Macht begrenzen. Missionen starten. Gute Jobs, bezahlbare Preise, starke Industrie

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Historischer Umbruch

2022 hat Deutschland erlebt, was es bedeutet, wenn ein Industrieland seine Wettbewerbsfähigkeit auf billiges russisches Gas baut. Innerhalb weniger Monate wurde aus vermeintlicher Versorgungssicherheit ein Preisschock für Chemie, Stahl, Mittelstand und Haushalte. 2026 zeigt der Iran-Krieg mit der Blockade der Straße von Hormus erneut, wie schnell fossile Abhängigkeiten zurückschlagen. Und es stellt sich die Frage: Wer wird mit größerer Stärke aus diesen Krisen hervorgehen? Während wir hier noch darüber streiten, ob Klimaschutz und Industrie zusammengehen, verschieben sich die wirtschaftlichen Machtverhältnisse längst: In China entfiel 2025 erstmals im Gesamtjahr mehr als die Hälfte der Autoverkäufe auf Elektroautos und Plug-in-Hybride. E-Autos, Batteriespeicher und Solaranlagen boomen – und China baut seine Wirtschaft mit enormem Tempo zum elektrischen Industriestandort um.

Das ist die historische Lage, in der wir entscheiden müssen. Entweder wir gehen jetzt mit aller Kraft in die neuen Technologien, bauen unsere Industrie auf klimaneutrale Wertschöpfung um und schaffen neue Stärke. Oder wir landen auf der falschen Seite der Geschichte: mit hohen Preisen, alter Infrastruktur und einer Industrie, die bei den Schlüsseltechnologien von morgen nur noch Kunde ist. Nicht der Umbau ist das Risiko. Das Risiko ist das Zögern.

Wettbewerbsfähigkeit gibt es im 21. Jahrhundert nur klimaneutral. Denn die alte Welt war nicht billig, nicht sicher und nicht verlässlich. Sie war nur trügerisch vertraut. Sie beruhte auf fossilen Abhängigkeiten, verletzlichen Lieferketten und Märkten, in denen wenige große Akteure zu oft die Bedingungen setzten. Wer heute über Wohlstand und Bezahlbarkeit spricht, muss deshalb über industrielle Erneuerung sprechen – nicht abstrakt, sondern als konkrete Antwort auf die Krisen von 2022 und 2026 und auf den globalen Wettlauf um die Technologien der Zukunft.

Mehr Unabhängigkeit organisieren

Die Abhängigkeit von Putins Gas hat der deutschen Industrie schmerzhaft vor Augen geführt, wie teuer vermeintlich billige fossile Energie am Ende ist. Was lange als Standortvorteil galt, erwies sich als strategische Verwundbarkeit. Produktionsentscheidungen, Preisstabilität und Versorgungssicherheit hingen plötzlich an einem autoritären Regime, das Energie als Machtmittel einsetzt.

Und auch heute zeigen der Iran-Krieg und die Blockade der Straße von Hormus erneut, wie schnell fossile Lieferketten zum geopolitischen Risiko werden. Die Internationale Energieagentur spricht im Zusammenhang mit dieser Preiskrise von der größten Angebotsstörung in der Geschichte des globalen Ölmarkts. Gute Industriepolitik heißt deshalb, Abhängigkeiten nicht schönzureden, sondern systematisch zu verringern: durch Diversifizierung, durch strategische Rohstoffpartnerschaften, durch europäische Vorratshaltung und Stresstests, durch den Ausbau heimischer und europäischer Kapazitäten, durch Erneuerbare überall und vor allem durch mehr Speicher, mehr Effizienz und geringere Verwundbarkeit im Energiesystem.

Die Grundlage für Unabhängigkeit ist eine neue Energie-Basis. Wer heute noch so tut, als ließen sich industrielle Stärke und Energiewende trennen, hat die Lektion der vergangenen Jahre nicht verstanden.

Missionen schaffen Märkte

In einer Welt, in der andere längst strategisch handeln, reicht es nicht mehr, auf Marktkräfte allein zu hoffen. China investiert entlang klarer industriepolitischer Ziele und verschiebt damit Märkte, Lernkurven und Wertschöpfung. Gleichzeitig zeigt der Rückzug der USA unter Trump aus internationaler Kooperation und aus Klimaverpflichtungen, wie wenig verlässlich alte Gewissheiten geworden sind. Europa braucht darauf eine eigene Antwort.

Es ist Zeit, konkrete Missionen in die Zukunft zu starten. Nicht der Rückgriff auf alte Staatswirtschaft oder Marktradikalität ist die Antwort, sondern eine neue Form wirtschaftlicher Gestaltung, die klare gesellschaftliche Ziele mit technologischem Aufbau, regionaler Wertschöpfung und öffentlicher Investition verbindet. Öffentliche Mittel, Garantien, günstige Kredite und öffentliche Beschaffung dürfen nicht bedingungslos vergeben werden. Sie müssen an Standorttreue, Klimaneutralität, Tarifbindung und Mitbestimmung, Qualifizierung, transparente Lieferketten, Recycling und Reinvestitionen in Europa geknüpft werden. Staatliche Unterstützung ist kein Blankoscheck. Sie ist an demokratische Bedingungen gebunden – an die Ziele, die wir uns als Gesellschaft gesetzt haben.

