Qualifizierung in der Transformation: Wir brauchen einen Masterplan

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Wir sind mittendrin in einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Transformation, die uns vor ungekannte Herausforderungen stellt: Der demografische Wandel, die Digitalisierung und die Regulierung infolge des Klimawandels sorgen auf dem deutschen Arbeitsmarkt für eine tektonische Verschiebung drastischen Ausmaßes. Eine Unwucht, die sich mittel- bis langfristig verstärken wird und erhebliches gesellschaftliches Spaltungspotential birgt.

Während sich der Fachkräftemangel branchenübergreifend zuspitzt, droht zugleich vielen Beschäftigten mit vornehmlich geringer Qualifikation der Jobverlust, weil immer mehr Prozesse automatisiert werden. Ohne gezieltes Gegensteuern werden Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt immer weiter auseinanderdriften. Gleichzeitig – und das ist die gute Nachricht – bringen die notwendigen Veränderungen auch Chancen für neue Geschäftsfelder mit riesigen Wertschöpfungsmöglichkeiten mit sich. Um diese Chancen bestmöglich zu nutzen, müssen wir jetzt die richtigen Weichen stellen. Hier stehen wir vor einer gewaltigen gesellschaftlichen Aufgabe, die ohne eine starke Allianz aus Wirtschaft, Politik, Verbänden und Sozialpartnern nicht gelingen wird.

Automobilindustrie: Technologiewende mit Auswirkungen auf 1 Million Jobs in Deutschland

Die Automobilindustrie, zu der auch Continental gehört, beschäftigt hierzulande über 800.000 Menschen. Gemessen am Umsatz ist sie der mit Abstand bedeutendste Industriezweig und bildet eine wichtige Säule der deutschen Wirtschaft. Entsprechend hoch ist ihre Bedeutung für Wohlstand und Beschäftigung in Deutschland. Wie fundamental die Auswirkungen der Transformation für diese Branche sind, zeigt eine Studie der Boston Consulting Group aus 2021: Zwar errechnet BCG für die Technologiewende vom Verbrenner- zum Elektromotor bis 2030 einen Netto-Verlust von lediglich 36.000 Arbeitsplätzen in der Europäischen Union, erwartet jedoch für den gleichen Zeitraum Brutto-Auswirkungen auf über 1 Million Jobs. Vor allem bei der Fertigung von Motoren und damit verbundenen Komponenten gehen Arbeitsplätze verloren. Neue Jobs entstehen bspw. im Bereich digitaler Technologien, aber auch in Aufbau und Wartung der Ladeinfrastruktur. Heißt konkret: Als Folge dieser Technologiewende müssen allein in Europa 1 Million Menschen für neue Tätigkeitsfelder und -profile qualifiziert und eventuell sogar an einen neuen Arbeitgeber vermittelt werden.

Als Vorständin für Personal und Nachhaltigkeit bei Continental erlebe ich dies hautnah. Das Gelingen der Transformation und die Qualifizierung unserer Beschäftigten für die Arbeitswelt von Morgen sind aktuelle Herausforderungen, denen wir mit verschiedenen Ansätzen begegnen:

  • Mit dem Continental Institut für Technologie und Transformation (CITT) als Kompetenzzentrum für Transformation haben wir seit 2019 bereits über 3.500 Beschäftigte durch maßgeschneiderte Programme in Bereichen wie Industrie 4.0, neue Antriebskonzepte und Digitale Kompetenzen qualifiziert. Allein in diesem Jahr werden voraussichtlich weitere 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer die CITT-Schulungen durchlaufen.
  • Um den Bedarf an Digital-Experten für die Zukunft zu decken, haben wir mit der Continental Software Academy eine eigene Aus- und Weiterbildungs-Plattform etabliert, die von über 25.000 Continentälern aus aller Welt genutzt wird.
  • Mit dem Aufbau eines konzerninternen Arbeitsmarkts haben Unternehmen und Konzernbetriebsrat einen einheitlichen und transparenten Prozess geschaffen, um von der Transformation betroffene Kolleginnen und Kollegen auf freie oder freiwerdende Stellen zu vermitteln und auf dem Weg in eine neue Anstellung zu begleiten. Bis Ende 2021 haben wir so bereits 200 Menschen unterstützen können.

Dies sind nur einige Beispiele, die zeigen, dass wir uns als Konzern unserer Verantwortung bewusst sind und diese in besonderem Maße annehmen. Mir ist es jedoch wichtig, den Blick zu weiten: Denn der Strukturwandel betrifft Geschäftsmodelle, Produkte, Prozesse und Dienstleistungen aller Wirtschaftszweige. Das Gelingen der Transformation darf daher nicht in der Verantwortung einzelner Unternehmen und Industrien liegen, sondern ist die gemeinsame Aufgabe aller Beteiligten. Lasst uns groß denken!

