10 Jahre Industrie 4.0: Der Mensch steht im Mittelpunkt

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Vor zehn Jahren haben wir die vierte industrielle Revolution in Deutschland ausgerufen. Und die Vision wird Stück für Stück Realität: Mittlerweile setzen 62 Prozent der deutschen Unternehmen Industrie 4.0-Anwendungen ein. Inzwischen ist der Begriff Industrie 4.0 auch eine international anerkannte Marke, die für eine kopernikanische Wende in der Industriearbeit steht: Nicht mehr bestimmt eine weitgehend starre Massenproduktion darüber, welche Produkte gleichartig und in großer Zahl hergestellt werden. Das einzelne Produktionsstück bestimmt entlang individueller Kundenwünsche seinen Weg durch die Fertigung. Damit wird auch die Rolle der Beschäftigten verantwortungsvoller – unterstützt durch digitale Technologien steuern sie die komplexen und in Echtzeit vernetzten Prozesse der Industrie 4.0.

Name und Idee entstanden im Berliner Büro von acatech – im Gespräch mit Wolfgang Wahlster (DFKI) und Wolf-Dieter Lukas (BMBF). Wir waren damals überzeugt: Menschen, Maschinen und Produkte werden künftig in Echtzeit miteinander vernetzt. Starre Wertschöpfungsketten werden abgelöst durch hochdynamische Wertschöpfungsnetzwerke und neue Arten flexibler Kooperation. Auf Kundenwünsche und Schwankungen in der Lieferkette können Unternehmen auf diese Weise unmittelbar reagieren. Individualisierte Produktion wird zum Preis der Massenproduktion möglich. Industrie 4.0 ist deshalb attraktiv für Kunden und verspricht auch eine höhere Effizienz, Resilienz und Nachhaltigkeit, weil nicht mehr immer mehr vom Selben produziert wird. Die digital vernetzte Produktion ermöglicht neue Geschäftsmodelle, sie schont natürliche Ressourcen und schafft abwechslungsreiche Arbeitsplätze für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Arbeit wird anspruchsvoller

Um gleich mit einem Missverständnis aufzuräumen: Uns ging es keineswegs nur um den Einsatz neuer, faszinierender Technologien. Uns ging es genauso um eine neue Unternehmensorganisation und eine Arbeitswelt, in der körperlich anstrengende Aufgaben ebenso wie monotone Tätigkeiten von intelligenten Maschinen übernommen werden – eine Arbeitswelt, die menschliche Kreativität und die Zusammenarbeit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern fördert. Denn es sind vor allem Organisations- und Kreativaufgaben, denen sich die Menschen in der Industrie 4.0 widmen werden. Sie können sich auf ihre Kernkompetenz fokussieren: die Entwicklung neuer Ideen und Prozesse. Arbeit wird dadurch einerseits anspruchsvoller, macht auf der anderen Seite aber auch mehr Spaß. Zu Beginn der Reise hatten Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmervertreter durchaus kritische Fragen. Doch schon in der Konzeptionsphase arbeiteten Gewerkschaften intensiv und sehr konstruktiv im damaligen Arbeitskreis Industrie 4.0 mit.

Studien und Umfragen von acatech zeigen indes: Viele Menschen unterschätzen nach wie vor die Radikalität und Geschwindigkeit, mit der die digitale Transformation unsere Arbeitswelt verändert. Was heute noch gilt, wird sich in der Industrie 4.0 stetig wandeln. Das Zusammenwachsen digitaler Kommunikationstechnologien mit intelligenten Maschinen erhöht die technologische und organisatorische Komplexität und die Veränderungsdynamik von Arbeit. Die Flexibilisierung der Produktion wird bei Beschäftigten höhere Kompetenzen über vor- und nachgelagerte Arbeitsabläufe erfordern. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind zukünftig stärker gefragt, Entscheidungen zu treffen, die kein Algorithmus treffen kann. Lernen über alle Phasen des beruflichen Lebens hinweg wird deshalb immer wichtiger. Es sollte von Politik und Wirtschaft nach Kräften gefördert und von Beschäftigten beherzt in Anspruch genommen werden.

