14.01.2022Energiewende

Nachhaltigkeit als Transformationstreiber in der Energiewirtschaft

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„Wie viel Nachhaltigkeit können wir uns leisten?“. Es ist nicht lange her, dass sich Unternehmen diese Frage bei Investitionsentscheidungen über klimafreundliche Technologien gestellt haben. Nachhaltigkeit war lange kein Top-Thema und solche Entscheidungen wurden weniger aus Überzeugung, sondern vielmehr aus „Neugier“ gegenüber der Technologie getroffen.

Aus heutiger Sicht erscheint diese Frage nicht mehr zeitgemäß und lautet im Minimum: „Können wir uns leisten, nichtnachhaltig zu wirtschaften?“ Begründet (vor allem aber nicht nur) auf den fundamentalen Erfordernissen des Klimawandels, führen politische und regulatorische Rahmenbedingungen, eine Verschiebung des gesellschaftlichen Diskurses und neue Anforderungen des Kapitalmarkts dazu, dass sich Nachhaltigkeit von einem „nice to have“ zu einem „must have“ entwickelt. Um die unternehmerische Umsetzung dieses Wandels zu illustrieren, möchte ich einen Einblick in die Transformation der EnBW geben, die wir seit nunmehr 2012 vollzogen haben und bei der die Orientierung an einer zukunftsgerichteten und nachhaltigen Strategie eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Fukushima und die Erneuerbaren: Weckruf und Wegweiser der Energiewende

Man kann die Transformation der Energiewirtschaft in zwei Phasen betrachten. Bis zum Jahr 2011 hatte die Energiebranche über Jahrzehnte ein hoch profitables und einfaches Geschäftsmodell: Große, mit fossilen Brennstoffen geführte Kraftwerke, die Strom produzieren, den man verkaufen kann. Der Markt war geprägt von Konstanz. Es gab wenige Technologiesprünge, bekannte Wettbewerber und eine vorhersehbare Regulierung. Zum einen durch einen massiven Anstieg an Erneuerbaren und zum anderen durch Fukushima und den „Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg“ aus der Kernenergie wurde im Jahr 2011 Phase 1 ausgelöst – die Energiewende. Hohe Subventionen und die bevorzugte Behandlung Erneuerbarer Energien auf dem Markt machten Investitionen in Erneuerbare Energien alternativlos. Neue Wettbewerber strömten auf den Markt und das Geschäftsmodell der traditionellen Energieversorger war über Nacht – zumindest wirtschaftlich – obsolet. Dieser fundamentale Wandel der Energiebranche brachte massive Auswirkungen mit sich.

Die EnBW verlor damals wie andere Wettbewerber stark an Wert. Eine Bestandsaufnahme bezüglich der Kosten und des Portfolios im Jahr 2012 war eindeutig:

  • Portfolio mit 61% Kernkraft fast vollständig konventionell; mit 18,9 % geringer Anteil EE
  • Abseits von konventioneller Erzeugung und Netzen keine materielle Erlösquelle
  • Kontinuierlich sinkender Strompreis und jährliche Reduktion der Erträge aus konventioneller Erzeugung um 25 %

In der Folge wurde mit der Strategie EnBW 2020 ein grundlegender Umbauprozess begonnen. Ein zentrales Ziel war, das Geschäftsportfolio konsequent auf die Anforderungen der Energiewende auszurichten. Das bedeutete ein kraftvoller Ausbau an Erneuerbaren und Netzen, gleichzeitig sollte eine Abkehr von unwirtschaftlichen und CO2-lastigen konventionellen Kraftwerken erfolgen. Zudem sollten über das klassische Energiegeschäft hinaus neue Geschäftsfelder etabliert werden, bspw. im Bereich Elektromobilität. Übergeordnet stand der Anspruch, im Jahr 2020 das operative Ergebnisniveau von 2012 zu erreichen, aber mit einem grundlegend veränderteren und auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Portfolio. Rückblickend konnten wir in einem intensiven Transformationsprozess folgendes erreichen:

  • Ergebnisniveau von 2012 bereits 2019 erreicht
  • Konventionelles Erzeugungsportfolio um 40 % reduziert
  • Windkraft-Portfolio von 218 MW auf aktuell rund 1.900 MW nahezu verneunfacht
  • Elektromobilität: EnBW mit über 650 Schnellladestrandorten Marktführer in diesem Segment

Dabei erhielt sich die EnBW als einziges deutsches Energieunternehmen die Abdeckung der gesamten Wertschöpfungskette. Das Unternehmen ist nun so aufgestellt, um in eine neue, vor allem durch starkes Wachstum gekennzeichnete, zweite Phase einzutreten.

