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Wie funktioniert Entwicklung im Sinne Schumpeters? Schumpeter versteht unter Entwicklung die Erneuerung der Produktionsstrukturen. Entwicklung ist diesem Verständnis zufolge somit etwas anderes als Wachstum. Wenn die Zahlen des statistischen Bundesamts angeben, dass die Wirtschaft zwei Prozent gewachsen sei, hieße das für Schumpeter nicht zwangsläufig, dass es Entwicklung gab. Die Frage nach Entwicklung kann nämlich nur dann beantwortet werden, wenn man eine Information darüber hat, ob sich die Produktionsstrukturen verändert haben. Also, ob etwas Neues entstanden ist, was die alten Methoden, Produkte oder Organisationsformen ersetzt. Ein solches Verständnis von Entwicklung verdeutlicht, dass Entwicklung nicht nur auf arme Länder oder aufstrebenden Ökonomien bezogen werden kann, sondern für alle Ökonomien gilt. Und angesichts der Herausforderungen des Klimawandels ist es nötiger denn je, dass sich die Produktionsstrukturen der Ressourcenknappheit und Begrenzung der Emissionen anpassen.

Die Entstehung von Innovationen

In einer Wirtschaft müssen sich somit Innovationen durchsetzen, damit die Produktionsstrukturen sich verändern und das Produktivitätsniveau insgesamt steigt. Wie läuft dieser Prozess ab? In einer Gleichgewichtsökonomie, in der ein perfekter Wettbewerb vorherrscht, gibt es keine Innovationen, denn alle produzieren auf dieselbe Art und Weise, wie es der bisherigen Routine entsprach. Doch nehmen wir mal an, ein Bauer hätte in der Landwirtschaft eine Idee, wie er gegenüber der Konkurrenz einen Vorteil erlangen könnte. Anstelle einer Sichel fällt ihm beispielsweise auf, dass er einen Erntetraktor entwickeln könnte, durch den er viel mehr Getreide in viel kürzerer Zeit einsammeln könnte. Dieser Produktivitätsvorteil könnte ihm einen Vorteil gegenüber seinen Mitstreitern im Markt geben. Dass diese Idee nun im Kopf des Bauern ist, ändert allerdings noch »nichts an dem Gange der Wirtschaft und ist an sich so bedeutungslos wie die Kanäle im Mars«. Es kommt auf die Durchsetzung der Neukombination ein, wofür wiederum Kapital (»Kaufkraft«) nötig ist, welches gerade nicht in der Produktion anderer Güter eingesetzt wird. Aber woher soll der Bauer nun das Geld für die Umsetzung seiner Idee nehmen? »Mehr sparen« würde die Antwort der Neoklassik sein. Doch auch dieses Geld muss ja in der neoklassischen Welt irgendwo herkommen – und wenn das Kapital überall bereits mit größtmöglicher Effizienz eingesetzt wird, dann wird niemand so verrückt sein, in ein Projekt zu investieren, dessen Ausgang ungewiss ist. Das gilt auch für den Erntetraktor, der, sofern es eine richtige Innovation ist, bei der Einführung in den Markt nicht zu 100 Prozent funktionieren wird. Ein solches Projekt könnte den eigenen Tod bedeuten, vor allem, wenn der Markt maximal effizient ist und alles Kapital bereits in der gegebenen Produktion steckt. Der Pionier braucht deshalb einen Kredit. Er braucht Kaufkraft, die aus dem Nichts geschaffen wird und somit gerade nicht irgendwo anders im Einsatz ist. Mit anderen Worten: Innovationen sind nur in einem Fiat-Geldsystem möglich.

