Der Krieg in der Ukraine tangiert auch das internationale Währungssystem, einerseits durch den Ausschluss russischer Banken vom internationalen Zahlungssystem Swift, andererseits durch die Blockade der internationalen Reserven der Zentralbank von Russland. Völlig unvorbereitet trafen die Sanktionen Russland nicht. Denn die russische Zentralbank hat schon seit Jahren ihre Devisenreserven aufgebaut und diversifiziert. Die aktuellen Entwicklungen tragen dazu bei, dass die Welt noch schneller auf einen Standard zusteuert, der durch die Existenz mehrerer Reservewährungen geprägt ist. Damit einhergeht eine größere finanzielle Instabilität.

Betrachtet man die weltweiten internationalen offiziellen Reserven einschließlich Gold, also die von Regierungen und dabei in der Regel von den Zentralbanken gehaltenen Reserven in Form von ausländischen Staatspapieren, Bankguthaben, Bargeld oder eben Gold, dann ist Russland eines der Länder mit relativ hohen Reserven. Anfang 2021 betrugen diese 597 Mrd. US-Dollar. Zum Vergleich, die USA hielten Ende 2020 Reserven in Höhe von 628 Mrd. US-Dollar, die Eurozone 1078 Mrd., davon Deutschland 268 Mrd., Japan 1391 Mrd. oder Großbritannien 180 Mrd. Extrem hohe Reserven hat China mit 3347 Mrd. US-Dollar (plus Honkong 491 Mrd.) (World Bank 2022).

Die Tabelle zeigt die währungsbasierte Aufteilung der weltweiten offiziellen Devisenreserven im zweiten Quartal 2021 und deren Aufteilung in Russland. Während zu diesem Zeitpunkt weltweit rund 59% in US-Dollar gehalten wurden, waren dies in Russland nur rund 21%. Weltweit wurden rund 21% in Euro gehalten, in Russland betrug der Anteil an Euroreserven 41%. Der Chinesische Renminbi Yuan (RMB) spielt bei der russischen Reservehaltung mit einem Anteil von rund 17% eine größere Rolle als weltweit, da lag der Anteil nur bei rund 3%. Andere Währungen spielen eine vergleichsweise geringe Rolle.

Aufteilung offizieller internationaler Devisenreserven ohne Gold (top 5), in Prozent

Währung Alle Länder, erstes Quartal 1999 Alle Länder, zweites Quartal 2021 Russland, zweites Quartal 2021
US-Dollar 71,2 59,2 20,9
Euro 18,1 20,6 41,3
Chinesischer RMB 2,6 16,7
Japanischer Yen 6,3 5,6 7,3
Britisches Pfund 2,7 4,7 8,3

 

Quellen: Für Russland Engerer (2021), für alle Länder IMF (2022)

Auffallend ist, dass der Anteil des US-Dollars an den internationalen offiziellen Reserven zwischen 1999 und 2021 deutlich zurückging und von 71,2% auf 59,2% fiel. Bezüglich der internationalen Rolle des US-Dollars bei Privatakteuren ergibt sich ein ähnliches Bild. In einem Index der US-Zentralbank, der offizielle Währungsreserven (25%), internationale Schuldverschreibungen (25%), internationale Forderungen von Banken (12.5%) und internationale Verbindlichkeiten von Banken (12,5%) einschließt, sinkt der Anteil des US-Dollars von 73,4% im Jahre 2001 auf 66,6% im Jahre 2020. Der Euro konnte seine internationale Stellung nur marginal ausbauen und steig von 22,8% auf 24,3%. Das Pfund Sterling und der Yen blieben bei Werten unter 10% und sanken leicht ab. Der RMB steigerte sich von 0% auf 2,1% (Bertraut et al. 2021).

Die internationale Rolle einer Währung hängt von einem Strauß von Faktoren ab, von der Größe der Ökonomie, von der Integration in den internationalen Handel und das internationale Finanzsystem oder von der Tiefe des inländischen Kapitalmarktes einschließlich der Abwesenheit von Kapitalverkehrskontrollen, aber auch von der politischen und militärischen Stärke und geopolitischen Position eines Landes sowie der aktiven Politik, die eigene Währung international zu stärken.

Durch den Ukrainekrieg beschleunigt sich die Entwicklung hin zum Multiwährungsstandard. Während zunächst davon auszugehen ist, dass US-Dollar auf absehbare Zeit seine führende Rolle behält, sind die Tage einer Hegemonie des US-Dollars als internationale Währung wohl gezählt. Gleichzeitig ist es unwahrscheinlich, dass sich ohne weitere Reformen die internationale Rolle des Euros deutlich verstärkt. Die Europäische Währungsunion ist ein halbfertiges Haus mit einem fehlenden starken fiskalischen Zentrum mit eigenen Steuern und aktiver Fiskalpolitik – ganz zu schweigen von einer gemeinsamen Armee und eigenständigen geopolitischen Rolle.

