Während vor dem Ausbruch der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 über längere Zeit Handelshemmnisse abgebaut wurden, stagniert die ökonomische Globalisierung seither und Strafzölle sowie Handelskonflikte prägen die internationale Arbeitsteilung. Zusätzlichen Druck auf den grenzüberschreitenden Handel üben seit 2020 die Lieferkettenunterbrechungen durch die immer noch anhaltende Coronapandemie aus. Und nun kommt noch eine weitere erhebliche Störung hinzu: Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine sind weitere dauerhafte Einschränkungen des Außenhandels zu erwarten. Die Konsequenz dieser Entwicklungen: ein Rückgang der internationalen Arbeitsteilung – und damit ein teilweiser Verzicht auf deren Spezialisierungsgewinne, der auch zu realen Einkommensverlusten für die Menschen führt.

 

Protektionismus auf dem Vormarsch

Seit dem Ausbruch der durch die Lehman-Pleite ausgelösten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 lässt sich weltweit ein Trend feststellen: Handelsbeschränkungen nehmen zu. Zunächst diente dieser Schutz vor ausländischer Konkurrenz der Stabilisierung von Produktion und Beschäftigung im eigenen Land. Zudem setzten vor allem hoch entwickelte Industrienationen verstärkt protektionistische Instrumente ein, um sich vor der Konkurrenz mit Niedriglohnländern abzuschirmen.

Dabei spielt Chinas wirtschaftlicher Aufstieg eine zentrale Rolle. Seit dem Beitritt des bevölkerungsreichsten Staates der Welt zur Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001 haben dessen Exporte den Strukturwandel in den entwickelten Volkswirtschaften spürbar beschleunigt. In den westlichen Industrienationen gerieten traditionelle Industriebranchen und die dort Beschäftigten erheblich unter Druck. Dies gilt besonders für Amerikas „Rust Belt“, die größte Industrieregion des Landes[i]. Um weitere Arbeitsplatzverluste zu reduzieren, reagierten die USA mit Handelshemmnissen, die sich primär gegen China richten.

Völlig unvermittelt verlieh der Ausbruch der Coronapandemie dem weltweiten Protektionismus einen weiteren Schub. Viele Staaten ergriffen erneut Maßnahmen zum Schutz der einheimischen Unternehmen. Eine zusätzliche Belastung des internationalen Handels war, dass Regierungen Exportbeschränkungen für lebenswichtige Medikamente, Beatmungsgeräte und Nahrungsmittel einführten, um Versorgungsengpässe im eigenen Land zu verhindern.[ii]

Geopolitische Erwägungen prägen die Außenwirtschaftspolitik immer mehr

Der zunehmende Protektionismus der letzten Jahre ist auch darauf zurückzuführen, dass einzelne Länder damit ihre außenpolitischen Ziele durchsetzen wollen. Ein markantes Beispiel: Bei den Handelsstreitigkeiten zwischen den USA unter Donald Trump und China ging es nur zum Teil um das amerikanische Handelsbilanzdefizit. Mindestens ebenso wichtig war – und ist es immer noch – die Frage der weltweiten Technologieführerschaft: Technologische Überlegenheit ist die Basis für wirtschaftliche Stärke – und wirtschaftliche Stärke ist wiederum die Basis für politische und militärische Macht.[iii]

Es ist daher zu befürchten, dass eine wachsende Zahl von Volkswirtschaften in der Zukunft verstärkt handelspolitische Instrumente einsetzen wird, um so ihre politischen Ziele zu erreichen. Neben Zöllen und nicht tarifären Handelshemmnissen geht es dabei auch um Sanktionen, Exportbeschränkungen oder sogar -verbote und viele weitere Werkzeuge.[iv]

Der Ukrainekrieg bewirkt einen zusätzlichen Sanktionsschub, der mit Blick auf die Stärke der Maßnahmen und die Geschlossenheit der sanktionsverhängenden Nationen ein einmaliges Ereignis ist. Verstärkend wirkt hierbei, dass sich neben den staatlich verhängten Sanktionen viele Unternehmen freiwillig von ihren Russlandgeschäften zurückziehen.

Droht eine weltwirtschaftliche Blockbildung?

Der Ukrainekrieg stellt nicht nur wegen der mit ihm verbundenen erheblichen Lieferkettenunterbrechungen und Wirtschaftssanktionen eine Zäsur für die Weltwirtschaft dar. Er könnte zudem der Auslöser für eine erneute Blockbildung sein.

