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Die Debatte um Klimaschutz durch Verzicht ist so alt wie kontrovers. Doch es gibt drei handfeste Gründe, den Streit endlich beizulegen: die Impotenz des Verzichts, seine gefährlichen Nebenwirkungen und die Dringlichkeit des Klimawandels. Stattdessen sollten wir uns ab sofort auf die Chancen konzentrieren, die der Kampf gegen den Klimawandel eröffnet.

Wie wirkungslos die Strategie des Verzichts ist, zeigt das Beispiel der Flugscham. Wer nicht aufs Fliegen verzichte, so die ökomoralistische Interpretation, verweigere sich dem Klimaschutz, was ihn zum Klimasünder mache, wofür er sich zu schämen habe. Insbesondere Inlandsflieger sind so zur Projektionsfläche konservativer Ökologie geworden.

Ein Blick auf die Fakten jedoch entzaubert diese irrationale Argumentation sofort: Der Flugverkehr emittiert rund 2,5% aller Treibhausgase weltweit, deutsche Inlandsflüge stellen 0,3% der nationalen Treibhausgasemissionen dar. Nun könnte man sagen, jedes Bisschen zählt, aber das wäre eine katastrophale Priorisierung; wer die Dimensionen des Klimawandels kennt, muss „Kleinvieh“ wie den Flugverkehr weit hinten anstellen und sich zuerst um die Großbaustellen kümmern, also die restliche Mobilität, Energieproduktion, Industrie, Gebäude und Landwirtschaft.

In Europa kommt noch etwas hinzu: Im Gegensatz zu seinem größten Konkurrenten, dem Auto, ist der Flugverkehr zur Teilnahme am Europäischen Emissionshandel verpflichtet, dem ETS. Mit jedem geflogenen Kilometer steigt also der Preis für Emissionen und damit die vielleicht wichtigste klimapolitische Währung der kommenden Jahrzehnte: der Innovationsdruck. Dieser ETS könnte innerhalb kurzer Zeit auf alle Verursacher von Treibhausgasen ausgeweitet werden, doch das scheitert in Deutschland an einer Großen Koalition, die sich in immer kleinteiligere Insellösungen verstrickt, statt einen starken Masterplan aufzusetzen – dazu später mehr.

Dass die Strategie des Verzichts aber insgesamt keine Umweltprobleme löst, hat nun die Corona-Pandemie offengelegt. Die Ergebnisse dieses unfreiwilligen Askese-Experiments sind auch in dieser Hinsicht ernüchternd bis niederschmetternd: Der Earth-Overshoot-Day, an dem die Menschheit alle Ressourcen verbraucht hat, die ihr in einem Jahr für einen nachhaltigen Lebensstil zur Verfügung stehen – inklusive CO2 – wurde durch Lockdown-Maßnahmen um gerade mal 24 Tage nach hinten verschoben: vom 29. Juli in 2019 auf den 22. August in 2020.

Wie lange und hart wir die Weltwirtschaft herunterfahren müssten, um auf dem 31. Dezember zu landen, lässt sich grob vermuten. Was der Lockdown rein für den Klimaschutz bedeutet, hat der Gründer der deutschen Klimatagung in Hamburg auf den Punkt gebracht: Die Emissionen sind während der Lockdowns um knapp 8% zurückgegangen, was etwa einem Monat Reduktion entspricht. Um die Pariser Klimaschutzziele auf diesem Wege zu erreichen, müssten wir demnach „den Lockdown unbegrenzt fortsetzen und jedes Jahr eine weitere Maßnahme mit ähnlicher Wirkung installieren.“

Verzicht ist also spätestens jetzt nachweislich unwirksam, doch es gibt noch einen weiteren Grund, diesen Irrweg endgültig zu verlassen: Verzicht hat katastrophale Folgen. Die religiös anmutende Verteufelung von Konsum und Wirtschaftswachstum und die Vergötterung von Verzicht mag jenen Menschen leicht fallen, deren Grundbedürfnisse aktuell gesichert sind. Doch für den absoluten Großteil der Menschheit ist Wirtschaftswachstum die einzig reelle Chance auf ein Leben außerhalb der Armut. Die von Askese-Aposteln geforderte Stagnation des Wirtschaftswachstums stellt für Milliarden Menschen eine ernsthafte Bedrohung dar, weil so der Ausbau ihrer Versorgung mit Nahrung, Trinkwasser, medizinischer Versorgung, Elektrizität, einem Dach überm Kopf und Bildung behindert wird. Wer also auch nur ein bisschen über den Tellerrand des Klimaschutzes hinausschaut, erkennt die Komplexität des Klimawandels, der in zahlreiche Zielkonflikte eingebunden ist.