„Allianz der Chancen“: Initiative für eine neue Arbeitswelt

Ein Beispiel für einen gemeinsamen, übergreifenden Ansatzes ist die Allianz der Chancen, in der sich neben Continental 34 weitere Unternehmen und Institutionen engagieren – Tendenz steigend. Gemeinsam repräsentieren sie bereits mehr als 1,3 Million Beschäftigte in Deutschland. Ziel des Zusammenschlusses ist es, Menschen von Arbeit in Arbeit zu entwickeln und ihnen neue Beschäftigungsperspektiven aufzuzeigen. Dafür gehen die Mitgliedsunternehmen neue Wege, indem sie den Strukturwandel und seine Herausforderungen erstmals branchenübergreifend, überregional und kooperativ denken und so innovative Ansätze für eine neue Arbeitswelt schaffen. So entstehen, wo immer möglich, neue Beschäftigungsperspektiven für Menschen, die im eigenen Unternehmen von Transformation betroffen sind. Ein solcher Verbund der Verantwortung ist in Deutschland einmalig.

Um die Idee der Verantwortungsgemeinschaft auszuweiten und alle Akteure des Arbeitsmarkts in den Dialog einzubinden, organisiert die Allianz der Chancen einen „Transformations-Summit“ und hat dafür Ende März die wichtigsten Stakeholder nach Berlin geladen. Es ist der nächste Schritt, um die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten auf ein neues Niveau zu heben: Unternehmen, Sozialpartner, die Bundesagentur für Arbeit, Bildungsträger, Politik, Kammern, Verbände, Wissenschaft und auch die Beschäftigten selbst. Geeint durch das gemeinsame Ziel „von Arbeit in Arbeit“ sind wir nur so in der Lage, den Herausforderungen unserer Zeit gestärkt zu begegnen und den Industriestandort Deutschland langfristig zu sichern.

Ein Masterplan für die Transformation

Die Allianz der Chancen zeigt, wie es gehen kann! Was wir nun benötigen ist ein Masterplan, der dem Fachkräftemangel mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen und Initiativen entgegentritt. Die Basis bildet dabei eine nationale strategische Personalplanung, um zu erfassen, welche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit welchen Kompetenzen die deutsche Wirtschaft in einigen Jahren benötigt. Auf dieser Basis ist es dann möglich, einen nationalen Qualifizierungsprozess zu erstellen und umzusetzen. Folgende Handlungsfelder stehen dabei im Fokus:

Erstens: Ein verbindlicher Rahmen für die Qualifizierung von Arbeit in Arbeit – so wie es die Allianz der Chancen bereits vormacht. Dafür sind deutschlandweit zielgerichtete Qualifizierungsangebote für Zukunftsberufe erforderlich – sowohl auf betrieblicher Ebene als auch überbetrieblich in Bildungseinrichtungen. Die Politik ist gefordert, den Unternehmen Anreize zu bieten, ihre Beschäftigten zu qualifizieren. Ebenso braucht es attraktive Angebote für Beschäftigte, um den Wandel aktiv anzunehmen und mitzugestalten. Solche Maßnahmen sind kostenintensiv, aber deutlich günstiger als Arbeitslosigkeit, die gesamtfiskalische Kosten von rund 62,8 Milliarden Euro pro Jahr verursacht (Stand 2020, Quelle IAB).

Zweitens: Eine gestärkte und gesellschaftlich aufgewertete Ausbildung. Ausbildungsberufe müssen grundlegend modernisiert werden – indem wir die Berufsbilder entschlacken und sie flexibler und modularer gestalten. Um der Überakademisierung entgegen zu wirken, muss zusätzlich der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR) konsequent angewandt werden. Stellenausschreibungen sollten kompetenzbasiert ausgestaltet werden und sich von formellen Abschlüssen lösen. Dies ermöglicht jungen Menschen ohne Studienabschluss den Zugang zu höherwertigen Berufen. Wenn gezielte Weiterbildungsangebote vergleichbare Karrierechancen schaffen, erreichen wir dadurch auch gesellschaftlich eine höhere Anerkennung der Ausbildung.

Drittens: Eine konsequente Nutzung von Digitalisierung im Sinne einer Arbeitsmarkteffizienz. Wenn das Potential an Arbeitskräften zunehmend knapp wird, ist es ein Gebot der ökonomischen Vernunft, menschliche Arbeit durch digitale Prozesse zu ersetzen. Nicht um aus Profitstreben Arbeitsplätze abzubauen, sondern um Arbeitskräfte für Tätigkeiten zu gewinnen, die sich nicht oder nur zu unverhältnismäßig hohen Kosten automatisieren lassen.

Viertens: Eine von Politik und Wirtschaft systematisch gesteuerte Zuwanderung von Fachkräften – für die Engpassberufe und -tätigkeiten, für die wir hier in Deutschland dauerhaft nicht genügend Fachkräfte haben werden.

All das sind Stellschrauben, um den Wandel am Arbeitsmarkt aktiv, nachhaltig und vor allem sozialverträglich zu gestalten. Es geht dabei um die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland – und um den sozialen Frieden in unserem Land. Ich habe drei Jahre in Brasilien gelebt, einem Land mit großem wirtschaftlichem Ungleichgewicht. Daher weiß ich aus eigener Erfahrung, welch toxische Wirkung soziale Verteilungskämpfe auf das gesellschaftliche Klima und die Wohlfahrtsentwicklung einer Volkswirtschaft haben.

Gesellschaftliche Transformationen gelingen nur, wenn sie keine Verlierer produzieren. Dafür sind wir alle verantwortlich. Wir müssen daher in Deutschland mit aller Kraft dafür sorgen, eine dauerhaft hohe Arbeitslosigkeit erst gar nicht entstehen zu lassen. Nur so können wir gesellschaftlichen Wohlstand und sozialen Frieden wahren.