transformation eine zentrale Rolle zu übernehmen. Gleichzeitig verstärkt jede weitere Verzögerung die bestehenden Abhängigkeiten. Die Zeit drängt, und die globalen Wettbewerber werden nicht auf Europa warten – besonders nicht, wenn es um Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit geht.

 

Dr. Annika von Mutius ist Mitgründerin und CEO des Berliner HR-Tech-Startups Empion und Vorstandsmitglied des KI Bundesverbands. Sie promovierte in Mathematik und arbeitete vor ihrer eigenen Unternehmensgründung für ein Robotics Startup im Silicon Valley.

Neben ihrer unternehmerischen Tätigkeit ist sie Beiratsmitglied des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie sowie des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung. Annika zählt unter anderem laut Forbes zu den ‚30 Under 30 Europe‘ und laut Handelsblatt zu den ‚Menschen des Jahres‘.

 

Der Beitrag wurde erstmals im Sammelband „Germanomics – Neue Antworten für Wachstum und Wohlstand“ des Wirtschaftsforums der SPD veröffentlicht, der am 15. Juni erschienen ist. Hier können Sie das Buch bestellen.