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Die Transformationsaufgabe unserer Generation

Eine intakte Umwelt ist der Schlüssel zu einer nachhaltigen und prosperierenden Zukunft. Sie bildet die Grundlage für ökologische Stabilität, wirtschaftliche Stärke, soziale Teilhabe und politische Resilienz. Der Weg zu einem klimaneutralen und stärker digitalisierten Energiesystem ist daher auch keine rein technische Herausforderung. Vielmehr erfordert er eine ganzheitliche Transformation, die ökologische, soziale, wirtschaftliche und geopolitische Aspekte miteinander verbindet. Dabei liegt ein Schlüssel in der konsequenten Nutzung regionaler Stärken in Deutschland, um volkswirtschaftliche Effizienz zu gewährleisten und die Kosten für Bürgerinnen und Bürger so gering wie möglich zu halten. Ein anderer ist die seriöse Kommunikation der Notwendigkeiten und Chancen. Das gezielte Schlechtreden unbestreitbarer Erfolge aus politischem Kalkül muss daher dringend enden. Klimaschutz und intakte Umwelt sind längst drängende Themen jedweder Regierungskoalition – und „grün“ in diesem Fall keine politische Farbe.        

Die Umstellung auf erneuerbare Energien und digitale Technologien ist nicht nur eine ökologische Notwendigkeit, sondern auch eine wirtschaftliche Chance. Investitionen in grüne Energien und intelligente Netzwerke schaffen Arbeitsplätze, reduzieren Kosten und machen die Wirtschaft widerstandsfähiger gegen externe Schocks. Insbesondere in der Energiewirtschaft und durch den Einsatz digitaler Technologien können nachhaltige Lösungen zur Sicherung des wirtschaftlichen Erfolgs beitragen. Eine intakte Umwelt ist vor diesem Hintergrund die Basis für stabile Wertschöpfungsketten, innovative Geschäftsmodelle und langfristige Prosperität. Die optimale Nutzung regenerativer Energiequellen kann außerdem dazu beitragen, geopolitische Abhängigkeiten zu reduzieren, Konflikte zu vermeiden und internationale Kooperationen zu stärken. Deutschland kann durch eine umweltorientierte Politik seine Position als globaler Akteur festigen und gleichzeitig zur Stabilität und Sicherheit in der Welt beitragen.

Die Herausforderung, ein klimaneutrales Energiesystem bis 2045 zu schaffen, ist enorm. Es geht darum, Energie sicher, nachhaltig und bezahlbar zur Verfügung zu stellen, während wir gleichzeitig die fossilen Grundlagen früherer Jahrzehnte hinter uns lassen. Die Balance zwischen Bezahlbarkeit, Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit stellt dabei eine kontinuierliche Herausforderung dar. Wie viele andere Akteure auch arbeitet EWE daran, diese fragile Balance zu halten und so die Akzeptanz bei der Bevölkerung für den Transformationsprozess zu stärken.

Die Energiewende ist dabei weit mehr als ein rein technisches Projekt: Sie ist ein gesellschaftlicher Umbau, der eine gerechtere, sicherere und nachhaltigere Zukunft schaffen kann. Daher darf der Fokus nicht nur auf technologische Innovationen gerichtet sein, sondern muss ebenso die sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen berücksichtigen. Diese umfassende Perspektive macht die Energiewende zu einem Leuchtturmprojekt für eine resiliente und integrative Gesellschaft, in der regionale Stärken genutzt und übergreifende europäische und globale Ziele erreicht werden. Gemeinsam mit Partnern und der Gesellschaft können wir diese Aufgabe meistern und eine Zukunft schaffen, die für alle lebenswert ist.

Als mehrheitlich kommunal getragenes Unternehmen hat EWE allein im Jahr 2023 über 1,15 Milliarden Euro in die Transformation hin zu klimaneutralen Technologien investiert. Dieser Trend setzt sich fort: In den kommenden Jahren sind Investitionen von bis zu 16 Milliarden Euro geplant, um den Aufbau eines zunehmend klimaneutralen und digitalisierten Energiesystems voranzutreiben. Für unsere Heimatregion, den Nordwesten Deutschlands, ist das wie ein Konjunkturprogramm: Studien belegen, dass jeder bei uns investierte Euro rund 70 Cent regionale Wertschöpfung nach sich zieht.