Als Reaktion auf Russlands Angriff auf die Ukraine haben viele Länder umfangreiche Wirtschaftssanktionen verhängt. Erdgas und andere fossile Energien, die Russland deshalb nicht mehr in Europa und in den USA absetzen kann, könnten nun an China verkauft werden. China hat einen hohen Energiebedarf, es gibt also eine entsprechende Nachfrage. Das würde die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder intensivieren.

Hieraus kann sich eine zweigeteilte Welthandelsordnung entwickeln. Ein Block bestünde dabei aus demokratischen, marktwirtschaftlich organisierten Ländern wie den USA und Kanada, Europa, Japan, Südkorea, Ozeanien sowie Teilen Südamerikas. Den zweiten Block würden autokratische Staaten bilden, allen voran China, Russland und deren wichtigste Handelspartner. Zusätzlich ist eine dritte Ländergruppe denkbar, die versucht, sich nicht klar zuzuordnen, um mit beiden Blöcken wirtschaftliche Beziehungen pflegen zu können.

Ob es tatsächlich so weit kommt, hängt maßgeblich vom Verhalten Chinas ab. Im Falle der skizzierten Blockbildung würde das Land seine Exportchancen nach Europa und in die USA gefährden. Allerdings ist das für China wenig attraktiv, denn diese Regionen sind wegen ihrer hohen Wirtschaftskraft viel wichtigere Handelspartner als Russland.

Klimawandel als weiterer Risikofaktor für den internationalen Handel

Zusätzlich zu den politischen Entscheidungen, die De-Globalisierungstendenzen hervorrufen, wirkt sich auch der Klimawandel negativ auf die internationale Arbeitsteilung aus. So beeinträchtigen die durch die globale Erwärmung und den Klimawandel verursachten Schäden an Produktions- und Infrastrukturanlagen den internationalen Handel über mindestens zwei Kanäle.

Zum einen besteht die Gefahr, dass Produktionsanlagen von Zulieferbetrieben im Ausland durch klimabedingte Wetterextreme, Überschwemmungen etc. beschädigt werden. Das kann den Ausfall von Vorleistungsimporten bedeuten, der dann den Produktionsprozess im Inland unterbricht.

Zum anderen ist der grenzüberschreitende Austausch von Gütern auf eine leistungsfähige Transportinfrastruktur angewiesen. Kommt es allerdings klimabedingt zu einer Unterbrechung der Transportwege, z. B. durch Niedrigwasser in Flüssen oder eine hitzebedingte Verformung von Eisenbahnschienen, ist die Durchführung von Exporten und Importen gefährdet.

Unternehmen müssen sich mit geeigneten Vorsorgemaßnahmen gegen beide Risiken wappnen, z. B. mit größeren Lagerbeständen arbeiten oder zusätzliche Versicherungen abschließen. Das bringt zwangsläufig einen Kostenanstieg für die internationale Arbeitsteilung mit sich – der auch so hoch ausfallen kann, dass sich einzelne grenzüberschreitende Handelsbeziehungen betriebswirtschaftlich nicht mehr lohnen und damit die Exporte und Importe der betroffenen Länder sinken.

Abkehr vom Globalisierungsmodell der letzten drei Jahrzehnte

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 und dem Betritt Chinas zur WTO 2001 gab es einen Globalisierungsschub, der den grenzüberschreitenden Handel stark ansteigen ließ. Das Ergebnis war eine an maximaler betriebswirtschaftlicher Effizienz ausgerichtete internationale Arbeitsteilung mit einer Just-in-time-Produktion und der Suche nach dem weltweit günstigsten Zulieferbetrieb.[v]

Von diesem Globalisierungsmodell werden wir uns perspektivisch verabschieden müssen. Selbst wenn es nicht zu der skizzierten Blockbildung in der Weltwirtschaft kommt, werden die Lieferkettenunterbrechungen und protektionistischen Maßnahmen der letzten Jahre das erreichte Ausmaß der internationalen Arbeitsteilung zurückschrauben.[vi]

Verstärkt wird dieser Trend dadurch, dass zukünftig immer mehr Länder zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen ihre CO2-Preise erhöhen und gleichzeitig klimaschädliche Subventionen abbauen werden. Das lässt die Kosten des Gütertransports steigen und macht die betriebswirtschaftlichen Vorteile einzelner Formen der internationalen Arbeitsteilung zunichte.