Weiterbildungen werden wichtiger

Für Betriebe bedeutet das, dass die stetige Kompetenzentwicklung zu einer Kernaufgabe wird und sie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gezielte Weiterbildungen in regelmäßigen Abständen anbieten müssen. Nur so können sie den Beschäftigten genau die Werkzeuge an die Hand geben, die sie für den digitalen Wandel in den Arbeitswelten benötigen. Beschäftigte und Unternehmen müssen in dieser Frage ganz eng zusammenarbeiten, damit das Fachwissen mit der technologischen Entwicklung Schritt hält. Deshalb muss Weiterbildung auch zukünftig in der Hand der Unternehmen bleiben.

An anderer Stelle muss die Politik die richtigen Weichen stellen. Wir brauchen ein klares Bekenntnis und neue Fördermodelle für lebensbegleitendes Lernen, wir brauchen mehr Flexibilität und regulative Spielräume mit Blick auf die Arbeitszeitgestaltung und wir brauchen eine innovationsorientierte Mitbestimmung in einer starken Sozialpartnerschaft. Deutschland behauptet seine Spitzenstellung bei der Technologieentwicklung für die Industrie 4.0. Jetzt müssen wir bei den Arbeits- und Organisationsprozessen nachziehen. Voraussetzung ist eine neue Governance, die Veränderungsbereitschaft fördert und Freiräume schafft – in Betrieben, Unternehmen und Einrichtungen der öffentlichen Hand. Aber genauso auch mit Blick auf die Regulierung.

Was jetzt getan werden muss, hat der Human-Ressource-Kreis (HR-Kreis) von acatech in einem kürzlich veröffentlichten Politikbrief zusammengefasst. Vorstände von DAX-Unternehmen und unsere Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft identifizieren in dem Papier zentrale Handlungsfelder auf dem Weg in die Arbeitswelt von morgen. Sie können den kompletten Politikbrief „Chancen für Innovation und gute Arbeit – Impulse des HR-Kreises für die Politik“ hier herunterladen.

Nationales Kompetenzmonitoring einführen

Noch immer fehlt in Deutschland ein systematisches Kompetenzmonitoring. Sowohl Beschäftigte als auch Unternehmen benötigen aber Orientierung zu Zukunftsprofilen und zur beruflichen Aus- und Weiterbildung. Über welche Kompetenzen müssen Beschäftigte verfügen, um die Technologien von heute und morgen zu beherrschen? Wie gut sind wir in der Aus- und Weiterbildung, welche Fragen werden wichtig für Forscherinnen und Forscher, Entwicklerinnen und Entwickler? Wie verändern sich Geschäftsmodelle und welche neuen Kompetenzbedarfe resultieren daraus? acatech, BDI und Hans-Böckler-Stiftung haben mit Unterstützung des Bundesforschungsministeriums ein Konzept für ein Nationales Kompetenzmonitoring entwickelt und erprobt. Die nächste Bundesregierung sollte die Initiative fortsetzen und als Instrument der strategischen Industriepolitik nutzen.

Freiräume für die Arbeitsgestaltung schaffen

Die heutigen Arbeitszeitregelungen stammen aus dem zweiten und dritten Industriezeitalter, das durch Fließbandfertigung und klar umgrenzte Aufgaben für IT und Industrieroboter geprägt ist. Diese tradierten Arbeitszeitregelungen begrenzen die digitalen Möglichkeiten des flexiblen, selbstbestimmten Arbeitens. Neue, dem technologischen Wandel angepasste Regelungen zu Höchstarbeitszeit, Mindestpausen und Ruhezeiten sollten größere Freiräume zur individuellen Gestaltung der Arbeit und zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf schaffen. Die Plattform Industrie 4.0 hat durch die Charta für Lernen und Arbeiten in der Industrie 4.0 eine Wertegrundlage für die zukunftsfähige Gestaltung der Arbeit vorgelegt, an der auch die Gewerkschaften von Anfang an beteiligt waren. In diesem Sinne ist es zu begrüßen, dass die Ampelparteien im Sondierungspapier für die Koalitionsverhandlungen den Wunsch der Sozialpartner nach flexibleren Arbeitszeitmodellen aufgreifen.

