Deutschland steht an einem Scheideweg. Der globale Wettbewerb und geopolitische Verschiebungen erfordern einen tiefgreifenden Umbau unserer Wirtschaft. Die voranschreitende Dekarbonisierung ist dabei nicht nur eine sozial-ökologische Notwendigkeit, sondern eine der größten Chancen für die deutsche und europäische Industrie, ihre Wettbewerbsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit im 21. Jahrhundert zu sichern und so zukünftiges, strukturell verankertes Wachstum. Doch dieser Wandel erfordert massive Investitionen, die weit über das hinausgehen, was öffentliche Haushalte allein leisten können. Genau hier setzt die von der Stiftung Mercator finanzierte Initiative „Made in Germany 2030“ an. Wir sind überzeugt: Eine gezielte Transformationsfinanzierung, basierend auf sektoralen Transitionsplänen und getragen durch einen engen Schulterschluss zwischen Industrie, Finanzsektor und Politik sind der Schlüssel zum Erfolg.

Die Notwendigkeit gezielter Transformationsfinanzierung

Die Transformation unserer Wirtschaft ist kein diffuses Unterfangen, sondern ein hochkomplexer Prozess, der effektive Planung und Koordination erfordert. Sektorale Transitionspläne können dabei verlässliches Ordnungselement und roter Faden sein. Sie ermöglichen es uns, die spezifischen Herausforderungen und Chancen jedes Wirtschaftszweiges zu identifizieren – von der Schwerindustrie über den Maschinenbau bis hin zur Chemie. Sie definieren konkrete Ziele, Meilensteine und benötigte Investitionen. Sie schaffen Transparenz und Verlässlichkeit für alle Akteure und damit die Grundlage für eine effiziente und risikoadjustierte Allokation von Kapital.

Eine solche sektorale Herangehensweise erlaubt es uns auch, Technologien und Geschäftsmodelle zu fördern, die Deutschland als Industrie- und Innovationsstandort stärken. Wir können so gezielt in die Skalierung von Schlüsseltechnologien investieren, die für die Dekarbonisierung unerlässlich sind, wie etwa grüne Wasserstofftechnologien, CO2-Abscheidung und -Nutzung (CCU/CCS), fortschrittliche Batterietechnologien oder effiziente Wärmepumpensysteme.

Die symbiotische Beziehung von Realwirtschaft und Finanzsystem

Die Transformation ist eine Mammutaufgabe, die nur gelingen kann, wenn Realwirtschaft und Finanzsystem Hand in Hand arbeiten. Bislang agieren diese beiden Welten oft noch zu isoliert voneinander. Doch die anstehenden Aufgaben erfordern eine neue Qualität der Zusammenarbeit. Die Realwirtschaft liefert die innovativen Technologien und nachhaltigen Geschäftsmodelle, die das Finanzsystem mit dem notwendigen Kapital ausstattet. Umgekehrt stellt das Finanzsystem durch geeignete Produkte und Dienstleistungen Unternehmen Liquidität und Kapital bereit transformative Projekte umzusetzen.

Die Herausforderung liegt darin, hohe Anfangsinvestitionen für innovative und zukunftsfähige Technologien zu leisten, gleichzeitig die langfristigen Rentabilitätsperspektiven klar zu kommunizieren und entscheidende Risikofaktoren erkennen und adressieren zu können. Hierfür bedarf es eines besseren Verständnisses der Finanzakteure für die spezifischen Risiken und Chancen von Transformationsprojekten. Gleichzeitig müssen Unternehmen der Realwirtschaft lernen, ihre Investitionsbedarfe und Nachhaltigkeitsstrategien so aufzubereiten, dass sie für Investoren attraktiv sind und wo nötig öffentliche Risikoübernahmen bereitgestellt werden können.

Die Mobilisierung von privatem Kapital: Der entscheidende Hebel

Selbst mit den erweiterten Spielräumen werden öffentliche Mittel allein nicht ausreichen, um die notwendigen Investitionen für die Dekarbonisierung zu stemmen. Studien gehen von einem jährlichen Investitionsbedarf in dreistelliger Milliardenhöhe aus. Die Mobilisierung von privatem Kapital ist daher absolut entscheidend für das Gelingen der Transformation.

Hierfür müssen die richtigen Voraussetzungen geschaffen werden, die Anreize für private Investitionen in nachhaltige Projekte setzen und gleichzeitig Risiken minimieren. Dies umfasst:

  • Verlässliche politische Rahmenbedingungen:Unternehmen und Investoren benötigen langfristige Planungssicherheit. Ein kohärenter und einschätzbarer politischer Rahmen, der die Weichen für die Dekarbonisierung klar stellt, ist unabdingbar. Dazu gehören beispielsweise eine verlässliche Weiterentwicklung der notwendigen Infrastruktur – beispielsweise im Energie- und Mobilitätsbereich  –, angemessene CO2-Preispfade, Instrumente des Risikotransfers beschleunigte Genehmigungsverfahren.
  • Verbesserung der digitalen Datenverfügbarkeit:Investoren benötigen verlässliche Informationen über die Transformationsleistungen von Unternehmen und Projekten. Einheitliche Standards für diese Berichterstattung und die bessere Verfügbarkeit von Daten über ökologische und soziale Auswirkungen sind die Grundlage für Investorenvertrauen und effektive Kapitalallokation. Gleichzeitig entlasten klare Standards und eine effiziente digitale Infrastruktur die berichtenden Unternehmen.
  • Entwicklung bedarfsgerechter Finanzierungsinstrumente:Neben klassischen Bankkrediten braucht es eine breitere Palette an Finanzierungsinstrumenten, die auf die spezifischen Bedürfnisse von Unternehmen in der Transformation zugeschnitten sind. Dazu gehören transformative Anleihen, Blended Finance Modelle und innovative Risikoteilungsmechanismen.
  • Stärkung von Risiko- und Wagniskapital:Gerade für Unternehmen im Bereich zukunftsfähiger und bislang nicht etablierter Technologien ist der Zugang zu Risikokapital essenziell. Hier müssen staatliche Förderprogramme und private Investitionen Hand in Hand gehen.
  • Förderung von Kooperationen:Die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Akteuren, Realwirtschaft, Finanzsektor und Politik sollte institutionell gestärkt aufgestellt werden.