Eine solche Politik setzt nicht auf Zufall, sondern auf Richtung. Sie braucht Klimaschutzverträge für den Hochlauf klimaneutraler Produktion, staatliche Abnahmegarantien für grüne Leitmärkte und eine Vergabe- und Beschaffungspolitik, die Mindestanteile für klimafreundliche Vorprodukte schafft – etwa bei grünem Stahl, klimaneutralem Zement, sauberer Chemie oder nachhaltigen Batterien. Missionen verbinden Forschung, Genehmigung, Qualifizierung, Finanzierung und Nachfrage zu einem gemeinsamen Projekt. So wird aus Klimapolitik eine Strategie für industrielle Stärke.

Batterien zeigen, worum es geht

Besonders deutlich wird das am Beispiel der Batterie. An ihr entscheidet sich weit mehr als die Zukunft des Autos. Batterien sind strategisch für Mobilität, für Speicher, für die Integration von Wind- und Solarstrom, für stabile Netze und für die gesamte industrielle Wertschöpfung der Elektrifizierung. Wer hier nur ein Produkt sieht, denkt zu klein. Es geht um eine Schlüsseltechnologie der klimaneutralen Wirtschaft und ein strategisches Ökosystem.

Gerade deshalb reicht es nicht, einzelne Fabriken anzusiedeln. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, die ganze Kette in den Blick zu nehmen: Rohstoffe, Vorprodukte, Maschinenbau, Zellfertigung, Software, Integration in Fahrzeuge und Stromsysteme, Second Life und Recycling. Die richtige Logik lautet nicht: ansiedeln und hoffen. Sie lautet: nicht nur ansiedeln, sondern durchindustrialisieren. Genau deshalb müssen der Net-Zero Industry Act, die Batterieverordnung und der Critical Raw Materials Act zusammengedacht und weiterentwickelt werden – vom schnelleren Genehmigen über den Aufbau von Verarbeitung und Recycling bis hin zu einem starken europäischen Markt für saubere Batterien.

Dass diese Mission real ist, zeigen die Unternehmen, die sich bereits auf den Weg gemacht haben. Mit ACC, Verkor und PowerCo gibt es reale Anker einer europäischen Batteriewirtschaft. PowerCo baut in Salzgitter an einer industriellen Basis, die den Bedarf des VW-Konzerns künftig zu großen Teilen decken soll. Zugleich zeigt der Verzicht von ACC auf Werke in Deutschland und Italien, wie anspruchsvoll dieser Aufbau ist und wie wichtig politische Ausdauer bleibt. Auch der Fall Northvolt macht deutlich: Der Hochlauf ist kein Selbstläufer. Dass nach der Insolvenz mit Lyten ein neuer Anlauf unternommen wird und mit Revolt Ett Recyclingkapazitäten in Europa weiterentwickelt werden sollen, zeigt aber ebenso, dass strategische Sektoren nicht nach dem ersten Rückschlag aufgegeben werden dürfen. Wer Lernkurven, Fertigungserfahrung und Recyclingkapazitäten in Europa aufbauen will, muss Ausdauer organisieren.

Heimatmärkte schaffen, Alltagsvorteile sichtbar machen

Industriepolitik endet nicht am Werkstor. Wer europäische Schlüsseltechnologien stärken will, muss auch die Märkte organisieren, auf denen sie sich entfalten können. Gerade bei Batterien zeigt sich, wie wichtig Heimatmärkte sind.

Ladeinfrastruktur, Netzanschlüsse, Speicherregeln, Flottenpolitik, Strommarktdesign und Recycling gehören zusammen. Die Elektrifizierung von Dienstwagen, Busflotten, Lieferverkehren und öffentlichen Fuhrparks ist deshalb nicht nur Verkehrs- oder Klimapolitik. Sie ist Industriepolitik. Dasselbe gilt für Heimspeicher, Quartierspeicher, bidirektionales Laden und netzdienliche Flexibilität. Wo der Staat einkauft, baut oder fördert, muss er Nachfrage für klimaneutrale Produkte mitorganisieren – durch öffentliche Beschaffung, verbindliche Standards und im Übergang auch durch staatliche Abnahmegarantien.

Politisch tragfähig wird dieser Umbau nur, wenn er im Alltag als Fortschritt erfahrbar wird. Wenn Mobilität günstiger wird. Wenn Stromsysteme stabiler werden. Wenn das Speichern einfacher wird. Wenn neue Technologien nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern praktisch und bezahlbar sind. Genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob aus einem industriellen Projekt ein gesellschaftliches wird. Die Zulassungszahlen zeigen dabei auch in Deutschland: Viele Menschen sind ökonomisch weiter als eine Politik, die an fossilen Abhängigkeiten festhält. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher entscheiden sich rational für die bezahlbaren Modelle der Zukunft.

