Geopolitik und Nachhaltigkeit. Gemeinsame Verantwortung oder fragmentierte Welt? Wie kann mehr nachhaltiges Wirtschaften bei schwindendem Multilateralismus gelingen?

©
iStock bluejayphoto

 

Geopolitik und Nachhaltigkeit sind zu Schlüsselbegriffen unserer Zeit geworden. Globale Machtverschiebungen, neue Allianzen und ein brüchiger Multilateralismus verändern die Rahmenbedingungen, unter denen über die Zukunft entschieden wird. Gleichzeitig wächst der Druck, Wirtschaft und Politik nachhaltiger auszurichten. Im Nachgang zum Accenture-Gleisgespräch am 15. Oktober 2025 in Berlin formuliere ich fünf Thesen, wie sich unter diesen Bedingungen gemeinsame Verantwortung bewahren und nachhaltiges Handeln strategisch neu verankern lässt.

 

1. Die Abwärtsspirale, in der sich Klima und Nachhaltigkeit befinden, kann überwunden werden, weil die Fundamentaldaten unverändert für Klimaschutz und für mehr Nachhaltigkeit sprechen.

Geopolitik ist derzeit vor allem anderen ein Angstwort. Die Weltordnung bricht um, atemberaubend schnell und mit vielen Überraschungen. Im Moment drückt das Wort Geopolitik vor allem die Angst aus, bei den großen Machtverschiebungen nicht mitzuhalten.

Es wird auch benutzt, um Nachhaltigkeit und Klimaschutz zurückzustellen und zu stutzen. Das ist eine Abwärts-Spirale. Unglücklicherweise wird sie verstärkt durch Fehler und Ungereimtheiten der Nachhaltigkeits-Governance. Das muss kritisch aufgearbeitet werden.

Nachhaltigkeit und das Klima-Thema kann man indessen nicht „abschaffen“. Die materiellen und ökonomischen Fundamentaltrends und demographischen Entwicklungen, die für diese Themen sprechen, bleiben. Im Grund genommen: Nachhaltigkeit ist ein geopolitisches Manifest. Die Erdpolitik der Rio-Konferenz 1992 war ein geopolitischer Anfangsgedanke, der heute reanimiert und revitalisiert werden muss.

Die Chancen für neue Formen der Zusammenarbeit über enge Interessen hinweg sind gegeben. Auch in turbulenten geopolitischen Konstellationen können wir die fundamentalen, gemeinsamen Herausforderungen angehen und Verantwortung übernehmen. Die Abwärtsspirale wird, hoffentlich, gestoppt.

 

2. Die Renaissance des Multilateralismus darf nicht verpasst werden.

Der Multilateralismus steht vor einer Renaissance. Aber nicht als Weltregierung, sondern als Teil einer multipolaren Kooperation auf Augenhöhe in wechselnden Gruppierungen.

Zugegeben: Die Unbeweglichkeit der komplizierten Binnenwelt der UN kann frustrieren und die Parallelwelten aus G20, SCO, BRICS+, G77 und UN-Sicherheitsrat sind oft unergiebig. Doch noch hat die UN insgesamt die faktenbasierte Deutungshoheit – und muss gerade deshalb reformiert werden.

Aber selbst beim mageren und mühsamen Status quo gilt: Der Multilateralismus lebt und liefert.

  • Das zeigen jüngste Vereinbarungen zur Ozeanpolitik, zur Fischerei, zur Entwicklungsfinanzierung.
  • 2025 ist mehr als die Hälfte der globalen Treibhausgase durch Ziele für das Pariser Klimaabkommen abgedeckt. Unter den Ländern mit neuen, ambitionierten nationalen Verpflichtungen sind große Emittenten wie China, Russland, Türkei, Mexiko, und Partnerländer der deutschen Entwicklungspolitik wie Bangladesh und Eritrea.
  • China gibt Schub. China macht starke Vorschläge für die Reform der Vereinten Nationen, die im Westen vorschnell abgelehnt wurden, ohne dass man auch nur ansatzweise Alternativen hat. Und China legt nach: Es wählte für sein jüngstes Klima-Ziel erstmals die multilaterale Bühne und schließt sich dem Minderungsmodus der Industrieländer an (absolute Ziele, zwar langsam, aber stetig). Zuvor hatte China im Gestus des Entwicklungslandes die Reduktionen lediglich in Relation zum Wirtschaftswachstum zugestanden.
  • Die 2030 Agenda lebt durch die mittlerweile mehr als 400 VNRs, die rund 150 Länder vorgelegt haben. Auch nach 2030 wird es Sustainable Development Goals geben, für deren Verwirklichung sich Menschen, Nationen und Unternehmen mit Sinn und Verstand engagieren.

Multipolare Kooperation ist eine Einladung und Chance auch für die Unternehmen, die solche Konzepte ausweiten wollen oder anstreben. Diese Art von Kooperation muss von der Politik begleitet und unterstützt werden – etwas, wofür man Politikerinnen gewinnen muss und kann. Über die geopolitischen Kompetenzen, Strategien und Haltungen deutscher WirtschaftsführerInnen ist wenig bekannt. Es wäre gut, wenn Vorstände es zuließen, sich zu Geopolitik und Nachhaltigkeit herausfordern zu lassen.

 

3. Deutschland hat zwar erhebliche geo-ökonomische Interessen, aber erstaunlicherweise keine explizite Geo-Politik. Das ist eine Fehlstelle.