Welche Entwicklungen sind relevant für die multipolare Währungswelt? Länder, die einen Konflikt mit den USA und der Europäischen Währungsunion haben oder einen solchen befürchten, sind bei ihren offiziellen Anlagen verstärkt um alternative Anlagemöglichkeiten zum US-Dollar und auch anderen Währungen der westlichen Welt bemüht. Wie im Falle von Russland bietet sich der RMB an, der bei der offiziellen Reservehaltung eine zunehmende Rolle spielt. Neben Russland bevorzugen auch eine Reihe anderer Länder, insbesondere solche, die in das chinesische Projekt der neuen Seidenstraße involviert sind, den RMB. China selbst kann und wird seine US-Dollar-Reserven in andere Anlagen umwandeln. Schon seit längerer Zeit steckt China seine Reserven verstärkt in ausländische Direktinvestitionen und das Seidenstraßenprojekt.

Der RMB dürfte vor allem in der westlichen Welt auf absehbare Zeit keine wichtige Rolle spielen. China wird mittel- oder gar langfristig nicht auf Kapitalverkehrskontrollen und massive Eingriffe in das nationale Finanzsystem verzichten, da dies ein Teil seines erfolgreichen staatskapitalistischen Modells ist. Auch ist das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit in China begrenzt, Privateigentum ist nicht „heilig“. Aber China wird die internationale Rolle des RMBs durch politische Interventionen weiter stärken. Zwischen 2009 und 2020 hat China über 40 bilaterale Swap-Vereinbarungen mit ausländischen Zentralanken abgeschlossen, welche indirekte Verrechnungen über den US-Dollar unnötig machen. China vergibt zudem Auslands- und Entwicklungshilfekredite etwa im Rahmen des Seidenstraßenprojektes zunehmend in RMB. Handelsverträge mit diesen Ländern werden auf RMB umgestellt, Chinas Nachbarländer orientieren sich weiter am RMB. Diese Entwicklungen erhöhen den Anreiz von Zentralbanken, Reserven in RMB aufzubauen.

Was sich abzeichnet, ist eine Intensivierung der Konkurrenz zwischen Währungen mit internationalen Funktionen und Tendenzen in Richtung eines Multiwährungsstandard: der US-Dollar und der Euro im Globalen Norden und ein Währungsblock um die chinesische Währung, der vor allem (geo-)politisch vorangetrieben wird. China macht sich bereits vom US-Dollar unabhängiger zusammen mit einer nicht unbeachtlichen Anzahl von Ländern insbesondere im Globalen Süden. Andere Länder, etwa Indien, werden eine neutrale Position einnehmen und ihre offiziellen Reserven weiter differenzieren. Auch lässt sich nicht ausschließen, dass international wichtige Rohstoffe zunehmend nicht ausschließlich in US-Dollar ausgepreist und bezahlt werden.

Multiwährungsstandards sind potentiell instabil, da Vermögende und auch Zentralbanken bei spezifischen ökonomischen und politischen Entwicklungen schnell von einer Währung in die andere wechseln können und damit Währungsturbulenzen zunehmen. Noch zusätzlich verstärkt werden kann die Währungskonkurrenz, falls Kryptowährungen perspektivisch eine größere Rolle spielen sollten. In einem Multiwährungsstandard ist es zudem schwieriger, einen internationalen Lender of Last Resort zu etablieren und zu globalen Lösungen bei weltwirtschaftlichen Turbulenzen zu kommen. Bekämpft werden können solche Instabilitäten durch internationale Kooperation und Aufbau globaler Institutionen. Jedoch dürfte dies perspektivisch angesichts der Blockbildung auch im globalen Währungssystem noch schwieriger werden als heute.

 

Literatur:

Bertaut, C.,  von Beschwitz, B., Curcuru, 2, (2021): The International Role of the U.S. Dollar, Board of Governors of the Federal Reserve,https://www.federalreserve.gov/econres/notes/feds-notes/the-international-role-of-the-u-s-dollar-20211006.htm#fig10, Zugriff 11.04.2022.

Engerer, H. (2021): Sanktionen gegen die russische Zentralbank sind ein starkes Instrument, DIW-Aktuell, Nr. 79.

Gold.de (2022): Goldreserven weltweit, https://www.gold.de/goldreserven/#aktuell, Zugriff 11.04.2022.

IMF (International Monetary Fund) (2022): World Currency Composition of Official International Exchange Reserves, https://data.imf.org/regular.aspx?key=41175, Zugriff 08.04.2022.

World Bank (2022): Data, https://data.worldbank.org/indicator/FI.RES.TOTL.CD?locations=CN-US-RU-XC&view=chart, Zugriff, 10.04.2022.