Zweite Phase: Nachhaltigkeit als Geschäftsmodell

Anhand von zwei wesentlichen Entwicklungen lässt sich vor allem mittlerweile festhalten, dass wir ein neues Kapitel der nachhaltigen Entwicklung aufgeschlagen haben. Erstens lohnt sich Nachhaltigkeit unterdessen ökonomisch. So hat sich die Wirtschaftlichkeit von Erneuerbaren aufgrund von technologischem Fortschritt, Skalenentwicklung und Know-How in der Projektentwicklung deutlich verbessert. Im Ergebnis ist es uns möglich, EE-Großprojekte subventionsfrei umzusetzen. So konnten wir im letzten Jahr im brandenburgischen Weesow-Willmersdorf den ersten förderfreien Solarpark Deutschlands eröffnen, der mit 187 MW gleichzeitig der Größte des Landes ist. Dies wird auch bei dem in der Planung befindlichen Offshore-Park He Dreiht mit einer Erzeugungsleistung von 900 MW der Fall sein. Jüngst konnten wir uns zudem mit unserem Partner BP in der Irischen See vor Wales Flächen für zwei Offshore-Windparks im Umfang von 3 GW sichern.

Zweitens wird Nachhaltigkeit zunehmend eine notwendige “license to operate“. So agieren Endkunden wesentlich nachhaltigkeitsorientierter als früher. Themen wie Plastiknutzung und Flugscham haben an Bedeutung gewonnen. Analog kann am Strommarkt die Entwicklung beobachtet werden, dass bereits 93 % der Vertragsabschlüsse von EnBW und der Tochter Yello Grünstromtarife sind. Auch bei der Finanzierung ist das Thema relevant. So sind grüne Anleihen der EnBW in der Spitze 10-fach überzeichnet. Mithin: Nachhaltigkeit in der Energieversorgung ist als etablierter, dauerhafter Trend erkennbar und ist nicht mehr nur von politischen Entscheidungen abhängig.

Als EnBW setzen wir diesen Trend insofern konsequent weiter um, als dass Nachhaltigkeit ein integraler Bestandteil der Unternehmensausrichtung und -strategie wird. Im Zuge der Strategie 2025 wird das Unternehmen vom klassischen Energieversorger zu einem nachhaltigen Infrastrukturanbieter umgebaut. Vor dem Hintergrund erfolgt eine Aufstellung des Portfolios mit drei strategischen Säulen:

  • Nachhaltige Erzeugungsinfrastruktur (vor allem EE mit Fokus auf Wind Onshore und Offshore; Aufbau PV Portfolio, selektive Internationalisierung)
  • Systemkritische Infrastruktur (vor allem Transport- und Verteilnetze)
  • Intelligente Infrastruktur für den Kunden (vor allem Ladeinfrastruktur, Telekommunikation, Breitband)

Dabei soll im Jahr 2025 ein Ergebnisplus von über 30 % im Vergleich zum Plan für 2020 erzielt werden. Hierfür sind Investitionen i. H. v. 12 Mrd. € in den EE-Ausbau, Elektromobilität und Telekommunikation vorgesehen.

EnBW-Klimaneutralität 2035 als nächster logischer Schritt

Im Einklang mit dem Pariser Klimavertrag haben wir Ende 2020 beschlossen, bis zum Jahr 2035 Klimaneutralität zu erreichen. Konkret werden von 17,5 Mio. Tonnen CO2 in 2018 bis 2030 die Hälfte einspart – bis Ende 2035 sollen die (Netto-)Emissionen auf Null absenkt werden. Das THG-Ziel ist Kernelement eines Nachhaltigkeitsprogramms mit 25 Einzelmaßnahmen, die sich an den Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales orientieren. In Zukunft wird jede maßgebliche Entscheidung an diesen Kriterien gemessen werden. Neben dem fest definierten Kohleausstiegsauspfad prüft die EnBW auf der ökologischen Ebenen beispielsweise Fuel-Switch-Optionen. Die Finanzierungsstrategie wird ebenfalls neu ausgerichtet. So wurden bereits in den letzten zwei Jahren Investitionen in Höhe von 2 Mrd. € über Grüne Anleihen finanziert.

