Das verflossene Imperium des Eises
Als Frederic Tudor zu Beginn des 19. Jahrhunderts sein Handelsgeschäft gründete, hielten viele ihn für wahnsinnig. Sein Produkt: Eis, genauer gesagt Natureis, manuell aus den gefrorenen Seen Neuenglands gesägt. Sein Plan: dieses Eis in die Tropen zu verschiffen, um es dort zu verkaufen, wo man Kälte bis dahin kaum kannte. Die wohlhabenden Menschen in der Karibik, in Kuba oder Indien sollten lernen, was Eis für sie bedeuten konnte – gekühlte Getränke, Sorbets, Eiscreme, ein neues Lebensgefühl. Wer einmal kalt getrunken hatte, wollte nicht mehr zum warmen Getränk zurück. Tudor erschuf eine gigantische Nachfrage, die er nun selbst bedienen konnte. Er baute isolierte Lagerhäuser, organisierte Schiffe, erschloss Häfen von Martinique bis Kalkutta. Gefrorenes Wasser wurde als »weißes Gold« bekannt, und Tudor wurde für seine Zeitgenossen der »Ice King«.
Tudors eigentlicher Erfolg lag nicht nur in seiner Erschließung neuer Märkte, sondern in der fortwährenden Optimierung seines Produktionsprozesses. Er machte den Eishandel günstiger, indem er die Ernte mechanisierte und die Blöcke effizienter isolierte, damit selbst nach monatelangen Überfahrten noch ein großer Teil der Fracht erhalten blieb. Seine Firma veredelte nicht das Eis selbst, sondern alles um das Eis herum: Logistik, Lagerung, Vertrieb. Die Eisbranche baute »Industrieverbünde« und »integrierte Wertschöpfungsketten« auf, um moderne Begriffe zu bemühen – wegen der Möglichkeit der Kühlung verlagerten sich etwa Schlachthöfe außerhalb von amerikanischen Großstädten und das Luxusgut Fleisch wurde günstiger.
Die Geschichte des Eishandels fand allerdings ein abruptes Ende. Tudor und seine Kollegen und Nachfolger optimierten das bestehende und durchaus erfolgreiche Modell des Natureishandels immer weitgehender. Aber sie übersahen dabei eine entscheidende Neuerung: Die Erfindung des Kühlschranks und des Eisfachs. Geistig eingezwängt vermochten sie nicht zu glauben, dass man Kälte eines Tages nicht mehr ernten, verschiffen und konservieren, sondern technisch überall erzeugen würde. Das Eisimperium zerfloss schnell. Der Sprung von besser organisiertem Natureis zur künstlichen Kühlung war kein weiterer inkrementeller Fortschritt innerhalb des alten Systems, sondern dessen Überwindung.
Unsere Wirtschaft hält an alten Paradigmen fest
Tudors Eisgeschäft provoziert einen Vergleich mit Teilen der deutschen Wirtschaft. Auch unsere Wirtschaft lebt von ihrer Außenhandelsintensität, vom globalen Vertrieb unserer Autos, Maschinen, Chemikalien. Wir sind Weltmeister darin, Bauteile und Prozesse noch ein paar Prozent besser zu machen. Das ist eine anerkennenswerte Leistung. Doch es droht, dass wir gerade wegen dieser Stärken wirtschaftliche Paradigmenwechsel zu spät erkennen und zu wenig in den Aufbau des genuin Neuen stecken. »Creative Destruction« sehen wir oft skeptisch. Der intensiv geführte Kulturkampf um den Verbrennungsmotor ist das beste Beispiel dafür.
