Ein Essay über Zustand und öffentliche Rezeption des Kapitalismus

 

Seit Jahren dominiert in der deutschen Öffentlichkeit der Klageton, das Jammern über soziale Ungerechtigkeit, über den Werteverfall – und neuerdings wieder einmal die Prophezeiung vom Ende des Kapitalismus. Pessimismus ist die Krankheit eines Zeitalters, das nicht mehr an den Fortschritt zu glauben wagt. Und immer mehr Leute scheinen eine Art Krankheitsgewinn aus dem Schwarzsehen ziehen zu wollen. Hoffnungslosigkeit verkauft sich gut. Wir leben in einem Zeitalter des Pop-Pessimismus. Konkret sieht das so aus: Globale Erwärmung, Terrorismus, Aufstieg Chinas, Niedergang des Westens – und jetzt auch noch Corona. Wer nichts anderes mehr sieht und hört, lernt, sich hilflos zu fühlen.

Optimismus als Alternative zum Pop-Pessimismus

Aber auch Optimismus kann man lernen. Der Optimist verleugnet die Realität nicht, sondern er ermöglicht sie überhaupt erst. Prototypisch und traditionell steht dafür ja der Unternehmer. Konkret verkörpert wird diese Gestalt vom couragierten Emporkömmling, dem schöpferischen Zerstörer. Aber eben auch vom Künstler. Und tatsächlich hat Schumpeter den Unternehmer als den Künstler gefeiert, der das Neue gestaltet. Was beide verbindet, ist die „Freude am Gestalten“ – zu Deutsch: innovativer Geist. Und wir sehen heute, dass dieses „Unternehmermoment“ nicht nur in der Wirtschaft gefragt ist, sondern auch im öffentlichen Bereich und in den sozialen Organisationen.

Wenn wir uns mit dieser Freude am Gestalten, mit dem Mut zur Innovation der Welt zuwenden, die scheinbar aus den Fugen ist, dann eröffnen sich zwei Aufgabenfelder. Die moderne Gesellschaft muss eine äußere Balance in ihrem Verhältnis zur Umwelt, zur Natur finden. Grün ist die Farbe für die Suche nach dem ökologischen Gleichgewicht. Die ökologische Beschreibung der Welt hat in den letzten Jahrzehnten aus der Menschheit wieder eine Schicksalsgemeinschaft gemacht. Hier steht jetzt der Schritt vom Protest zur Aktion an. Der ökologisch orientierten Ökonomie geht es nicht nur darum, zu retten und zu bewahren, sondern auch zu gestalten.

Die innere Balance betrifft das Verhältnis der gesellschaftlichen Gruppen zueinander; und hier herrscht eine extreme Ungleichheit der Lebenschancen. Rot ist die Farbe für die Suche nach dem sozialen Gleichgewicht. Wir können also formelhaft zusammenfassen: Nachhaltigkeit ist die Utopie der äußeren Balance, die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie. Soziale Gerechtigkeit ist die Utopie der inneren Balance, die Versöhnung von Profit und Verantwortung.

Grün und rot: Damals und heute

In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts entstand das Umweltbewusstsein, das „die Grenzen des Wachstums“ markieren wollte. Jahrzehnte lang sah es so aus, als müssten wir uns zwischen der Sorge um die Natur und wirtschaftlichem Erfolg entscheiden. Unsere Gesellschaft hat fast ein halbes Jahrhundert gebraucht, um zu begreifen, dass Ökonomie und Ökologie keinen Gegensatz bilden. Man kann mit Umweltbewusstsein gute Geschäfte machen.

Das große Thema des 21. Jahrhunderts lautet „soziale Gerechtigkeit“. Jetzt geht es um das Gleichgewicht, das unsere moderne Gesellschaft im Verhältnis der Klassen und Generationen einerseits, im Verhältnis von Staat und Wirtschaft andererseits finden muss. Nach der Versöhnung von Ökonomie und Ökologie am Ende des 20. Jahrhunderts geht es im 21. Jahrhundert um die Versöhnung von Profitmotiv und sozialer Verantwortung. Wir fragen nicht nach den Grenzen des Wachstums, sondern nach einem neuen, sozialen Reichtum, der sich mit den klassischen Begriffen der Ökonomie nicht fassen lässt.

Zug um Zug hat die moderne Gesellschaft die Forderungen der Französischen Revolution verwirklicht: Die Forderung nach Freiheit wurde im Liberalismus des 19. Jahrhunderts zumindest formal erfüllt. Die Forderung nach Gleichheit erfüllte der Sozialstaat des 20. Jahrhunderts – soweit das realistischer Weise möglich ist. Und die Idee der Brüderlichkeit will der Sozialkapitalismus des 21. Jahrhunderts verwirklichen. Dieser Begriff bezeichnet eine tiefgreifende ethische Aufladung der Wirtschaft. Die gemeinsamen Werte, die die globalisierte Welt zusammenhalten, bilden sich heute nicht mehr nur in der Politik, sondern vor allem im Business.

