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Die Energieversorgung in Deutschland und Europa steht mächtig unter Druck – und damit viele Unternehmen. Für energieintensive Industrien gehören hohe Energiepreise schon lange zu den Herausforderungen des Standorts Deutschland. Neu ist das dramatische Ausmaß des Preisniveaus. Zugleich bleiben die bisher vorgeschlagenen Lösungsansätze der Politik bestenfalls nebulös. Eine echte Entlastung ist nicht in Sicht.

Schon vor Februar dieses Jahres verzeichneten die Erdgaspreise einen stetigen Anstieg. Dann kam der russische Angriffskrieg in der Ukraine und der Gaspreis hat sich in kürzester Zeit verzehnfacht. Pro Megawattstunde schossen die Kosten von 20 auf 200 Euro. Strom kostete kürzlich an der Börse 600 Euro je Megawattstunde statt wie zuvor 40 oder 50 Euro. Das Versprechen wettbewerbsfähiger Energiepreise scheint ferner denn je. Und im Herbst kommen die Gasbeschaffungsumlage und die Gasspeicherumlage noch oben drauf.

Politik hat bislang keine überzeugenden Antworten

Die politischen Antworten auf die aktuelle Krise lassen zu wünschen übrig. Drei Entlastungspakete hat die Bundesregierung bereits geschnürt. Doch für Industrieunternehmen finden sich darin keine geeigneten Instrumente, um die derzeitige Situation tragbar zu machen. Maßnahmen wie die Verschiebung der CO2-Preiserhöhung auf 2024 stellen keine echte Entlastung dar. Die Aussicht auf  eine Verlängerung des Energiekostendämpfungsprogramms um drei Monate bis Ende des Jahres wirkt nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Ganz anders verhalten sich einige unserer europäischen Nachbarn. Dort wird die Einführung von Preisobergrenzen oder Preisnachlässen auf Energieträger aktiv vorangetrieben. Zurecht fühlen sich viele Unternehmen in Deutschland auf ganzer Linie im Stich gelassen.

Auch eine Nachbesserung der Gasumlage lässt trotz anhaltender Kritik auf sich warten. Für die chemische Industrie heißt das: Nicht nur für die energetische, sondern auch für die stoffliche Nutzung wird sie die Umlage entrichten müssen. Eine Umlage, die in ihrer Ausgestaltung grundsätzlich unfair ist. Denn sie belohnt diejenigen, die durch den Abschluss günstiger Termingeschäfte zur aktuellen Schieflage der Gasimporteure mit beigetragen haben. Unternehmen die bereits seit längerem die exorbitanten Marktpreise schultern, müssen nun die günstigen Preise anderer – mitunter direkter Wettbewerber – querfinanzieren und geraten dadurch noch mehr unter Druck.

Industriestandort droht langfristiger Schaden

Findet die Politik keine geeigneten Hebel, um die Preisentwicklung zeitnah und wirksam abzubremsen, zeichnet sich ein besorgniserregendes Szenario ab: Viele Unternehmen aus der chemischen Industrie und anderen energieintensiven Branchen haben ihre Belastungsgrenze längst überschritten. Einsparpotenziale bei Gas und Strom wurden vollständig realisiert. Nicht erst in diesem Jahr, sondern kontinuierlich.

Energieeffizienz ist in der energieintensiven Industrie Tagesgeschäft. In den letzten dreißig Jahren hat die chemische Industrie ihren Energieverbrauch um knapp 20 Prozent reduziert – während sich die Produktion mehr als verdoppelt hat. Bereits jetzt haben zahlreiche Unternehmen wegen des aktuellen Preisniveaus ihre Produktion gedrosselt oder gänzlich heruntergefahren – mit teils fatalen Folgen für nachgelagerte Lieferketten, wie etwa die aktuelle Diskussion um den Diesel-Zusatz AdBlue zeigt. Für viele Unternehmen geht es jetzt ums schiere Überleben und die Frage, ob die Produktion am Industriestandort Deutschland im globalen Wettbewerb langfristig weiterhin möglich ist.

Fakt ist: Die hohen Energiepreise können im internationalen Markt nicht an Kunden weitergegeben werden. Schon heute ist es häufig günstiger, Produkte aus USA und China zu importieren, als sie hier in Deutschland herzustellen. Durch die Gasumlagen wird der Wirtschaftsstandort Deutschland im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarländern weiter geschwächt.

Als global aufgestelltes Unternehmen ist Covestro in der glücklichen Situation, die Produktion flexibel anpassen zu können. Doch auch wir werden dieses Jahr voraussichtlich Energiekosten von gut 2,2 Mrd. Euro verkraften müssen – knapp das Vierfache im Vergleich zum vorletzten Jahr. Das ist auch mit Blick auf die anhaltende Transformation der chemischen Industrie und unsere ehrgeizigen Nachhaltigkeitsziele eine schwere Bürde.

