Jeder kennt das: Man hat eine gute Idee, startet mit viel Elan und noch höheren Erwartungen. Doch schon bald gibt es die ersten Rückschläge. Und manchmal gelangt man an einen Punkt, an dem vieles in Frage steht. Bei Change-Prozessen nennt man diese Phase das „Tal der Enttäuschungen“. An dieser kritischen Stelle der Transformation befinden sich Deutschland und Europa derzeit. Der „Man on the moon“-Moment des Green Deals und der Zauber, der bekanntlich jedem Anfang innewohnt, sind verflogen. Angesichts neuer geopolitischer und wirtschaftlicher Realitäten ist Ernüchterung eingekehrt. Tief in uns drin glauben wir als Gesellschaft zwar noch an die Idee und Notwendigkeit der Klimaneutralität, merken aber: Ambitionierte Ziele allein machen noch keine erfolgreiche Transformation. Es ist schwieriger als ursprünglich gedacht. Und auch das gehört zur Wahrheit: Die grüne Transformation gibt es nicht umsonst.
Eine Branche, in der die ganze Veränderungsdynamik zusammenkommt, ist die Chemie. Als „Industrie der Industrien“ liefert sie ihre Produkte in nahezu alle Branchen, bildet den Ausgangspunkt unzähliger Wertschöpfungsketten. Sie ist Innovationsmotor und in vielen Bereichen Möglichmacher für die grüne Transformation. Die Chemie ist damit auch entscheidend für die industrielle Zukunft Europas.
Gleichzeitig steht die europäische Chemieindustrie vor großen Herausforderungen: anhaltend schwache Nachfrage, hohe regulatorische Anforderungen sowie steigender Preisdruck durch Importe aus Ländern mit besseren Rahmenbedingungen – vor allem bei Basischemikalien. Während die Produktivität stagniert und die Zahlungsbereitschaft der Kunden für klimaneutrale Produkte in vielen Bereichen noch fehlt, steigen die Kosten für Energie, Rohstoffe, Bürokratie und Personal sowie der Investitionsbedarf für den klimaneutralen Umbau der Produktion. Für viele Unternehmen ist das ein schwieriger Spagat, für manche sogar ein existenzieller. Als CEO von BASF werde ich deshalb oft gefragt: „Wie bekommen wir Wettbewerbsfähigkeit und Klimaneutralität in der Chemieindustrie zusammen?“.
Meine Antwort: „Indem wir die grüne Transformation pragmatischer angehen“. Das heißt konkret: Die Dinge, die bei der CO2-Reduktion spürbar etwas bringen und bereits funktionieren, zügiger und unkomplizierter umsetzen. Und das vorzugsweise bei Wertschöpfungsketten und Produkten, bei denen es wirtschaftlich machbar und im globalen Kontext sinnvoll ist. Kurz: mehr Fokus auf den Business Case. Statt über Langfristziele und perfekte, aber viel zu teure und oft auch realitätsferne Maximallösungen zu reden, sollten wir schauen, welche grünen Technologien und Produkte wir zügig und zu vertretbaren Preisen in den Markt bekommen.
Es geht also um Realitätssinn, Geschwindigkeit und Kosten – vor allem in zwei für die Chemieindustrie wichtigen Bereichen: bei der Energieversorgung und bei den Rohstoffen. Das Thema Energie steht bereits seit vielen Jahren ganz oben auf der öffentlichen Agenda. Ebenso, dass die politisch beeinflussbaren Energiekosten runter müssen. Denn egal wie wir es wenden: Auf absehbare Zeit wird Energie in Europa im Vergleich zu anderen Regionen teurer bleiben. Und wir werden mehr davon brauchen. Beim Thema Energie geht vieles bereits in die richtige Richtung. Was aber viele verkennen: Bezahlbare (grüne) Energie in ausreichenden Mengen macht allein noch keine international wettbewerbsfähige klimaneutrale Produktion.
Worüber meines Erachtens noch viel zu selten gesprochen wird, ist die Dekarbonisierung der Rohstoffe. Fossile Kohlenwasserstoffe, vornehmlich Erdgas und erdöl-basierte Grundstoffe wie Naphtha, bilden die wichtigste Basis für viele Wertschöpfungsketten in der Chemie – und sind damit eine erhebliche CO2-Quelle. Das wird lange Zeit noch so bleiben – auch wenn nachwachsende biogene Rohstoffe und recycelte Rohstoffe an Bedeutung gewinnen. Dass die Substitution fossiler Rohstoffe durch alternative Rohstoffe mit einer besseren CO2-Bilanz nur langsam vorankommt, hat zwei eng miteinander verknüpfte Gründe.
Erstens, den Preis: Alternative Rohstoffe sind meistens teurer, weil sie schlichtweg nicht so verfügbar sind wie ihre fossilen Pendants. Und sie sind teurer, weil bei ihrer Gewinnung häufig zusätzliche energieintensive und damit kostentreibende Verarbeitungsschritte notwendig sind.