Die deutschlandweiten Investitionen in eine klimaneutrale und digitalisierte Energieinfrastruktur schaffen also enorme wirtschaftliche Potenziale: Allein im Bereich der erneuerbaren Energien können bis 2030 Hunderttausende neuer Arbeitsplätze entstehen. Die Transformation eröffnet nicht nur Chancen für große Unternehmen, sondern auch für Start-ups, die innovative Technologien entwickeln. Dies umfasst sowohl die Produktion von Photovoltaikmodulen und Windkraftanlagen als auch die Entwicklung smarter Steuerungssysteme, die in der Lage sind, Energieflüsse autonom und effizient zu managen. Gleichzeitig entstehen neue Dienstleistungssektoren rund um Energieberatung und -management, die Verbraucher und Unternehmen bei der Umstellung auf eine nachhaltige Energienutzung unterstützen. Die Verknüpfungen mit anderen Sektoren wie Mobilität oder Industrie bieten weitere Chancen: Sektorenkopplungstechnologien, die beispielsweise den Überschussstrom aus erneuerbaren Energien in Wasserstoff für die Stahlproduktion umwandeln, können eine treibende Kraft der deutschen Wirtschaft werden. Mit unserem Großprojekt „Clean Hydrogen Coastline“ setzen wir beispielsweise auf den Aufbau einer umfassenden Wasserstoffinfrastruktur, einschließlich Produktionsanlagen, Pipelines und Speichermöglichkeiten. Mit über 800 Millionen Euro Investitionsvolumen stellt dieses Projekt einen zentralen Baustein der Transformation dar.

Die rasant wachsenden Möglichkeiten der Digitalisierung sind hierbei ein unverzichtbarer Beschleuniger. Durch intelligente Steuerungssysteme können Produktionsprozesse effizienter gestaltet und Energieflüsse in Echtzeit optimiert werden. Unternehmen profitieren von sinkenden Betriebskosten und einer verbesserten Wettbewerbsfähigkeit, während gleichzeitig neue Arbeitsplätze geschaffen werden – insbesondere in zukunftsorientierten Sektoren wie der KI-gestützten Energieanalyse und der Entwicklung smarter Netze. Zusätzlich fördert die Transformation die Entstehung neuer Geschäftsmodelle. Peer-to-Peer-Energiehandel über Blockchain-Technologien ermöglicht es Haushalten, überschüssige Energie direkt zu handeln. Dies stärkt nicht nur die lokale Wirtschaft, sondern fördert auch die Akzeptanz erneuerbarer Energien, indem Bürgerinnen und Bürger direkt von der Energiewende profitieren können.

Ein herausragendes Beispiel für die regionale Bündelung von Stärken ist die Initiative „Powerhouse Nord“. Diese Energiewende-Allianz hat innerhalb eines Jahres mehr als 150 Akteure aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammengebracht, um die Transformation im Norden Deutschlands aktiv voranzutreiben. Denn der Norden bietet ideale Voraussetzungen für die Erzeugung erneuerbarer Energien, insbesondere durch Windkraft und Solarenergie und wird nach meiner Überzeugung ein Kraftzentrum des neuen Energiesystems werden. Die Allianz gibt der Region ein einheitliches Gesicht nach außen, setzt sich aber auch dafür ein, die gesellschaftliche Akzeptanz der Energiewende vor Ort zu stärken. Über verschiedenste Formate werden die Vorteile erneuerbarer Energien und die Bedeutung der Digitalisierung für die breite Bevölkerung verständlich. Powerhouse Nord lädt mit seinem gesamtgesellschaftlichen Ansatz zur Debatte ein, stärkt die regionale Zusammenarbeit und leistet einen Beitrag zur Förderung demokratischer Prozesse. Die enge Einbindung der Bevölkerung und das Aufzeigen der regionalen Positiveffekte erhöht zudem die Akzeptanz und das Vertrauen in die sichtbaren Veränderungen vor der eigenen Haustür.