Deutschland ist eine geopolitische Schwundgröße, aber nicht, weil wir in der falschen Gewichtsklasse boxen wollen, sondern weil wir die eigenen Interessen nicht formulieren.

Deutschland hat trotz erheblicher geo-ökonomischer Interessen erstaunlicherweise keine explizite Geo-Politik. Die bisherige geopolitische Orientierung ist heute nicht anschlussfähig. Die transatlantische Orientierung (Adenauer) hat sich vorerst erledigt, wie auch die Ost-West-Entspannungspolitik (Brand). Heute gibt es nichts Adäquates. Im Multilateralismus gelten wir nur als Zahlmeister. Berlin und Brüssel beobachten die aktuellen Handelskonflikte nur von der Seitenlinie aus und fantasieren über die Zerschlagung der Tech-Multis, statt über die eigene Exzellenz, technische Fähigkeiten und Ingenieurskunst.

Die deutsche Außenwirtschaftspolitik findet in der Nachhaltigkeitsstrategie zu wenig statt. Die Strategie selbst befindet sich derzeit im politischen Abseits.

 

4. Europa muss als Reaktion auf US-Zölle und chinesische Exportkontrollen seine eigene „extraterritoriale Souveränität“ entwickeln: mit Lieferkettensorgfalt und CO2-Grenzausgleich.

Geopolitik heißt, den eigenen Vorteil zu erkennen. Die Trumpzölle machen ihre Nutznießer fett und fad. Mit den richtigen Rahmenbedingungen kann dagegen die wettbewerbliche Kooperation deutscher Unternehmen mit China – und ebenso mit Afrika – den eigenen Standort stärken. Re-Globalisierung betrifft komparative Kosten und Leistungen, die Preisgestaltung einschließlich Forschung, Entwicklung und Wissenstransfer – und damit auch die Nachhaltigkeit.

Ambitionierte und funktionierende Regeln für CBAM, Nachhaltigkeit und Lieferkettensorgfalt sind nötig, um die eigene Schlüsseltechnologie und den Binnenmarkt zu schützen. Diese Regeln wären die europäische Antwort auf die extraterritoriale Souveränität der chinesische Erdmetallpolitik und Trumps Zollpolitik. Es ist töricht, die eigenen Regeln jetzt abzuschaffen, ohne diesen Zusammenhang auch nur zu thematisieren.

Bei CEOs und in der Politik muss endlich ankommen, dass Lieferkettenvorschriften und der natürliche Klimaschutz gemäß Pariser Abkommen im Mittelpunkt stehen müssen. Die Evian-Forderungen deutscher und französischer Top-CEOs zielen darauf ab, sämtliche Nachhaltigkeitsvorschriften abzuschaffen. Das ist eine Irrfahrt, die der Konkurrenz in die Hände spielt.

 

5. Ein Beispiel für latent ignorierte deutsche Interessen ist der fast unbemerkt vorangetriebene Ausschluss von Naturlösungen aus dem Paris Klima-Abkommen, der sachlich unberechtigt ist und nur einseitigen Kapitalinteressen folgt.

Derzeit legt die EU fest, was sie unter der Dauerhaftigkeit (Permanenz) von aus der Umwelt entnommenem Kohlenstoff versteht. „Carbon Removal“ ist dabei ein zentrales Thema: Privates Kapital soll für den Klimaschutz mobilisiert werden. Für die Entfernung von CO₂ existieren sowohl technische als auch natürliche Ansätze – etwa durch Speicherung von Kohlenstoff in Mooren, Böden, Wäldern und Meeren. Beide Ansätze sind notwendig, um die globale Erwärmung wirksam zu begrenzen.

Allerdings fließt das große – überwiegend US-amerikanische – Kapital bislang vor allem in teure technische Lösungen. Keine Frage: Wir brauchen sie, aber: Diese Investoren versuchen, naturbasierte Maßnahmen vom Markt zu drängen, um den Bereich mit deutlich teureren Technologien zu dominieren. Die Europäische Kommission unterstützt diese Interessen, indem sie für naturbasierte Lösungen fordert, dass die gespeicherten Mengen über mehrere Hundert bis Tausend Jahre Bestand haben müssen – verbunden mit einer engmaschigen Überprüfung über diesen gesamten Zeitraum.

Das ist faktisch nicht umsetzbar. Aus praktischen, ökonomischen und ökologischen Gründen – insbesondere im Hinblick auf natürliche Dynamiken und Sukzessionsprozesse – kann niemand solche Garantien leisten. Damit werden die Interessen des deutschen Mittelstands und international tätiger Unternehmen aus dem Markt oder in unsinnig hohe Kosten gedrängt.

Ein klimaneutrales Deutschland wird jedoch nur möglich sein, wenn glaubwürdige, integrierte Klimalösungen aus internationalen Projekten anerkannt werden. Klimaneutralität geht nur, wenn alle Register gezogen werden, also neben Reduktion und Anpassung auch vor allem auch mit gezielt vermiedenen und negativen Emissionen und dauerhaft gespeicherter Kohlenstoff – überall dort, wo das sicher und verlässlich umgesetzt werden kann.

 

Dr. Günther Bachmann ist ein Nachhaltigkeitsexperte und ehemaliger Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung, der nach seiner Tätigkeit im Umweltbundesamt in verschiedenen beratenden und ehrenamtlichen Funktionen zu Umwelt-, Boden- und Nachhaltigkeitsthemen tätig ist.