Unter dem Credo „der Mensch im Mittelpunkt“ wird zudem eine neue Personalstrategie umgesetzt. So soll der mit dem Kohleausstieg verbundene Wandel im Sinne aller Mitarbeiter*innen gestaltet werden – der Schwerpunkt wird dabei auf der individuellen Weiterentwicklung liegen. In den Jahren 2020-22 werden wir in Summe 4.500 neue Mitarbeiter*innen einstellen, ein Großteil hiervon ist bereits Teil der Mannschaft. Hinzu kommen zahlreiche Angebote für Mitarbeiter*innen, mit denen wir den individuellen Bedürfnissen eines nachhaltigen Arbeitsumfelds begegnen wollen. Dies reicht von einem nachhaltigen Angebot in unseren Kantinen bis zu Mobilitätsangeboten. Neben „Jobbikes“ und ÖPNV Förderung wollen wir auch intern den Ausbau der Elektromobilität vorantreiben – so haben alle rund 14.000 Mitarbeiter*innen des EnBW-Mutterkonzerns, die Möglichkeit zu günstigen Konditionen ein E-Fahrzeug leasen zu können.

In diesem Transformationsumfeld spielen regulatorische und politische Rahmenbedingungen weiterhin eine wichtige Rolle. Auf der EU-Ebene wird es in den kommenden Jahren besonders darauf ankommen, die einzelnen Bestandteile des Green Deals konsequent umzusetzen. Aus Sicht der EnBW ist dabei für unsere Investitionssicherheit eine ambitionierte Reform des EU-ETS von besonderer Relevanz. Wichtig ist für uns aktuell auch die Einordnung von Erdgas als Transitionsaktivität im Rahmen der EU-Taxonomie. Denn für die Versorgungssicherheit werden auf Sicht disponible Kraftwerke weiterhin zwingend benötigt werden. Vor diesem Hintergrund muss Gas für die Strom- und Wärmeerzeugung als Brückentechnologie beim Übergang in eine Wasserstoffwelt finanzierbar bleiben.

In Deutschland selbst erwarten wir von der neuen Bundesregierung einen positiven Schub im Bereich der Energie- und Klimapolitik. Dabei sind drei Punkte besonders wichtig:

  • Neuausrichtung des Steuern-, Abgaben- und Umlagensystems orientiert an der CO2-Intensität, u. a. durch Anhebung des BEHG-Preispfades, Reduktion der EEG-Umlage und Senkung der Stromsteuer
  • Sprunghafte Beschleunigung des Ausbaus der Erneuerbaren Energien durch die Gewährleistung der Flächenverfügbarkeit (EnBW-Forderung: 2 % der Landesfläche) und die strukturelle Verbesserung der Genehmigungssituation
  • Entwicklung einer langfristigen politischen H2-Zielperspektive mit klarem Rahmen

Wenn die richtigen Voraussetzungen geschaffen werden und die Politik entschlossen handelt, kann Nachhaltigkeit in Deutschland nicht nur Transformationstreiber, sondern auch ein Innovations- und Wertschöpfungstreiber sein. Da nachhaltige, technologische Lösungen künftig global umgesetzt werden, könnten in Deutschland entwickelte Technologien und Konzepte zum Exportschlager werden. Deutschland kann auf mehr als zwei Dekaden Erfahrungen mit dem Transformationsprozess Energiewende zurückgreifen und ist insofern ideal positioniert, um aus den enormen Investitionsnotwendigkeiten für unser Land ebenso materielle, wirtschaftliche Potentiale zu erschließen. Die Erlangung eines solchen globalen Wettbewerbsvorteils im Bereich von Zukunftstechnologien ist meines Erachtens ein erstrebenswertes Ziel, an dem wir in Zusammenarbeit mit den relevanten Playern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft arbeiten sollten.