2024 ist ein Schlüsseljahr für die Energiewende. Wir stehen am “Point of No Return“

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Konflikte und Kriege haben uns im vergangenen Jahr vor zahlreiche Herausforderungen gestellt. In einer gesamtgesellschaftlichen Kraftanstrengung konnte eine echte Energiekrise abgewendet werden. Durch den Krieg in der Ukraine wurde uns allerdings schlagartig vor Augen geführt, wie abhängig wir in einem der wichtigsten Infrastrukturbereiche sind – der Energieversorgung. Eine krisenresiliente Infrastruktur ist daher das Gebot der Stunde. Wir stehen zwar noch am Anfang eines langen Weges, jedoch gab es bereits durchaus positive Entwicklungen und wichtige Entscheidungen, die uns mehr Investitionssicherheit gegeben haben. In diesem Blogbeitrag möchte ich eine Bilanz ziehen und einen Ausblick darauf geben, was aus Sicht der EnBW im Jahr 2024 passieren muss, um die Energiewende weiter voranzutreiben.

Jetzt gilt es, das Tempo zu erhöhen, insbesondere durch Entbürokratisierung, Digitalisierung und die Schaffung kapitalmarktfähiger Finanzierungsbedingungen. Eine Botschaft ist mir dabei besonders wichtig: Wir brauchen einen integrierten Plan. Sämtliche Energiewende-Infrastrukturprojekte zum Erreichen der Klimaschutzziele müssen zusammen gedacht werden und parallel zueinander hochlaufen. Diesen Umbau des Energiesystems wird der Staat allein nicht finanzieren können. Deshalb gilt es, durch die richtigen Rahmenbedingungen möglichst hohe privatwirtschaftliche Investitionen anzureizen. Beispielsweise läuft der Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge hervorragend im Wettbewerb. Es gibt aber auch Teile der Energiewende, die einer Förderung bedürfen.

Erneuerbare Energien

Vorweg möchte ich mit einer guten Nachricht beginnen – wir sind in vielen Bereichen bereits auf einem guten Weg. Im Jahr 2023 wurde knapp 52 %, also mehr als Hälfte des Bruttostromverbrauchs, aus Erneuerbaren Energien erzeugt. Das sind fünf Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Im Juni erreichte die Stromerzeugung aus Sonnenlicht ein Allzeithoch und die Windenergie an Land einen Jahresrekord.

Um diesen Kurs weiter zu beschleunigen, sind Anpassungen notwendig. Handlungsbedarf sehen wir insbesondere bei der Offshore-Windenergie. Die letzten Auktionen für nicht voruntersuchte Flächen werden als Erfolg gewertet, bergen aber auch Risiken. Wir brauchen eine Anpassung des Auktionsdesigns, um die Akteursvielfalt zu stärken und sicherzustellen, dass der erzeugte Strom auch dem deutschen Markt zur Verfügung steht und nicht beispielsweise grüner Wasserstoff für Raffinerien produziert wird. Auch bei der Onshore-Windenergie gibt es trotz der positiven Ergebnisse des letzten Jahres noch Luft nach oben bei der Entbürokratisierung.

Wenn wir über den Ausbau der Solarenergie sprechen, fällt der Blick auf China – weltweiter Vorreiter im Bereich Erneuerbare Energien mit mehr installierten Solaranlagen als der Rest der Welt zusammen und Hauptlieferant der Solarindustrie. Über 90 % der Wertschöpfung kommt aus China. Die Politik ist schnell geneigt, diese Abhängigkeit mit Zöllen lösen zu wollen. Allerdings wäre das kontraproduktiv und würde den Ausbau nur verteuern und verlangsamen. Stattdessen sollten die europäische Herstellerindustrie sowie die Lieferketten gestärkt werden. Wir setzen uns daher für sogenannte Resilienz- Ausschreibungen ein. Das sind Ausschreibungen für Solarflächen mit Modulen aus europäischer Produktion. Dann gäbe es immer noch Wettbewerb, aber eben auch einen finanziellen Ausgleich und die heimische Produktion würde unterstützt.

