Dienstleistungen aufwerten!

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Frank Werneke Vorsitzender von Verdi
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Mit der deutschen Wirtschaft werden zumeist Autos, Maschinen, Pharma- und Medizintechnik, Hochtechnologie und vieles mehr assoziiert: Deutschland – Industrieland, „Exportweltmeister“ – ein Bild vermeintlicher ökonomischer Idylle.

Das allerdings schon länger überholt ist: In den letzten Jahrzehnten hat sich die Struktur unserer Wirtschaft stark verändert – wie in den meisten anderen Industrieländern auch. Der Bergbau, die Stahlindustrie, die Werften und die Textilindustrie sind in Deutschland fast verschwunden. Seit 1970 hat sich der Anteil der Industriebeschäftigten an der Erwerbsbevölkerung halbiert, nur jede*r fünfte Beschäftigte arbeitet heute noch in der Industrie. Seit der Jahrtausendwende liegt der Anteil der Industrieproduktion an der gesamten Wertschöpfung relativ unverändert bei knapp 23 Prozent.

Geprägt wird die Wirtschaft heute vielmehr von Dienstleistungen. Wir leben in einer industrialisierten Dienstleistungsgesellschaft. Sieben von zehn Beschäftigten arbeiten in einer Dienstleistungsbranche. Dabei gewinnt die Arbeit von Menschen an und mit Menschen immer weiter an Bedeutung. Den größten Zuwachs unter diesen Humandienstleistungen verzeichneten höhere Bildungs-, Medizin-, Kultur- und Publizistikberufe, Sozialarbeits- und Therapieberufe sowie gering qualifiziertes Verkaufs- und Dienstpersonal. Neben den Humandienstleistungen wuchsen auch die organisatorischen und verwaltenden Dienstleistungen wie Management-, Verwaltungs-, Finanz-, Vermarktungs- und Rechtsberufe.

Dienstleistungssektor in Deutschland: Förderung von Niedriglöhnen statt hochproduktiver und gut bezahlter Beschäftigung

Allerdings wurde die Entwicklung dahin nicht – wie etwa in Skandinavien – durch eine aktive Dienstleistungspolitik begleitet. Ganz im Gegenteil. Die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der Agenda-Jahre hat Armutslöhne und prekäre Beschäftigung gefördert und den privaten Konsum gedämpft. Eine unzureichende Finanzierung des Sozialstaats – insbesondere im Bildungs- und Gesundheitswesen – sorgte zudem dafür, dass personengebundene öffentliche Dienstleistungen aus Kostengründen nicht weiter ausgebaut wurden. In vielen Dienstleistungsbranchen hat sich ein brutaler Preis- und Kostenwettbewerb verfestigt, so beispielsweise im Einzelhandel, in den Paketdiensten, aber auch in der Luftfahrt und im Personennahverkehr.

In der Folge hat Deutschland einen der größten Niedriglohnsektoren Europas. Und zwar vor allem bei den Dienstleistungen: Der Arbeitsmarkt hierzulande ist gespalten in ein Segment, in dem größtenteils hochqualifizierte Tariflohnbeschäftigte zu hohen Löhnen und guten Arbeitsbedingungen arbeiten und das aus Industriebetrieben, aus einigen gutbezahlten Dienstleistungsbranchen u.a. ehemaliger Staatsbetriebe sowie dem öffentlichen Dienst besteht – und in ein Segment, das aus einer Reihe anderer Dienstleistungsbranchen mit prekärer und schlecht entlohnter Beschäftigung besteht, mit entsprechenden Auswirkungen auch auf die Renten. In vielen anderen europäischen Ländern sind Dienstleistungen deutlich besser bezahlt und die Arbeitsbedingungen besser.

Die Konsequenz aus niedrigen Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen ist ein akuter Fachkräftemangel in vielen Dienstleistungsbranchen wie bspw. der Paketzustellung und im Personennahverkehr, zudem führt eine Unterfinanzierung öffentlicher Dienste und in der Folge eine zu geringe Personalausstattung zu einem Fachkräftemangel in Bereichen wie der Pflege und in Kitas. Für die verbleibenden Beschäftigten steigt die Belastung – mit der Konsequenz, dass immer mehr Fachkräfte aus dem Beruf flüchten.

Zudem ziehen die niedrigen Löhne in vielen Dienstleistungsbranchen einen eklatanten Mangel an Investitionen nach sich, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Produktivität. Das liegt wohlgemerkt nicht allein an der vermeintlich geringen Rationalisierbarkeit von Dienstleistungen. Schließlich ermöglicht der digitale Fortschritt (insbesondere der Einsatz von Robotern und Künstlicher Intelligenz) inzwischen eine stärkere Automatisierung der Dienstleistungsarbeit.

