04.04.2021MMT

Der neue Keynesianismus

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Michael Wendl Ehemaliger Gewerkschaftssekretär und Ökonom
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Zur Rückkehr des Keynesianismus

Die groß dimensionierten Konjunkturprogramme in den wichtigen Wirtschaftsgesellschaften der Welt, an der Spitze das Investitionsprogramm von Joe Biden in den USA, zeigen, die Lehre von John M. Keynes ist zurück. Das Neue an diesem Keynesianismus gegenüber dem alten Keynesianismus der 1950/60-er Jahre ist die Sicht auf die Bedeutung des Geldes für den Wirtschaftskreislauf. Damit wird an eine Erkenntnis von Keynes wieder angeknüpft, die in der frühem Keynes-Interpretation an den Rand gedrängt worden ist.

Der Kapitalismus ist eine Geldwirtschaft, keine Güterwirtschaft. Keynes hatte von einer monetären Theorie der Produktion gesprochen. Nicht der Produktion vorausgesetzte Ersparnisse finanzieren Investitionen, sondern Kredite, also der Geldbeitrag, den das Bankensystem schaffen kann. Insofern ist es nicht nötig zu sparen, um zu investieren, sondern umgekehrt, Investitionen schaffen Einkommen, aus denen dann Ersparnisse gebildet werden können.

Dabei sind Geschäftsbanken und Zentralbanken in den Verfahren der Geldschöpfung von Giral- oder Buchgeld, was Geschäftsbanken machen, zum anderen Zentralbank- oder Notenbankgeld, was die Notenbanken praktizieren, nicht auf vorhergehende Einlagen der Sparer oder beim Zentralbankgeld, nicht auf Gold oder Devisen angewiesen, um neues Geld zu schöpfen.

Sie schaffen über die Bereitstellung von Krediten Geld quasi „aus dem Nichts“, wie das bereits 1911 der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter festgestellt hatte. Keynes sprach später unter dem Hinweis auf die Möglichkeit der staatlichen Geldschöpfung von Fiat-Money ebenfalls von Geld, das unbegrenzt geschaffen werden kann. Diese Erkenntnisse flossen nach dem 2. Weltkrieg jedoch nicht in die Konzeption des damaligen Standardkeynesianismus, wie wir ihn in Deutschland als Konzept der antizyklischen Globalsteuerung kennen, ein.

Keynesianismus der 1970er Jahre

Was sich durchsetzte – in Deutschland 1967 unter der Federführung des SPD-Finanzministers Karl Schiller – war eine Einbindung der makroökonomischen Perspektive der Keyneschen Theorie in ein Modell von drei Märkten, einem Gütermarkt, auf dem Ersparnisse und Investitionen in einen Gleichgewichtszustand gebracht werden sollten, in einen Kapitalmarkt, auf dem sich Liquidität und Geldangebot einpendeln und in einen Arbeitsmarkt, auf dem Löhne und Beschäftigung ins Gleichgewicht kommen sollten.

Im Kern war es nach wie vor ein neoklassisches Modell, in dem die Ersparnisse die Investitionen bestimmen (Investment = Savings, I-S) und das Geldangebot (Money Supply durch die Liquidität, L-M) bestimmt wird. In der Fachsprache war das dann der Keynesianismus des IS-LM-Modells. Hier hatte die Zentralbank die Möglichkeit, über die Höhe der Leitzinsen die Kreditvergabe zu steuern und die Staaten konnten mit öffentlichen über Kredite finanzierten Ausgaben die Investitionen fördern.

Dieses Modell geriet an seine Grenzen, als in der ersten Hälfte der 1970er Jahre in der Folge stark steigender Erdölpreise und der staatlichen Finanzierung des Vietnamkriegs die Preise spürbar gestiegen waren und die Gewerkschaften darauf mit höheren Lohnforderungen reagierten. Bereits 1974 hatte die Bundesbank darauf mit einer deutlichen Erhöhung der Leitzinsen reagiert und damit zugleich die Möglichkeiten der Bundesregierung mit einer Zunahme der öffentlichen, kreditfinanzierten Investitionen die Arbeitslosigkeit zurückzuführen, stark eingeschränkt. 1979/80 hatten dann auch die US-Federal Reserve unter Paul Volcker, die Leitzinsen drastisch angehoben und damit eine Wirtschaftskrise durchgesetzt, die durch hohe Arbeitslosigkeit und Firmenkonkurse die Inflation spürbar senken konnte. Nach 1981 schlug dann die Stunde der „Reaganomics“, also die Dominanz eines Regimes neoliberaler Wirtschaftspolitik, dass sich, wenn auch mit nationalen Modifikationen weltweit durchsetzen konnte.