Wenn der Pionier günstig an Kapital kommt und die Innovation erfolgreich ist, gelingt es ihm, sich gegenüber der Konkurrenz einen relativen Kostenvorteil zu erarbeiten. Über kurz oder lang sterben Zombiefirmen von daher aus, wenn sie sich den neuen Gegebenheiten im Markt nicht anpassen, denn entweder sie verlieren an Marktanteilen oder Profitabilität: Konkret bringt der Pionier nämlich entweder ein neues Produkt auf den Markt, welches gegenüber dem derzeitigen Angebot einen monopolistischen Vorsprung genießt und dem »alten« Markt die Nachfrage entzieht, oder der Pionier führt neue Produktionsprozesse ein, die die Produktivität erhöhen. Das heißt, bei gleichem Input ist der Pionier in der Lage, einen höheren Output zu produzieren oder er kann dieselbe Menge an Output mit weniger Input herstellen. Das erlaubt dem Pionier die Preise zu senken und so Marktanteile zu gewinnen oder die Konkurrenten, inklusive Zombiefirmen, durch höhere Margen aus dem Markt zu drängen. Auch eine Mischung der beiden Ergebnisse ist möglich. In jedem Fall steigen jedoch durch die Neukombination die Produktivität und der Profit des Pioniers.

Wir sehen somit, dass gerade, weil der Pionier nicht optimiert, sondern etwas Neues wagt und für die Umsetzung des Wagnisses mit aus dem Nichts geschaffenen Kapital versorgt wird, ein relativer Kostenvorteil entsteht. In der schumpeterianischen Welt bleiben diese Vorteile jedoch nicht auf ewig bestehen. Sobald die Wettbewerber merken, dass jemand an ihnen vorbeizieht, werden sie den Pionier nachahmen und entweder selbst ähnliche, konkurrierende Produkte anbieten – Smartphones sind hier ein hervorragendes Beispiel – oder die neuen Produktionstechniken übernehmen – wie es beispielsweise beim Baukastensystem in der Automobilindustrie der Fall war. Neue Produkte und Produktionsmethoden ersetzen somit die alten, die Produktivität steigt und damit einhergehend steigt das Realeinkommen der Gesamtbevölkerung. Schumpeter bezeichnete diesen Prozess als »schöpferische Zerstörung« und erklärt auf diese Weise, wie wirtschaftliche Entwicklung funktioniert: Die riskante Aktion eines Pioniers, der durch eine Neukombination alte Norm hinter sich lässt, löst eine Bewegung aus, der es schließlich gelingt, den Lebensstandard all derer zu erhöhen, die an der produktiven und reproduktiven Wirtschaft teilnehmen.

Es gibt keine Gleichgewichtswirtschaft mehr

Sobald der Prozess der wirtschaftlichen Entwicklung in Gang gesetzt ist, war es das mit dem Gleichgewicht. Auch dynamische Gleichgewichte gibt es nicht. Die ursprüngliche Störung des Pioniers erzeugt weitere Störungen. Neukombinationen führen zu weiteren Neukombinationen. Um beim Beispiel Smartphone zu bleiben: Zunächst kam Apple mit dem iPhone, später kam das iPad dazu. Samsung, Motorola, Google zogen mit ähnlichen Produkten ihrer jeweiligen Marken nach. Seit einigen Jahren sorgt nun der chinesische Hersteller Xiaomi für Wirbel, der durch sein aggressives Pricing bei hoher Qualität die Märkte aufmischt. Nokia hingegen, das den Trend weitgehend verschlafen hatte, verlor rasant Marktanteile und ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Hätte man im Jahr 2006 die Konsumenten gefragt, was für ein Produkt sie sich wünschen, hätte wahrscheinlich niemand ein Smartphone beschrieben, welches im Jahr 2007 eingeführt wurde und sowohl die Wirtschaft als auch unser Leben drastisch veränderte (sowohl im positiven als auch negativen Sinn).

