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Neue Lernstrategien braucht das Land – und zwar schnell. Angesichts der COVID-19-Krise, des demografischen Wandels und des globalen Wettbewerbs müssen Unternehmen stärker denn je in die Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden investieren. Jetzt braucht es einen Schulterschluss von Politik und Wirtschaft: Gemeinsam mit Accenture arbeitet das Fachforum „Arbeitswelt, Tarifpartnerschaft und Integration“ des Wirtschaftsforums der SPD an Lösungen.

Die Arbeitswelt ändert sich rasend schnell. Niemand weiß, welche Kompetenzen im Jahr 2031 gefragt sein werden. Sicher ist nur, dass viele weitere Aufgaben automatisiert werden. Der Staplerfahrer, die Industriearbeiterin und viele mehr brauchen dann neue berufliche Perspektiven, die auf ihren Kompetenzen aufbauen.

Wenn das Wissen von heute aber in einer Dekade schon veraltet ist, dann führt das zu einer dramatischen Abwertung traditioneller Lernpfade. Lernen wird also erstens zu einer lebenslangen Notwendigkeit und zweitens immer kleinteiliger und individueller. Zwar haben Regierung und Unternehmen verschiedene Ansätze zur Subventionierung und Förderung des Lernens entwickelt, um Qualifikationslücken zu schließen und die Beschäftigungsfähigkeit zu erhöhen.

Den Unternehmen stehen also bereits viele Möglichkeiten offen, auf die Entwicklung zu reagieren – doch sie nutzen sie nicht konsequent. Das ist auch kein Wunder, denn der beispiellose Wandel erfordert völlig neue Konzepte. Für welche Tätigkeiten sollen sich Lernende und Mitarbeitende qualifizieren? Wie können Organisationen in der zunehmend diversifizierten Gesellschaft wirklich jede und jeden abholen – unabhängig von Bildungsstand, Qualifikationsgrad und Sprachkenntnissen? Wie lässt sich die Kultur des lebenslangen Lernens in den Köpfen und Strukturen verankern?

Wir glauben, dass diese Fragen bereits beantwortet sind. Es kommt jetzt darauf an, auch tatsächlich zu handeln und Vertreter aus Politik und Wirtschaft in einem gemeinsamen Projekt zusammenzubringen.

Die Studienlage stimmt durchaus optimistisch: 73 Prozent der deutschen Unternehmen bewerten die betriebliche Weiterbildung als sehr wichtig für ihren langfristigen Erfolg.[i] Insgesamt 41,3 Milliarden Euro jährlich stecken sie in die Aus- und Weiterbildung.[ii] Auf Arbeitnehmerseite ist die Motivation hoch: Vier von fünf Mitarbeitenden wollen sich fort- und weiterbilden.[iii] Auch das Wie ist im Grunde klar. Lernen wann und wo man will – das ist für viele von uns bereits seit Jahren Realität. Kommerzielle Plattformen wie Coursera, Skillshare oder Udacity locken mit Tausenden Kursen. Unternehmen bieten ihren Mitarbeitenden vermehrt Lerninhalte auf Abruf und automatisierte Hilfestellungen im Moment des Bedarfs.

Doch es läuft eben längst nicht alles rund. Den meisten Unternehmen fehlt eine zentrale Strategie, die alle Abteilungen einbettet. Und die Mitarbeitenden sind häufig überfordert mit der Masse von Lernangeboten und können nicht einschätzen, welche Fähigkeiten sie in Zukunft brauchen werden. Was wir jetzt benötigen, ist ein ganzheitlicher Ansatz: Wir müssen die Puzzleteile zusammensetzen und das digitale Lernen in der Lebenswelt verankern.

Welche Institutionen, Werkzeuge und Gesetze also braucht es, um ein wirklich effektives Lernen zu ermöglichen? Mit dieser Frage setzen wir uns aktuell im Rahmen des Fachforums „Arbeitswelt, Tarifpartnerschaft und Integration“ des Wirtschaftsforums der SPD auseinander und kooperieren dabei mit Accenture. Gemeinsam führen wir intensive Diskussionen mit Vertretern von Regierung, Institutionen und Unternehmen, um die Möglichkeit eines Pilotprojekts auszuloten und konkrete Lösungen für das lebenslange Lernen zu erarbeiten. Wir wenden unter anderem die Methode Design Thinking an, um den Ansatz maximal nutzerzentriert zu gestalten.

Dabei folgen wir einer klaren Maxime: Der einzelne Mensch muss im Mittelpunkt der Technologie stehen. Nichts anderes ist ja das Erfolgsgeheimnis der digital erfolgreichsten Staaten und Unternehmen. Konkret heißt das: Angebot (Lerninhalte) und Nachfrage (Lernwillige) müssen zusammenfinden. Dafür bietet sich ein sogenanntes Matching-Tool an. Dort können Menschen beispielsweise ihre Wünsche und Berufserfahrungen angeben und bekommen die passenden Lernangebote angezeigt – unabhängig vom Anbieter. Das bringt Transparenz und damit Vergleichsmöglichkeiten. Auch könnten sich den Menschen damit Weiterbildungschancen auftun, mit denen sie gar nicht gerechnet hatten. Ein solches Portal müsste sich natürlich so einfach bedienen lassen, dass es wirklich jeder effektiv nutzen kann.

Wenn der gemeinsame Kraftakt gelingt, kommen wir unserem Ziel näher: Wir schließen Qualifikationslücken und machen insbesondere Industriearbeitende individuell fit für die digitale Zukunft. Weiterbildung als Wirtschaftsfaktor – das könnte genau das Erfolgsmodell sein, das Deutschland jetzt braucht.

 

 

[i] Manfred Kirchgeorg u. a., „Trendmonitor Weiterbildung“, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V., 2018.

[ii] Susanne Seyda und Beate Placke, „IW-Weiterbildungserhebung 2020: Weiterbildung auf Wachstumskurs“, IW-Trends 47, Nr. 4 (2020): 105–23, https://doi.org/10.2373/1864-810X.20-04-07.

[iii] Bundesinstitut für Berufsbildung, „Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2019“ (Bonn, 2019).