Zäsur der Finanzkrise

Die erste Zäsur oder Wende in dieser Entwicklung kam nach der großen Finanzkrise 2007-09. Einmal wurden nationale Konjunkturprogramme zur Dämpfung der Krise und zu Stimulierung von Konjunkturaufschwüngen aufgelegt und die großen Zentralbanken, auch die EZB, senkten die Leitzinsen, um die Kreditvergabe zu unterstützen. Diese Korrektur wurde aber in Europa bereits 2009/10 abgebrochen, als in Deutschland eine Schuldenbremse für öffentliche Kredite Verfassungsrang erhielt und diese Regeln durch den Fiskalpakt EU-weit verallgemeinert wurden. Aber auch in den USA war die Konjunkturstimulierung unter Barack Obama zu gering dimensioniert, so dass es nicht zu einer längerfristig wirksamen Wende in der Wirtschaftspolitik kommen konnte.

Für den Euroraum kam die entscheidende Weichenstellung in Richtung eines monetär verstandenen Keynesianismus 2012, als Mario Draghi mit seiner „Whatever it takes“- Ankündigung darauf hingewiesen hatte, dass die EZB auf den sog. Sekundärmärkten Staatsanleihen aufkaufen würde, was europarechtlich zulässig ist. Nur der direkte Kauf von Staatsanleihen – auf dem Primärmarkt – ist ihr untersagt. Aber es war nicht nur diese Erweiterung der geldpolitischen Instrumente der EZB und der anderen wichtigen Zentralbanken, die den Aufstieg eines neuen Keynesianismus begünstigt hatten. Es war mindestens ebenso stark der Anstieg der globalen Ungleichgewichte bei der Vermögensentwicklung, ein Prozess, auf den Thomas Piketty mit seinen empirischen Untersuchungen aufmerksam gemacht hatte.

Es war zu einem Überschuss an Anlagen suchenden Kapital, zu einer „Savings Glut“ (Larry Summers) gekommen, die auf den Kapitalmärkten zu einem langfristigen Fall der Zinsen geführt hatte, ein Prozess, der durch die Geldpolitik der Zentralbanken nicht verursacht, sondern begleitet wurde. Eine makroökonomische Konstellation, die faktisch dazu zwingt, dass die Staaten verstärkt Kredite nachfragen müssen, um die unzureichenden Investitionen der nicht-finanziellen Unternehmen zu ergänzen und zusätzlich anzuregen.

Modern Monetary Theory

Diese Aufgabe wird dadurch erleichtert, dass Staatsanleihen in einem ersten Schritt auf dem sog. Primärmarkt von einer Bietergruppe großer Geschäftsbanken gekauft werden, die dann auf den Sekundärmärkten mit diesen Anleihen handeln. Hier können die Zentralbanken dann diese Staats-, aber auch Unternehmensanleihen wieder zurückkaufen. Die Geschäftsbanken bezahlen diese Staatsanleihen mit Reserven an Zentralbankgeld, die sie auf ihren Konten bei der zuständigen Zentralbank halten. Da hier sie hier teilweise Minuszinsen zahlen, gibt es für sie einen massiven Anreiz Staatsanleihen, die angeboten werden, zu kaufen.

Bei einem Zinssatz von 0,5 % machen sie noch Geschäfte, wenn sie eine negative Rendite von 0,4 % akzeptieren, wie das aktuell bei deutschen Staatsanleihen der Fall ist. In letzter Instanz bezahlen daher die Zentralbanken und nicht die Finanzmärkte diese Staatsanleihen. Theoretisch und empirisch nachgezeichnet, bedeutet das eine Variante der post-keynesianischen Theorie, die Modern Monetary Theory genannt wird.

In der Konsequenz dieser Beobachtung wird von den Vertretern dieser Theorie vorgeschlagen, dass die Zentralbanken direkt ihre Staaten finanzieren können und nicht mehr den Umweg über den Rückkauf auf den Sekundärmärkten gehen müssen. Gegenwärtig ist das im Euroraum rechtlich nicht zulässig, in anderen Ländern wird es bereits praktiziert. In der Folge dieser neuen geldpolitischen und wirtschaftspolitischen Entscheidungen werden sich auch die theoretischen Begründungen und Leitbilder entsprechend ändern.

Insofern ist der neue Keynesianismus bereits Wirklichkeit geworden, auch wenn seine Vorschläge von ordoliberalen und neoklassischen Ökonomen gegenwärtig noch heftig kritisiert werden.

 

Lesen Sie hier auch den Text von Dr. Dirk Ehnts zur „Modern Monetary Theory“. Hier der Link