Welche weiteren Neuentwicklungen uns erwarten, steht selbstverständlich in den Sternen – und das gilt für sämtliche Bereiche, nicht nur das Smartphone. Der Punkt ist, dass wir zu jedem Zeitpunkt einer ungewissen Zukunft entgegenstehen und die Wirtschaft durch einen dynamischen Prozess der Entwicklung ständig aus dem Gleichgewicht heraus strebt. Die Gewinnmöglichkeiten durch neue Waren oder Produktionsmethoden verwirklichen sich fortwährend und fordern andauernd neue Investitionen. Da jede Neukombination dabei auf den vorherigen Neukombinationen aufbaut, gibt es gewisse Pfadabhängigkeiten. Entwicklung lässt sich somit als eine Abfolge aufeinander anschließender, jedoch gleichzeitig recht selbstständiger Teilentwicklungen verstehen. Schumpeter vergleicht diesen dynamischen Prozess mit dem der Entwicklung in der Kunst. Auch wenn die Kunst zu jedem Zeitpunkt »ein Kind seiner Zeit« ist, die die sozialen Gegebenheiten in verschiedenen Formen ausdrückt, so gibt es doch selbst innerhalb des »künstlerischen Tuns selbst besondere Kräfte,« die nicht nur als passive Reaktion auf äußere Einflüsse oder »Veränderungen des Milieus« verstanden werden können. Er schließt, dass auch die Kunst eine ihr »eigentümliche Entwicklung von derselben relativen Selbständigkeit [hat], die auch der wirtschaftlichen Entwicklung zukommt.« Eine erfolgreiche Künstlerin oder ein erfolgreicher Künstler unterbrechen dabei durch ihre originelle, schöpferische Tätigkeit die Kontinuität auf dem betreffenden Gebiet – ebenso, wie es dem Pionierunternehmer im Kapitalismus gelingt. Und selbstverständlich hat die endogene Schöpfungskraft und Kreativität in der Kunst das Potenzial, die Gesellschaft in einer Weise zu verändern, die sich nicht modellieren lässt.

Wettbewerbspolitik: Qualität statt Quantität

Bisher klang es so, als wäre es die Leistung eines einzelnen mutigen Menschen, der es schafft, aus der Statik auszubrechen und das Rad neu zu erfinden. In moderner Sprache entspräche das dem Narrativ, man könnte alles erreichen, was man will, wenn man nur das richtige »Mindset« hat. So sind Startups das Gebot der Stunde. Der Hipster, der sich mit hochgezogenen Tennissocken und Mütze mit seinem Laptop in ein Café setzt und dort eine App bastelt, verändert die Welt. In eine Zeit, in der »Erfolg« und »Scheitern« der individuellen Leistung oder Unfähigkeit zugeschrieben werden, passt eine solche Interpretation hervorragend hinein. Doch ein solches Narrativ verschließt die Augen vor den politischen Rahmenbedingungen, die es für Entwicklung braucht. Ein Blick auf die Gesamtheit der Werke Schumpeters und ein logisches Weiterdenken seiner Entwicklungstheorie lassen dem Staat als „Manager der schöpferischen Zerstörung“ eine entscheidende Rolle zukommen.

In seinem 1942 erschienenen Klassiker Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie rückt Schumpeter die Art des Wettbewerbs ins Zentrum der Analyse. Wollte man einen möglichst perfekten Wettbewerb schaffen, wie es zum Beispiel im Binnenmarkt der EU der Fall ist, so würde der Wettbewerb wahrscheinlich die Form eines »ruinösen Verdrängungswettbewerbs« annehmen. Ein solcher Wettbewerb ginge mit viel »sozialer Verschwendung einher (…) wie [den] Kosten für Werbekampagnen, [der] Unterdrückung neuer Produktionsmethoden (Aufkauf von Patenten, um sie nicht zu verwenden) und so weiter.« Am schlimmsten jedoch sei, dass sich trotz der hohen sozialen Kosten eines solchen Wettbewerbs eine Stagnation einstellen könnte, bei der der Grad der Beschäftigung und Produktion weit unter dem ist, was der Vollbeschäftigung oder der maximalen Produktion nahe käme – denn Unternehmen würden sich in einem solchen Umfeld ausschließlich auf eine »Erhaltung der Profite« beschränken und nicht mehr investieren.

Viele dieser Tendenzen, vor denen Schumpeter uns warnte, waren in den letzten Jahren der wirtschaftspolitische Alltag, sodass wir uns in Europa fragen müssen, welche institutionellen Hebel zu bewegen sind, um aus einem ruinösen Kostenwettbewerb einen Wettbewerb der Innovationen zu machen. Schumpeter bietet uns dazu eine Anleitung – doch sie setzt voraus, dass man bereit ist, das Denken von „Staat vs. Markt“ über Bord zu werfen und, dass die Staaten innerhalb einer Währungsunion zu hoher wirtschaftlicher Kooperation bereit sind.

 

Ein Buchauszug aus Patrick Kaczmarkzyks Buch „Kampf der Nationen“ bei Westend