Die Dezentralisierung der Energieversorgung durch erneuerbare Energien ermöglicht eine größere Partizipation der Bevölkerung an energiewirtschaftlichen Prozessen. Bürgerenergieprojekte geben den Menschen eine direkte Rolle in der Energiewirtschaft und auch Balkonkraftwerke sind für Viele ein guter, niedrigschwelliger erster Schritt, um sich selbst als aktiver Teil der Energiewende auszuprobieren. Digitale Plattformen eröffnen zudem neue Möglichkeiten der Beteiligung. Von Online-Bürgerforen bis hin zu Abstimmungen über lokale Energieprojekte – die Digitalisierung erleichtert es Menschen, sich in politische Entscheidungsprozesse einzubringen. Gleichzeitig ermöglicht die transparente Bereitstellung von Umweltdaten eine informierte Meinungsbildung und erhöht die Akzeptanz für notwendige Veränderungen.

Ein zentraler Aspekt der Transformation ist es, die Belastungen für Bürgerinnen und Bürger so gering wie möglich zu halten. Regionale Stärken spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Deutschland verfügt über vielfältige Ressourcen: Windenergie im Norden, Solarenergie im Süden und Biogasanlagen in ländlichen Gebieten. Durch eine gezielte Nutzung dieser regionalen Potenziale können volkswirtschaftliche Effizienzen gehoben und die Kosten minimiert werden.

Eine Option zur Kostenminimierung besteht darin, flexible Verbraucher systemdienlich in das Energiesystem zu integrieren. Flexible Verbraucher sind z.B. Elektrolyseure, die aus Wasser und erneuerbarem Strom grünen Wasserstoff erzeugen. Werden diese Anlagen an den richtigen Stellen im Netz platziert, können sie Netzengpässe und kostspielige Ausgleichsmaßnahmen vermeiden helfen – zugunsten aller Verbraucherinnen und Verbraucher.

Dies kann am Beispiel des 320 MW-Elektrolyseurs veranschaulicht werden, den EWE derzeit im ostfriesischen Emden errichtet. Zuvor hatte die Fördergenehmigung durch die Europäische Kommission mehrere Jahre gedauert. Wäre die Anlage bereits 2023 in Betrieb gewesen, hätte sie rund 90 Prozent der Strommenge, die an dem nahe gelegenen Umspannwerk engpassbedingt abgeregelt werden musste, aufnehmen und volkswirtschaftlich sinnvoll für die Wasserstoffproduktion einsetzen können. Daneben wären die Kosten für die Beseitigung der Netzengpässe für die Allgemeinheit um über 42 Mio. Euro gesunken.

Um diese positiven Effekte zu nutzen, sollten die politischen Rahmenbedingungen gezielt Anreize zur netzentlastenden und damit systemdienlichen Ansiedlung von Elektrolyseuren setzen. Dies kann z.B. über die dauerhafte Netzentgeltbefreiung über 2029 hinaus für Elektrolyseure erfolgen, die durch ihre ausgewählte Lage zur Netzstabilität beitragen.

Zeit für mutige Entscheidungen

Die Transformation zu einem klimaneutralen und digitalisierten Energiesystem ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Sie bietet jedoch auch die Chance, eine gerechtere, sicherere und nachhaltigere Zukunft zu gestalten. Durch den gezielten Einsatz regionaler Stärken kann Deutschland nicht nur seine Klimaziele erreichen, sondern auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Vorteile sichern. Es ist daher Zeit für mutige Entscheidungen. Klimaschutz und Digitalisierung sind keine Belastungen, sondern Investitionen in eine lebenswerte Zukunft in einer intakten Umwelt. Lassen wir uns von der Vision einer nachhaltigen Gesellschaft inspirieren, in der Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft im Einklang stehen. Gemeinsam können wir die Herausforderungen von heute als Sprungbrett für eine bessere Welt nutzen.

 

Stefan Dohler, Vorstandsvorsitzender der EWE AG