Das Wirtschaftsmodell der Bundesrepublik Deutschland war die vergangenen Jahrzehnte eine Erfolgsgeschichte – paradoxerweise ist genau das aber die Quelle des jetzigen Problems. Wir haben es lange geschafft, eine starke Industrie zu bewahren, während andere Länder, wie England und die USA, rapide deindustrialisiert haben. Aber wegen unseres persistenten Erfolges haben wir aufgehört, das erfolgreiche Modell kontinuierlich auf seine Tragfähigkeit und Zukunftsfähigkeit zu überprüfen. Wir haben versäumt, mit aller Kraft neue Branchen zu etablieren und uns auf die Verstetigung vergangener Erfolge konzentriert. Die Politik, die Unternehmen und Gewerkschaften – explizit auch die Sozialdemokratie – müssen sich der unbequemen Wahrheit stellen, dass sie durchaus ihren Anteil an dieser Entwicklung hatten. Unsere neue Leitlinie muss die fundamentale Ausrichtung auf die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts sein. Das Neue hat in uns einen Freund.
Der Wert von Visionen
Der relative Abstieg mancher Branchen bereitet derzeit deswegen so viel Unbehagen, weil das Neue noch nicht klar vorstellbar ist. Andere Länder, beispielsweise China, schaffen es deutlich besser kommunikativ zu vermitteln, wo die Reise hingehen könnte. Wir brauchen eine Vision für die deutsche Wirtschaft, natürlich nicht als starres Dekret, aber als gute Orientierungshilfe. Und wenn wir diese haben, müssen wir auch auf eine solche Vision klar und strategisch hinarbeiten und all unsere wirtschaftspolitischen Instrumente und Subventionen auf ihre Erreichung ausrichten.
Meine Vision für die deutsche Wirtschaft sieht in etwa so aus: Im Jahr 2040 ist Deutschland ein starker, innovativer und resilienter Wirtschaftsstandort, der Wohlstand schneller scha!t und breiter verteilt. Wirtschaftlicher Erfolg ist weder Selbstzweck noch »nice to have«, sondern die unabdingbare Grundlage für gesellschaftlichen Fortschritt, soziale Sicherheit und ein selbstbestimmtes Leben für alle. Staat, Unternehmen und Arbeitnehmer:innen verstehen sich als Partner beim Aufbau der Zukunft. Deutschland ist dann ein Land, in dem Ideen schneller Wirklichkeit werden als irgendwo anders auf der Welt: Forschung fließt direkt in neue Produkte, Geschäftsmodelle und industrielle Anwendungen. Start-ups, Mittelstand und Industrie arbeiten eng zusammen, damit Spitzentechnologien nicht nur entwickelt, sondern auch skaliert und weltweit exportiert werden. Innovation erfasst dabei nicht nur neue Branchen, sondern erneuert auch die industrielle Basis des Landes – von Automobilindustrie und Maschinenbau bis Stahl und Chemie. Digitalisierung, Automatisierung und Dekarbonisierung machen Deutschland schneller, produktiver und international wettbewerbsfähiger.
Diese innovative Wirtschaft schafft breiten Wohlstand und macht den Alltag spürbar besser. Gute, sichere und fair bezahlte Arbeit, echte Aufstiegschancen, Weiterbildung und soziale Sicherheit sorgen dafür, dass die Menschen unmittelbar vom wirtschaftlichen Erfolg profitieren. Technologischer Wandel wird nicht als Bedrohung erlebt, sondern als Chance auf bessere Arbeit und neue Perspektiven. Deutschland zieht Talente und Ideen aus aller Welt an, weil es ein modernes, verlässliches und offenes Einwanderungsland ist. Gleichzeitig ist der sozial-ökologische Umbau weit vorangeschritten: Energie ist erneuerbar, sicher und bezahlbar, Ressourcen werden in Kreisläufen genutzt und klimaneutrale Infrastruktur ist selbstverständlich. Deutschland bleibt eine offene Volkswirtschaft mit robusten Lieferketten, fairen Handelsbeziehungen und einem starken europäischen Binnenmarkt, lässt sich aber nicht mehr durch unfaire Handelspraktiken über den Tisch ziehen. So zeigt das Land 2040, dass wirtschaftliche Stärke, technologische Offenheit, industrielle Modernisierung und gesellschaftliche Verantwortung zusammengehören. Es ist ein Land, das an sich glaubt und anderen Ländern als Vorbild dient.