Innovationsorientierte Mitbestimmung stärken

Unternehmen müssen innovativ bleiben, um ihre Wettbewerbsposition zu behaupten. Betriebe, die es schaffen, sich schnell an neue Marktlagen anzupassen und Beschäftigte, die von individuellen Mitbestimmungsrechten profitieren, sind die beste Voraussetzung dafür. Eine moderne Kultur der Mitbestimmung stärkt die Mündigkeit des Einzelnen und setzt auf agile Verfahren. Digitale Mitbestimmungswege müssen deshalb im sozialpartnerschaftlichen Dialog erprobt und eine intensivere, unmittelbare Teilhabe von Beschäftigten an betrieblichen Willensbildungsprozessen ermöglicht werden. So könnte eine neue Balance zwischen den Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit von Unternehmen und den Interessen der Beschäftigten entstehen – eine Fortführung der Sozialpartnerschaft vorwärts ins vierte industrielle Zeitalter, die ein deutsches Alleinstellungsmerkmal und ein Wettbewerbsvorteil in der digitalen Transformation wäre.

Die digitale Transformation selbstbestimmt gestalten

Eine Grundüberzeugung des aus Vertretern von Wissenschaft und Wirtschaft zusammengesetzten HR-Kreises lautet: Die Beschäftigten sind die besten Gestalter ihrer eigenen Arbeitswelt. Sie müssen die Chance haben, die digitale Transformation selbstbestimmt mitzugestalten – und nicht nur „mitgenommen“ werden. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dabei mehr zuzutrauen, erfordert aber oftmals ein Umdenken: sowohl bei den Führungskräften in den Unternehmen als auch bei Betriebspartnern und beim Gesetzgeber. Die Anforderungen und Bedürfnisse einzelner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rücken in den Mittelpunkt, damit sie die individuellen Wertschöpfungsprozesse der Industrie 4.0 steuern können.

Gleichzeitig ist klar: Es gibt keinen Masterplan zur Gestaltung der zukünftigen Arbeitswelt. Der Weg der Transformation führt vor allem über Experimente. Und über einen breiten sozialpartnerschaftlichen Dialog. Viele Beschäftigte sehen die Chancen des digitalen Wandels: sie wollen ihn aktiv mitgestalten und von individueller Flexibilität profitieren. Gleichzeitig brauchen sie Verlässlichkeit und Stabilität – auch und gerade in Zeiten des Strukturwandels.

acatech DEBATTE „Gute Arbeit in der digitalen Transformation“ am 30. November 2021

Genau dieses Spannungsfeld beleuchtet der HR-Kreis am 30. November 2021 in einer Online-Ausgabe der Reihe acatech DEBATTE: Gute Arbeit in der digitalen Transformation. Nach kurzen Impulsen zur Arbeitswelt von morgen, diskutieren wir mit Martin Seiler, Personalvorstand der Deutschen Bahn, DGB-Chef Reiner Hoffmann und Julia Borggräfe, Abteilungsleiterin „Digitalisierung und Arbeitswelt“ im Bundesarbeitsministerium. Ich werde die Runde moderieren. Wenn Sie mitdiskutieren möchten, sind Sie herzlich eingeladen. Sie können sich hier zur Veranstaltung anmelden.

 

Henning Kagermann ist Vorsitzender des Kuratoriums von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und Co-Gastgeber des acatech HR-Kreises. Von 2009 bis 2018 war er acatech Präsident und gründete dort den Arbeitskreis Industrie 4.0, aus der 2013 die Plattform Industrie 4.0 hervorging. Bis 2009 war Henning Kagermann Vorstandssprecher der SAP AG.