Statt also weiterhin wertvolle Zeit und Energie mit der Debatte darüber zu verschwenden, wie wir ein bisschen weniger Fehler machen können, müssen wir uns endlich auf die Chancen der Transformation konzentrieren, zu der der Klimawandel uns zwingt. Denn erstmalig in unserer Geschichte stehen wir vor einem Problem, das die ganze Menschheit betrifft und nur in globaler Kooperation gelöst werden kann. Verzicht und Minuswachstum sind unwirksam bis kontraproduktiv, also müssen ökologische und ökonomische Ziele miteinander in Einklang gebracht werden.

Die Weltwirtschaft muss weiter wachsen, aber eben klimaneutral und perspektivisch sogar klimapositiv – weil wir die Pariser Klimaziele nicht ohne Negativemissionen erreichen können. Um diese Mammutaufgabe zu bewältigen, bedarf es einer effektiven Aufgabenteilung unter allen Akteuren. Und weil die aktuelle Bundesregierung darin offenbar Defizite aufweist, hat das Bundesverfassungsgericht mit seinem jüngsten Urteil zum Klimaschutzgesetz nun nachgeholfen. Darin hat es eine fein austarierte Abwägung jener Ideale vorgenommen, die den Kern des Liberalismus darstellen: Freiheit und Verantwortung.

Glasklar ist damit der Auftrag an Gesetzgeber: Er muss das Erreichen von Klimazielen sicherzustellen, dabei aber stets so wenig wie möglich in die Handlungsfreiheit der Menschen eingreifen. Das mag schwierig klingen, ist aber mit dem ETS längst Realität: Die Emissionen der Energiewirtschaft sowie großer Teile der Industrie und der innereuropäischen Luftfahrt werden marktwirtschaftlich reduziert, und zwar mit Erfolg. Die Menschen können weiterhin Strom verbrauchen, Industriegüter nutzen und fliegen – und dennoch sinken die Emissionen.

Zum Schutze der Freiheit heutiger und folgender Generationen muss der Gesetzgeber also einen Plan dafür vorlegen, dass das Klima geschützt wird und in welchem Tempo das geschehen muss. Auf welchem Wege dies jedoch geschehen soll, mit welchen Technologien also und wer die restlichen Treibhausgase noch ausstoßen darf – das liegt außerhalb seiner Kompetenz, und zwar im doppelten Sinne: Der Gesetzgeber kann es nicht entscheiden, weil er über kein technologisches Know-How verfügt, und er darf es nicht entscheiden, weil er damit das Selbstbestimmungsrecht der heutigen Generationen verletzt. Verfassungsrechtlich ist das CO2-Limit des Emissionshandels das einzig sinnvolle Verbot, das der Gesetzgeber aussprechen kann.

Und weil der Klimawandel ein gigantisches Problem ist, sollten wir nicht vor großen Visionen zurückschrecken: Im Idealfall arbeiten wir auf einen globalen CO2-Handel hin. Denn je mehr Staaten an einem gemeinsamen Emissionshandel teilnehmen, desto höher wird der Innovationsdruck – und desto kleiner die CO2-Oasen, in die Emittenten vor diesem Wettbewerb flüchten können. Mit einem internationalen CO2-Preis zwingen wir uns gegenseitig dazu, die Chancen auszunutzen, zu denen der Klimawandel uns zwingt: Regenerative Energien ausbauen, Speichertechnologien entwickeln, Wasserstoff nutzen, unvermeidbares CO2 vor dem Ausstoß einfangen oder aktiv aus der Atmosphäre entziehen und dann speichern oder nutzen, synthetische Kraftstoffe herstellen, CO2-Senken wie Wälder und Moore renaturieren oder anlegen, Häuser bauen, die mehr Energie produzieren als sie verbrauchen …

All solche technologischen Innovationen bieten uns die Chance, uns als Menschheit weiterzuentwickeln. Wir waren schlau genug, den Widrigkeiten eines „Lebens im Einklang mit der Natur“ zu entfliehen, indem wir fossile Brennstoffe zu unserem Vorteil genutzt haben – aber zum Nachteil des gesamten Planeten, inklusive uns selbst. Jetzt müssen wir uns gegenseitig dazu anspornen, unsere Intelligenz zum Vorteil des gesamten Ökosystems zu nutzen. Mit dem Ruf nach einer Rückkehr in eine romantisch-verklärte Vergangenheit kann das nicht gelingen. Nur die Kombination von Ökologie und Ökonomie kann uns in ein post-fossiles Zeitalter führen – zuverlässig, rechtzeitig und effektiv.