Der teilweise Verzicht auf die Vorteile der Globalisierung hat also einen Preis: Wenn preiswerte Produkte aus dem Ausland durch teurere inländische Endprodukte und Vorleistungen ersetzt werden, erhöht das die Preise für Konsumgüter. Handelt es sich dabei um lebenswichtige Güter, auf die die Menschen schwer oder gar nicht verzichten können, kommt es zu Kaufkraftverlusten – und einer Situation, die wirtschaftspolitische Reaktionen verlangt.

Fünf wirtschaftspolitische Handlungsoptionen für Deutschland und Europa

Erstens: Kurzfristig gibt es bei einer Reihe von Vorleistungen und Rohstoffen nur sehr begrenzte Ausweichmöglichkeiten. Dies gilt beispielsweise für russisches Gas. Die daraus resultierende Angebotsverknappung bewirkt starke Preisanstiege – und für einkommensschwache Haushalte möglicherweise erhebliche Kaufkraftverluste, die eine sozialpolitische Flankierung erfordern. Staatliche Preisbremsen in Form von Höchstpreisen sind hierbei wenig sinnvoll, vor allem weil sie auch für einkommensstarke Personen gelten, die höhere Preise wirtschaftlich leichter verkraften können. Bedarfsgerechte Transferzahlungen ermöglichen hier eine zielgenauere Unterstützung.

Zweitens: Zur Reduzierung der Abhängigkeit von importierten Vorleistungen und Endprodukten kann auf Angebote aus der näheren Umgebung zurückgegriffen werden, womit aber höhere Produktionskosten und entsprechend auch höhere Preise verbunden sind. Um die Produktionskosten zu senken, bietet sich die Forcierung technologischer Fortschritte an, vor allem der verstärkte Einsatz digitaler Technologien. Allerdings brauchen technologische Fortschritte ihre Zeit und wirken daher erst mit einiger Verzögerung.

Drittens: Die Abhängigkeit von importierten fossilen Energien lässt sich verringern, indem die Dekarbonisierung der Wirtschaft vorangetrieben wird. Die Förderung erneuerbarer Energien und die Steigerung der Energieeffizienz dienen dann nicht nur dem Klimaschutz, sondern auch einer geringeren Abhängigkeit von Importen. Jedoch ist auch dies ein Vorgehen, das erst mittel- und langfristig wirkt.

Viertens: Sowohl bei der Substitution russischer Energielieferungen als auch im Kontext der ökologischen Transformation kommen neue Handelspartnerschaften in Betracht. So kann Deutschland z. B. auch kurzfristig auf Gaslieferungen aus Norwegen und den USA ausweichen. Mittelfristig bietet sich der Import von erneuerbaren Energien aus sonnen-, wind- und wasserreichen Regionen an, die bei der Herstellung dieser Energien einen Kostenvorteil haben. Aus deutscher bzw. europäischer Sicht sind das vor allem Skandinavien und Nordafrika.

Fünftens: Wenn die Handelsbeziehungen zu Russland und möglicherweise auch zu China zukünftig zurückgehen, können diese durch die Stärkung bestehender Handelspartnerschaften kompensiert werden. Überlegenswert ist z. B. ein Handelsabkommen zwischen der EU und den USA. Idealerweise sollte dieses Abkommen auch einen gemeinsam festgelegten höheren CO2-Preis beinhalten. So ließe sich ein Klimaclub gründen, der einen wirksamen Beitrag zur Reduzierung der globalen Treibhausgasemissionen leisten könnte.

 

 

[i] https://www.swp-berlin.org/publikation/usa-china-handel-wirtschaft-finanzen

[ii] https://www.sef-bonn.org/fileadmin/SEF-Dateiliste/04_Publikationen/GT-A/2020/GT-A_2020-02_de.pdf

[iii] https://www.swp-berlin.org/publikation/der-amerikanisch-chinesische-weltkonflikt

[iv] https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2021/heft/11/beitrag/globalisierung-trifft-geooekonomie.html

[v] https://www.ifo.de/publikationen/2020/zeitschrift-einzelheft/ifo-schnelldienst-052020

[vi] https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2020/heft/4/beitrag/optimale-internationale-arbeitsteilung.html