Der zweite Grund, warum alternative Rohstoffe zurzeit in der Chemie nicht aus der Nische herauskommen, liegt in der Regulatorik: Denn was in der Energiebranche schon seit Jahrzehnten praktiziert wird – nämlich das parallele Einspeisen von fossilen und erneuerbaren Energieträgern und die anschließende Zuschlüsselung (Attribution) des rechnerischen Öko-Anteils zum individuellen Endverbraucher – wird in der Chemieindustrie von der Regulatorik noch nicht durchgängig akzeptiert. Dabei ist es technisch ohne weiteres möglich, fossile und alternative Rohstoffe am Anfang des Produktionsprozesses zu mischen und den Anteil der alternativen Rohstoffe am Ende des Produktionsprozesses nach anerkannten Standards auf die Produkte zu verrechnen. Ein vergleichbares Vorgehen zu diesem sogenannten Prinzip der Massenbilanzierung hat den erneuerbaren Energien zum Durchbruch verholfen – denn es wäre absolut irrsinnig gewesen, für Strom aus Wind und Solar oder Gas aus erneuerbaren Quellen ein eigenes Netz aufzubauen.
Damit die Dekarbonisierung der Rohstoffe in der Chemie also entscheidend vorankommt, sind meines Erachtens zwei Dinge entscheidend: Erstens, die Anerkennung des Prinzips der Massenbilanzierung in allen relevanten Chemie-Gesetzgebungen auf Bundes- und EU-Ebene. Zweitens, die Anerkennung aller alternativen Kohlenstoffquellen bei der Zuschlüsselung des Öko-Anteils zum Endprodukt – ganz egal, ob sie biogenen Ursprungs sind oder zum Beispiel aus recycelten Altkunstoffen oder Autoreifen stammen. Beide Maßnahmen könnten die Rohstoffwende in der Chemie hin zu weniger CO2, mehr Zirkularität und mehr Wirtschaftlichkeit beschleunigen. Sie wären schnell und kostengünstig umsetzbar, da der bestehende Anlagenverbund für die schrittweise Umstellung der Rohstoffbasis genutzt werden könnte.
Das bringt mich zum Thema „Technologien“ – und der Frage, wie CO2-Emissionen im Produktionsprozess am kostengünstigsten vermieden werden können. Die europäische Chemieindustrie hat sich klar zum Ziel der Klimaneutralität bekannt. Für den Weg dorthin brauchen die Unternehmen allerdings ein breites Portfolio an Möglichkeiten, das die Elektrifizierung chemischer Verfahren ebenso umfasst und fördert wie etwa die Abscheidung und Speicherung von CO2(CCS). Denn jeder Standort hat andere Voraussetzungen und jedes Produktionsverfahren hat spezielle Anforderungen. Kurz gesagt: Es geht um Technologieoffenheit und Wahlfreiheit. Nur so können die begrenzten finanziellen Mittel der Unternehmen, Märkte und öffentlichen Hand in die für den jeweiligen Standort oder das jeweilige Verfahren effizienteste Technologie zur CO2-Minderung fließen. Das senkt die Transformationskosten und es entstehen die benötigten Freiräume und wirtschaftlichen Anreize für Innovationen und Investitionen. Mein Eindruck: Wir wollen bei vielen grünen Technologien von null auf den perfekten Zustand springen. Das ist weder wirtschaftlich sinnvoll, noch wird es den Hochlauf neuer Technologien beschleunigen.
Das „Tal der Enttäuschungen“ ist ein ungemütlicher Ort. Die aktuelle Stimmungslage in Deutschland spiegelt das wider. Doch werden an dieser entscheidenden Stelle im Transformationsprozess die richtigen Schlüsse gezogen, dann kann der „Pfad der Erleuchtung“ auf das „Plateau der Produktivität“ führen. Die europäische Chemieindustrie ist bereit und willens, diesen Weg in einem wirtschaftlich wie geopolitisch anspruchsvollen Umfeld gemeinsam mit der Politik zu gehen. Dafür braucht es einen klaren Fokus auf den Markt und das Machbare. Es braucht mehr Pragmatismus – sei es in der Regulatorik oder beim Hochlauf neuer Technologien. Und es braucht ein Bewusstsein dafür, dass grüne Produkte – selbst wenn alle Parameter ideal sind – auf Dauer teurer sein werden als ihre fossilen Pendants. Es geht also auch um eine ehrliche Diskussion darüber, welche Kosten und Konsequenzen wir als Gesellschaft bereit sind für Klimaschutz und nachhaltigere Produkte in Kauf zu nehmen und wie wir Lasten verteilen.
Dr. Markus Kamieth ist Vorstandsvorsitzender (CEO) der BASF SE, dem größten Chemieunternehmen der Welt mit Sitz in Ludwigshafen, Deutschland.