Der Weg dorthin
Wie kommen wir also dahin? Dies ist nicht der Ort für eine ermüdende Auflistung von detaillierten Policy-Maßnahmen. Eins ist aber klar: Der Weg in ein neues Wirtschaftsmodell ist kein Sprint, kein Konjunkturprogramm für eine Legislaturperiode und kein rhetorisches Projekt für den Wahlkampf. Er ist ein langfristiger Umbau und Neuaufbau unseres Landes – seiner Institutionen, seiner Infrastrukturen, seiner Prioritäten, seiner Fähigkeit zur strategischen Zielsetzung. Und vor allem ist er eine Frage des Mutes: des Mutes, technologischen Fortschritt nicht länger als Bedrohung zu betrachten, sondern als Bedingung unseres künftigen Wohlstands; des Mutes, den Staat weder als Allheilmittel noch als Teufelszeug zu reduzieren, sondern ihn schlicht e!ektiv und handlungsfähig zu machen; und des Mutes, Wohlstand nicht nur zu schaffen, sondern ihn breiter, gerechter und widerstandsfähiger zu organisieren.
Deutschlands künftige Stärke wird nicht aus der Verlängerung alter Gewissheiten oder Geschäftsmodelle entstehen, sondern aus der entschlossenen Hinwendung zu neuen Quellen der Wertschöpfung. Wir dürfen nicht den Fehler Tudors wiederholen. Unsere Produktivität von morgen wird außerdem nicht (nur) aus längeren Arbeitszeiten oder aus Entbürokratisierung erwachsen, sondern aus Produktivitätssteigerungen und Innovation. Wir müssen uns deshalb auf jene Felder konzentrieren, in denen sich entscheidet, ob wir gestalten oder getrieben werden: Künstliche Intelligenz, Robotik, Quantentechnologien, moderne Cloud- und Edge-Infrastrukturen, klimafreundliche industrielle Produktion, neue Materialien, Pharmazie, Maschinenbau, Mobilität und die Technologien unserer Sicherheit. Zur Priorisierung gehört auch Depriorisierung: wir müssen strategisch wählen, in welchen Bereichen wir in Europa Champions sein wollen – und auf welche wir uns lieber nicht konzentrieren. Und das müssen wir dann auch durchziehen.
Ein solcher Aufbruch gelingt nur mit einem Staat, der mehr ist als Beobachter. Ein aktiver Staat ersetzt nicht den Markt; er macht ihn in entscheidenden Momenten überhaupt erst möglich. Er koordiniert, wo Zersplitterung lähmt. Er investiert, wo privates Kapital zu zögerlich ist. Er schützt, wo junge Industrien noch nicht gegen die Wucht globaler Konkurrenz bestehen können. Und er lernt: durch klare Prioritäten, durch Erfolgskontrolle, durch die Bereitschaft, Fördermittel nicht nach Gewohnheit, sondern nach ihrem tatsächlichen Nutzen für Innovation, Beschäftigung und inländische Wertschöpfung einzusetzen. Ein solcher strategischer Staat beschleunigt Genehmigungen, baut Netze, setzt Anreize für privates Kapital, wird zum Ankerkunden für neue Technologien – er verfolgt aktiv, wirkungsvoll und schonungslos seine Ziele.
Die Disruptionen, vor denen wir stehen, haben das Potenzial, gewaltig zu sein. Die Instrumente, die sich der Staat im Rahmen seiner Wirtschaftspolitik zugesteht, müssen Schritt halten mit der Größe der vor uns liegenden Aufgabe. Die Transformation kommt sowieso – wir können aber dafür sorgen, dass sie zu unseren Bedingungen und unserem Vorteil passiert.
Armand Zorn ist stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion.
Der Beitrag ist eine Vorabveröffentlichung aus dem am 15.6. erscheinenden Sammelband des Wirtschaftsforums der SPD “Germanomics – Neue Anworten für Wachstum und Wohlstand“. Hier können Sie das Buch vorbestellen.