Der neue Kapitalismus hat den Sozialismus verinnerlicht

Nur scheinbar vollzieht sich die Produktion des sozialen Reichtums gegen die Wirtschaft und gegen die Politik. Wenn wir immer mehr von Non-Profit-Organizations und Nicht-Regierungs-Organisationen hören, dann bedeutet das ja nicht, dass keine Profite gemacht und keine Entscheidungen gefällt würden. Im Gegenteil. Heute ist Non-Profit das Portal zum neuen Profit. Und Nicht-Regierungs-Organisationen haben einen enormen Einfluss auf die konkreten, politischen Entscheidungsprozesse. Der Umbau des Kapitalismus hat also längst stattgefunden. Er hat den Sozialismus verinnerlicht. Nicht erst seit die Deutschen die soziale Marktwirtschaft mit friedlichen Tarifpartnern erfunden haben, sondern eigentlich schon seit Henry Ford kennen wir einen gebenden, sorgenden Kapitalismus. Ford schenkte Massachusetts eine Autobahn und kam auf die großartige Idee, den Arbeitern nicht so wenig wie möglich, sondern so viel wie möglich zu zahlen.

Die Produktion des sozialen Reichtums erfolgt aus drei Quellen: Da sind zum einen die Menschen der Wohlstandswelt, denen es nicht mehr genügt, sich selbst zu verwirklichen, sondern die ihr Leben an Werten und sozialen Ideen orientieren wollen. Man kann diesen Trend mit dem Psychologen Abraham Maslow Selbsttranszendierung nennen. Da ist, zweitens, das Internet, das längst nicht mehr nur ein Medium der Informationsverarbeitung ist, sondern sich zu einem sozialen Medium entwickelt hat, in dem die Menschen ihr Alltagsleben organisieren. Da ist, drittens, die kapitalistische Marktwirtschaft, an die die Bürger und Konsumenten zunehmend Erwartungen herantragen, die man früher an die Kirche oder an den Staat adressiert hätte. Die Bürger erwarten, dass die Unternehmen soziale und politische Verantwortung für den Stand der Weltdinge übernehmen. Das zwingt die Unternehmen zu einem neuen Selbstverständnis, das man Sozialkapitalismus beziehungsweise sorgenden Kapitalismus nennen könnte.

Als der Philosoph Alexandrè Kojève 1957 hellsichtig den Begriff „gebender Kapitalismus“ in einem Vortrag präsentierte, wurde ihm entgegengehalten, niemand könne geben, ohne zuvor zu nehmen. Der Einwand bleibt natürlich richtig, und auch in Zukunft wird es Altruismus auf wirtschaftlicher Ebene nur geben, wenn er die Fitness eines Unternehmens steigert. Und dennoch hat Kojève etwas Entscheidendes gesehen. Es geht hier um das Ende des eindimensionalen Kapitalismus, der jedes Geschäft mit der Frage nach der Organisation und dem Profit begonnen hat. Der gebende, der sorgende Kapitalismus hat von den Non-Profit- und Non-Governmental-Organizations gelernt, dass man mit einer Mission, einer Vision, der Umwelt, der Gemeinschaft und dem Kunden beginnen muss. Die entscheidende Pointe des Sozialkapitalismus besteht also darin, dass Profit und Non-Profit keinen Gegensatz mehr darstellen, sondern dass Non-Profit als Portal zum neuen Profit verstanden wird.

Kapitalismus mit gutem Gewissen

Die wichtigen und zukunftsfähigen Unternehmen arbeiten heute an einem Kapitalismus mit gutem Gewissen. Sie kommunizieren nicht nur ihre Produkte, sondern auch ihre Haltungen und Identitäten. Im gemeinnützigen Engagement tritt jede Firma als Großer Bürger auf. Ein erfolgreiches Unternehmen muss deshalb ein Gesicht haben. Es geht hier um Kreditwürdigkeit, Ansehen und Vertrauenswürdigkeit. Es geht heute vor allem auch um Werte wie Authentizität, Reputation, Transparenz, soziale Verantwortlichkeit, Nachhaltigkeit, Teamgeist, Fairness, Respekt, Sorge, Bürgerlichkeit. Ob die organisatorische Verkörperung dieser Werte gelingt, oder nur die Werbe-Rhetorik einer ethischen Plakatwelt geboten wird, entscheiden die Kunden als Bürger, die gerade auch im Akt des Konsums zu Werte-Wählern geworden sind.