Energiepreise bremsen Transformationsziele

In einer Phase, in der sich Unternehmen voll und ganz auf die Transformation hin zur Klimaneutralität und Kreislaufwirtschaft konzentrieren sollten, sehen sie sich plötzlich ungeahnten Herausforderungen gegenüber. Statt in innovative, klimafreundliche Technologien fließen Unternehmensgelder in die erhöhten Betriebskosten. Die chemische Industrie hat sich bereits auf den Weg hin zu einer nachhaltigen Produktion gemacht. Covestro etwa gehört zu den Vorreitern bei zirkulären Werkstoffen und will bis 2035 operativ klimaneutral werden. Mit den aktuellen Energiepreisen bekommen wir auf einem ohnehin ambitionierten Weg zusätzlich schweres Gepäck auf die Schultern gepackt.

Auch die notwendige Basis für eine klimaneutrale Industrie droht aus dem Blickfeld zu geraten: Der Ausbau erneuerbarer Energien bleibt dringlicher denn je. Denn es gilt weiterhin: Ohne grünen Strom keine grüne Industrie. Genauer gesagt: Ohne kostengünstigen, grünen Strom. Wie die VCI Roadmap vor einiger Zeit errechnet hat, braucht es für eine gelungene Transformation der chemischen Industrie einen Strompreis von 4 Cent pro Kilowattstunde – davon sind wir derzeit meilenweit entfernt. Der Ausbau der Erneuerbaren und der Aufbau einer nachhaltigen Wasserstoffwirtschaft müssen deshalb endlich beschleunigt werden. Absichtserklärungen reichen nicht mehr aus.

Raus aus der Krise geht es nur gemeinsam

Ist die Situation also hoffnungslos? Nein! Aber wir brauchen einen Weckruf und ein schnelles Nachsteuern. Denn unser Weg in eine nachhaltige Zukunft darf nicht zur Debatte stehen: Die europäischen und deutschen Klimaziele zu erreichen, ist unsere gemeinsame Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen. Deshalb gilt es, kurzfristig Maßnahmen zu finden, die Unternehmen absichern und Gestaltungsspielraum zurückgeben. Denn wir haben in Deutschland und Europa beste Voraussetzungen, um diese Bewegung anzuführen.

Mit unserer Expertise und Technologiekompetenz können wir zum Vorreiter bei klimafreundlichen Technologien und Kreislaufwirtschaftslösungen werden. Zuletzt war auf der ACHEMA, der weltweit größten Messe der Prozessindustrie für chemische Technik, Verfahrenstechnik und Biotechnologie, wieder eindrucksvoll zu spüren, welche Innovationskraft in unserer Branche steckt. Das müssen wir nutzen. Dafür braucht es eine gemeinsame Kraftanstrengung von Politik und Wirtschaft.

Zurück auf einen nachhaltigen Kurs

Schnelligkeit und Effektivität sind das Gebot der Stunde. Denn es bleibt wenig Zeit. Ein Ansatzpunkt ist eine Steuerfinanzierung oder grundlegende Nachbesserung der Gas-Umlage. Mindestens braucht es eine faire Lösung: für die Erhebung wie für die Verteilung. Ein weiterer Hebel könnten kurzfristige Maßnahmen zur Steigerung des Stromangebots sein. Nicht nur, um die Preisentwicklung zu bremsen, sondern auch um weiterhin europäische Partner – wie zuletzt Frankreich – unterstützen zu können. Den Ansatz „Zufallsgewinne“ für eine Entlastung zu nutzen, ist grundsätzlich denkbar. Eine rechtssichere Lösung scheint auf die Schnelle jedoch unwahrscheinlich. Auch Ideen wie die Einführung von Preisobergrenzen oder Preisnachlässen auf Energieträger gehören in der aktuellen Krise auf den Tisch.

Das Wichtigste ist jedoch: Anstatt sich in immer neue Einzelmaßnahmen zu stürzen, braucht es jetzt ein Paket, das sitzt: fair, durchdacht und präzise in seiner Wirkung. Nur was Unternehmen schnell und wirksam entlastet, bringt sie zurück auf Kurs und Deutschland zurück auf den Weg zu einem zukunftsfähigen und klimaneutralen Industriestandort. Der Zeitpunkt zu handeln, ist jetzt. Sonst könnte der Industriestandort Europa dauerhaft von seinem erfolgreichen Weg abkommen.

 

Dr. Klaus Schäfer