Eine verbesserte Politikkoordination: Erfolgsinstrument in Zeiten des Wandels

Die erfolgreiche Beschleunigung der Transformation durch die gezielte Mobilisierung privaten Kapitals hängt außerdem maßgeblich von einer effektiven Politikkoordination ab. Die fortgesetzt isolierte Betrachtung von Wirtschafts-, Klima- und Finanzpolitik greift schon lange zu kurz. Stattdessen bedarf es einer integrierten Strategie, die alle relevanten Politikfelder und Wirtschaftsbereiche ergebnisorientiert miteinander verzahnt.

Die Bundesregierung, die Länder und die Kommunen müssen am gleichen Strang ziehen. Eine ressortübergreifende Koordination ist dabei ebenso wichtig wie der Dialog mit der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Zivilgesellschaft. Nur so kann sichergestellt werden, dass die politischen Maßnahmen konsistent sind, Anreize richtig gesetzt und bürokratische Hürden abgebaut werden. Wichtige Ansatzpunkte sind dabei:

  • Eine nationale Transformationsstrategie:Eine übergeordnete Strategie, die die Ziele und den Fahrplan für die Dekarbonisierung klar definiert und die Rollen der verschiedenen Akteure festlegt.
  • Transformationspartnerschaften zwischen Politik und Wirtschaft: Gemeinsame Ziele, ein geteiltes Lastenheft und verbindliche Verantwortlichkeiten zwischen Politik, Realwirtschaft und Finanzbranche führen vom Reden zum Handeln. Dadurch entstehen Glaubwürdigkeit und Vertrauen seitens der beteiligten Akteure und in der Breite der Gesellschaft.
  • Harmonisierung von Regulierungen:unnötig fragmentierte und inkonsistente Regulierungen bieten direkte Ansatzpunkte zur nationalen und europäischen Harmonisierung und Festigung vonPlanungssicherheit für Unternehmen und Investor:innen.
  • Stärkung von Förderbanken und öffentlichen Finanzinstitutionen:Institutionen wie die KfW spielen eine entscheidende Rolle bei der Risikoreduzierung für private Investitionen, der Bereitstellung von Brückenfinanzierungen und Umsetzung direkter Fördermaßnahmen. Ihre Mandate und Kapazitäten sollten gestärkt und kohärent ausgerichtet werden.

Fazit: Made in Germany 2030 – Ein Fahrplan für die Zukunft

In der Initiative „Made in Germany 2030“ sind wir fest davon überzeugt, dass Deutschland das Potenzial hat, die Dekarbonisierung erfolgreich zu gestalten und dadurch seine Position als führende Industrienation auf zukunftsfeste Füße zu stellen. Dies erfordert einen mutigen und strategischen Ansatz, der über kurzfristige politische Zyklen hinausgeht.

Durch eine gezielte Finanzierungsstrategie entlang sektoraler Transitionspläne und eine enge Verzahnung von Realwirtschaft, Finanzsystem und Politik in Transformationspartnerschaften auf Augenhöhe können wir die notwendigen Investitionen für die Transformation freisetzen. Ein kohärenter politischer Rahmen und eine effektive Politikkoordination sind für das Gelingen entscheidend.

„Made in Germany 2030“ bedeutet nicht nur, Produkte in Deutschland zu fertigen. Es geht um die Gestaltung der europäischen Zukunft durch Deutschlands Beitrag. Es bedeutet, unsere Wettbewerbsfähigkeit durch Innovation und Nachhaltigkeit zu sichern, Arbeitsplätze weiterzuentwickeln und neue zu schaffen, und Deutschland und Europa als Vorreiter einer klimafreundlichen und resilienten Wirtschaft zu etablieren. Lassen Sie uns gemeinsam diesen Weg beschreiten. Die Chancen sind immens – jetzt ist die Zeit, sie zu ergreifen.

 

 

Kristina Jeromin und Matthias Kopp leiten gemeinsam die von der Stiftung Mercator finanzierte Initiative Made in Germany 2030, die sich der zukunftsfähigen Gestaltung des Wirtschafts- und Finanzstandorts Deutschland widmet.

Kristina Jeromin ist Expertin für Transformationsfinanzierung und arbeitet an der Schnittstelle von Finanzwirtschaft, Realwirtschaft und Politik. Sie war über ein Jahrzehnt bei der Deutschen Börse tätig, zuletzt als Head of Group Sustainability, und leitete bis 2024 das Green and Sustainable Finance Cluster Germany. Zudem ist sie langjähriges Mitglied des Sustainable Finance Beirats der Bundesregierung.

Matthias Kopp verantwortet beim WWF Deutschland die strategische Ausrichtung zum Finanzsystem und dessen Rolle in der nachhaltigen Transformation. Der Wirtschaftsingenieur ist seit 2005 beim WWF tätig, Mitglied im globalen Leadership Team der Finance Practice und berät Finanzakteure sowie Politik. Auch er ist Mitglied des Sustainable Finance Beirats der Bundesregierung.