Verfügbare Leistung

Der Umbau des Erzeugungsportfolios erfordert neben den Erneuerbaren Energien auch einen Anteil an sogenannter disponibler – also regelbarer – Leistung. Dafür benötigt es Gaskraftwerke, die an wind- und sonnenarmen Tagen flexibel eingesetzt werden können. Für Deutschland wird der diesbezügliche Bedarf auf 20 bis 30 GW beziffert. Wir als EnBW gehen bereits in Vorleistung und rüsten drei Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 1,5 GW so um, dass sie zunächst mit Gas und später mit Wasserstoff betrieben werden können. Dafür investieren wir 1,6 Mrd. Euro. Diese Projekte rechnen sich, weil sie gleichzeitig Wärme ins Fernwärmenetz einspeisen.

Jedes weitere Kraftwerk benötigt jedoch klare, vom Bund vorgegebene Rahmenbedingungen, da Bau und Betrieb solcher Kraftwerke sehr kostenintensiv sind. Diese Rahmenbedingungen sollen in der Kraftwerksstrategie definiert werden. Wir begrüßen daher, dass die Bundesregierung Anfang Februar Eckdaten zur Kraftwerksstrategie vorgelegt hat. Wir haben auf die Kraftwerksstrategie dringend gewartet, da der Bau eines Kraftwerks ca. 6 Jahre dauert und raten auch jetzt zur zeitnahen Finalisierung der Strategie.

Das ist auch vor dem Hintergrund eines Bedarfs von 20 bis 30 GW regelbarer Leistung in Deutschland essenziell: In den zuletzt veröffentlichten Eckdaten sind nur Ausschreibungen von 4-mal 2,5 GW vorgesehen. Der Bau weiterer regelbarer Leistung soll anschließend über die Schaffung eines Kapazitätsmechanismus angereizt werden. Auch dabei ist Eile geboten: Nur wenn bereits jetzt Rahmenbedingungen des einzuführenden Kapazitätsmechanismus bekannt sind, haben Investoren langfristig Planungssicherheit.

Aus unserer Sicht sollte die Kraftwerksstrategie eine Kombination aus einem einmaligen Zuschuss für den Bau der Kraftwerke und einer dauerhaften Vergütung für die bereitgestellte Leistung beinhalten. Die ausgeschriebenen Gaskraftwerke werden sich nicht allein über die verkaufte Energiemenge finanzieren, da sie möglichst selten laufen sollen. Auch die Umstellung von Erdgas auf den zunächst teureren Wasserstoff bedarf einer staatlichen Kompensation.

Darüber hinaus plädieren wir für eine Regionalkomponente innerhalb der Kraftwerksstrategie. Für Baden-Württemberg beispielsweise wird der Leistungsbedarf auf 5 bis 7 GW geschätzt. Erst kürzlich musste TransnetBW rund 1 GW aus der Schweiz beziehen, um einen Netzengpass auszugleichen. Grund für den notwendigen Ausgleich war ein besonders hohes Windaufkommen in Norddeutschland. Solche Engpässe durch überlastete Stromleitungen sind auch in Zukunft zu erwarten, solange der Netzausbau langsamer voranschreitet als der Ausbau der erneuerbaren Energien.

Stromnetze

Egal auf welcher Spannungsebene: Ohne ausgebaute Netze gibt es keine Energiewende. Doch dieser Ausbau kostet. Ob dafür ausreichend privates Kapital mobilisiert werden kann, hängt von der Verzinsung der Investitionen ab. Wir befinden uns in einer Phase maximalen Wachstums bei sinkenden Renditen. Hier ist die BNetzA in der Pflicht, geeignete Rahmenbedingungen u.a. durch eine bessere Eigenkapitalverzinsung zu schaffen, um die Wirtschaftlichkeit der Netzinvestitionen sicherzustellen und Verzögerungen zu vermeiden.

Darüber hinaus sollte die Notwendigkeit der Erdverkabelung von HGÜ-Leitungen geprüft werden. Freileitungen sind eine erprobte Technologie, die die jährlichen Netzentgelte um eine Milliarde Euro senken könnte. Die Finanzierung über stetig steigende Netzentgelte hat in Zeiten, in denen wir das Netz im Wesentlichen erhalten und nur geringfügig ausbauen mussten, gut funktioniert. In den nächsten Jahren aber müssen wir die Übertragungsnetze so ausbauen, dass sie 30 % mehr Strom transportieren können. Ein Kilometer Leitung kostet ohnehin deutlich mehr als noch vor drei oder vier Jahren.