Die heimischen Dienstleistungsunternehmen haben seit Mitte der 1990er Jahre zu wenig in Informations- und Kommunikationstechnologie, Innovation, Qualifizierung, Werbung, Marktforschung, Forschung und Entwicklung, Copyright und Lizenzen sowie Design investiert. Deutschland ist hinsichtlich der Durchdringung der Dienstleistungsbranchen mit digitalem Fortschritt ein Nachzügler. Aufgrund der geringen Arbeitskosten und unzureichenden Nachfrage rechnen sich diese Modernisierungsinvestitionen nicht. In der Folge ist das Produktivitätswachstum in den Dienstleistungsbranchen im internationalen Vergleich zu schwach.

So wuchs beispielsweise die Produktivität marktbezogener Dienstleistungen im Zeitraum 2000-2005 in Schweden durchschnittlich jährlich um 3,1 Prozent, in den USA um 2,8 Prozent und in den Niederlanden um 1,7 Prozent – in Deutschland dagegen ging sie im gleichen Zeitraum jährlich im Schnitt um 0,1 Prozent zurück. Damit schließt sich der Teufelskreis aus niedrigen Löhnen, geringer Nachfrage, geringer Produktivität und schlechter Dienstleistungsqualität.

Die Folge: Deutschland hat eine tief gespaltene Wirtschaftsstruktur. Einem kleinen hochproduktiven industriellen und exportabhängigen Kern steht eine wachsende binnenmarktabhängige Dienstleistungsökonomie mit relativ geringer Produktivität gegenüber. Verstärkt wird dies dadurch, dass der chronisch unterfinanzierte Staat nicht mehr hinreichend in die physische und soziale Infrastruktur investiert und dadurch die Entwicklung der Dienstleistungsbranchen weiter blockiert wird.

Hinzu kommt eine steigende Einkommens- und Vermögensungleichheit, die den privaten Konsum und somit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage strukturell schwächt. Die gespaltene Wirtschaftsstruktur bremst die Investitionen, die Produktivität und die wirtschaftliche Entwicklung.

Aufwertung von Dienstleistungen und aktive Dienstleistungspolitik jetzt!

Diese Spaltung muss überwunden werden. Nur durch Überwindung der strukturellen Ungleichheit und die Weiterentwicklung der Dienstleistungsbranchen zu hochproduktiven Sektoren mit gutbezahlten und abgesicherten Arbeitsplätzen wird die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und werden somit auch Investitionen und die wirtschaftliche Entwicklung hierzulande dauerhaft gestärkt.

Dafür müssen die Dienstleistungsberufe weiter aufgewertet werden. Neben mehr Investitionen zur Steigerung der Produktivität in vielen Branchen ist eine materielle Aufwertung sozialer Dienstleistungen und der Daseinsvorsorge erforderlich, die – wie auch die Pandemie zeigt – essentiell sind für das Funktionieren der Gesellschaft.

Tätigkeiten wie die Pflege, Erziehung und Bildung, Bürger- oder Jugendämter, der Personennahverkehr, aber auch die Kultur, der Einzelhandel und die Logistik und viele andere sind für das gesellschaftliche Zusammenleben überlebensnotwendig und gehören ausgebaut und aufgewertet. Es ist auch völlig unverständlich, warum die Arbeit mit, an und für Menschen schlechter bezahlt sein sollte als die an Maschinen.

Das ist auch deshalb dringend erforderlich, weil davon mittelfristig der erfolgreiche Umbau hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft abhängt: Die sozialökologische Transformation wird nur dann auf gesellschaftliche Akzeptanz stoßen, wenn die wegfallenden gut bezahlten und abgesicherten Industriearbeitsplätze durch ebenso gut bezahlte Dienstleistungstätigkeiten mit guten Arbeitsbedingungen ersetzt werden. Solange die Perspektive prekäre und schlecht bezahlte Jobs sind, wird der Umbau der Wirtschaft auf Widerstand stoßen.

Natürlich sind hier die Gewerkschaften gefragt – die Organisierung der Beschäftigten und die Durchsetzung von Tarifverträgen ist ihre ureigenste Aufgabe. Aber auch die Politik ist am Zug: indem sie das Tarifsystem stützt durch die Eindämmung prekärer Beschäftigung, die erleichterte Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen und die Vergabe öffentlicher Aufträge nur an tarifgebundene Betriebe.

Darüber hinaus brauchen wir aber auch eine gezielte Dienstleistungspolitik, die Konzepte für die unterschiedlichen Dienstleistungsbranchen ausarbeitet und umsetzt – von Dienstleistungsforschung über Technologiepolitik bis hin zu Regulierungs- und Finanzierungsfragen. Das muss eine zentrale Aufgabe der Politik werden, sie darf nicht ökonomisch kurzfristig agierenden sowie sozial und ökologisch blinden Märkten überlassen bleiben.