Um gerade Großprojekte wie SuedLink, eine HGÜ-Leitung mit einer Gesamtlänge von 700 km, voranzubringen, ist auch der Abbau der überbordenden Bürokratie eine Grundvoraussetzung. Ein Beispiel: Allein für den Transport der Kabel sind rund 8.000 verkehrsrechtliche Einzelgenehmigungen erforderlich. Diese bürokratischen Hürden müssen wir deutlich abbauen. Die Fertigstellung von SuedLink, um den Strom aus Erneuerbaren Energien von Norden in den energieintensiven Süden zu transportieren, ist nicht zuletzt essenziell, um den geplanten Kohleausstieg der EnBW bis 2028 zu realisieren.

Wasserstoff

Für die Wasserstoffinfrastruktur brauchen wir einen fast kompletten Neubau. Die Entscheidung zur Finanzierung des Kernnetzes ist ein wichtiger Schritt in Richtung einer nachhaltigen Energiezukunft. Die geplante Schaffung eines von der KfW geführten Amortisationskontos zur Finanzierung des Hochlaufrisikos ist grundsätzlich zu begrüßen.

Allerdings sind einige Aspekte noch nicht ausreichend ausgestaltet. So sollte z.B. der Selbstbehalt der Fernleitungsnetzbetreiber entfallen oder zumindest deutlich von derzeit 24 % auf maximal 15 % reduziert werden. Sinnvoll wäre es auch, die Umstellungsleitungen vom Selbstbehalt auszunehmen. Andernfalls kommt es zu einer Schlechterstellung gegenüber dem Weiterbetrieb im Erdgasnetz.

Eine risiko- und marktgerechte Verzinsung ist aber auch hier eine Grundvoraussetzung für Investitionen. Der Eigenkapitalzinssatz von 6,69 % (befristet bis Ende 2027) spiegelt das Risiko des Aufbaus einer neuen Infrastruktur nicht angemessen wider. Zum Vergleich: Neuinvestitionen in Stromnetze, eine etablierte Infrastruktur, erhalten trotz der ungleich höheren Risiken des H2-Kernnetzes einen Eigenkapitalzinssatz von 7,09 %. Auch hier sollte eine Anpassung des Zinssatzes erwogen werden.

Intelligente Bedarfssteuerung

Die Verbraucherseite wurde bei der Betrachtung des Energiesystems in Deutschland bisher kaum berücksichtigt, muss aber in den Fokus rücken. Andere Länder sind beispielsweise beim Angebot flexibler Tarife schon weiter. Das zeigt auch der Beschluss im Rahmen des Strommarktdesigns, der festlegt, dass Versorger zumindest noch einen fixen Strompreis anbieten müssen. Hier müssen wir dringend aufholen, um Effizienzen zu heben und die Chancen der Energiewende auch für die Konsument*innen voll auszuschöpfen.

Ein wichtiger Fortschritt wurde 2023 nach langen Diskussionen mit der Verabschiedung des § 14a EnWG erreicht. Dieser schafft die Grundlage für eine flexible und netzdienliche Steuerung von Verbrauchsanlagen. Doch egal ob dynamische Tarife oder netzdienliche Steuerung: Voraussetzung ist eine intelligente Infrastruktur, wie zum Beispiel Smart Meter. Der Roll Out ist im Gange und muss zügig voranschreiten, um Flexibilitäten bei den Kund*innen zu organisieren.

Fazit

Wir befinden uns an einem Punkt der Transformation, an dem es kein Zurück mehr gibt. Es ist schon viel geschehen, aber es bleibt noch viel zu tun. Wir streben ein System an, das kostengünstigen Strom liefert und eine sichere, zuverlässige Versorgung zu bezahlbaren Preisen gewährleistet. Denn nur mit der Akzeptanz der Bürger*innen ist dieses Generationenprojekt nachhaltig zu stemmen. Wirtschaft, Politik und Gesellschaft müssen an einem Strang ziehen, um die Rahmenbedingungen für die Energiewende und das Erreichen der Klimaziele weiter zu verbessern. Nicht nur bis 2024, sondern darüber hinaus. Die Zeit drängt – wir müssen auf die Uhr schauen, nicht auf die Kalenderblätter.

 

Andreas Schell