Kreislaufwirtschaft ist industrielle Souveränität

Der klimaneutrale Umbau wird nur dann dauerhaft erfolgreich sein, wenn er Kreislaufwirtschaft zum industriellen Prinzip macht. Ein Land, das kritische Rohstoffe teuer importiert, einmal nutzt und dann verliert, macht sich ökonomisch und geopolitisch unnötig verletzlich.

Auch hier ist die Batterie ein Lehrstück. Batteriepass, Sammelquoten, Rückgewinnung kritischer Rohstoffe, Second-Life-Anwendungen und hochwertiges Recycling sind kein ökologisches Beiwerk. Sie sind harte Industriepolitik. Wer Rohstoffe im Kreislauf hält, senkt Kosten, stabilisiert Lieferketten und erhöht die Resilienz des Standorts. Genau deshalb muss die Kreislaufwirtschaft in der Industriepolitik denselben Rang bekommen wie die Erstinvestition – mit Recyclingkapazitäten, einem starken Sekundärmarkt und verbindlichen Standards für Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Wiederverwertung.

Dasselbe gilt weit über den Batteriebereich hinaus: für Chemie, Bauwirtschaft und Grundstoffe. Kreislaufwirtschaft ist deshalb keine grüne Fußnote. Sie ist der Kern einer souveränen Industriegesellschaft.

Europa braucht Leitmärkte, Rohstoffpolitik und Tempo

Kein europäischer Mitgliedstaat wird diese Aufgabe allein lösen. Faire Wettbewerbsbedingungen, resilientere Lieferketten, Schutz vor Dumping und die Finanzierung des industriellen Umbaus brauchen eine europäische Antwort. Europa braucht starke Leitmärkte, einen wirksamen CO2-Grenzausgleich, gemeinsame Investitionsinstrumente und Fördermechanismen, die nicht nur den Preis, sondern auch Souveränität, Innovation und Resilienz im Blick haben. Dazu gehören Made-in-Europe-Komponenten für kritische Technologien ebenso wie ein Industrial Accelerator Act, der europäische Wertschöpfung beim Hochlauf schützt und stärkt.

Dazu gehört, den Critical Raw Materials Act nicht nur zu verwalten, sondern weiterzuentwickeln. Die Ziele sind gesetzt: Bis 2030 sollen 10 Prozent des Bedarfs an strategischen Rohstoffen in Europa gefördert, 40 Prozent verarbeitet und 25 Prozent recycelt werden; zugleich soll die Abhängigkeit von einem einzelnen Drittstaat auf höchstens 65 Prozent begrenzt werden. Das ist ein Anfang, aber kein Selbstläufer. Es braucht strategische Projekte, gemeinsame Finanzierung, europäische Rohstoffpartnerschaften auf Augenhöhe, den Aufbau strategischer Vorräte, gemeinsame Beschaffung, regelmäßige Stresstests für Abhängigkeiten und einen deutlich stärkeren Fokus auf Recycling, Substitution und Materialeffizienz.

Genauso wichtig ist die Fähigkeit zur Koordination. Fabriken, Materialverarbeitung, Wasserstoffinfrastruktur und Recyclinganlagen müssen schneller genehmigt und finanziell abgesichert werden. Forschung, Qualifizierung und industrieller Hochlauf müssen enger verbunden werden. Genau darin unterscheidet sich eine missionsorientierte Wirtschaftspolitik von einem bloßen Nebeneinander guter Absichten: Sie verknüpft Akteure, Instrumente und Ebenen zu einem gemeinsamen Projekt.

Gute Arbeit, günstige Preise, starke Industrie

Am Ende wird der klimaneutrale Umbau nicht an Technologie allein gemessen, sondern am Leben der Menschen. Er wird nur dann erfolgreich sein, wenn er gute Arbeit schafft, Fachkräfte sichert, Qualifizierung ermöglicht und die Kosten des Alltags senkt. Gute Industriepolitik zeigt sich eben nicht nur in Fabrikhallen, sondern auf der Stromrechnung, beim Wocheneinkauf, beim Arbeitsweg und in der Frage, ob die nächste Investition im Werk, im Busdepot oder im Handwerksbetrieb in Deutschland stattfindet.

Menschen tragen diesen Weg nicht mit, wenn sie das Gefühl haben, ihn allein bezahlen zu müssen. Sie tragen ihn, wenn sie erleben, dass ihre Arbeit gebraucht wird, dass aus dem Umbau sichere Jobs in Stahl, Chemie, Batterien, Speichern, Bau und Handwerk entstehen und dass ihre täglichen Kosten sinken. Wenn der Strom günstiger wird, weil Wind, Sonne und Speicher das System billiger machen. Wenn Mobilität bezahlbarer wird, weil das E-Auto nicht mehr Zukunftsversprechen, sondern vernünftige Alltagsentscheidung ist. Wenn der Staat sichtbar hilft, neue Märkte aufzubauen und Risiken zu senken. Gute Jobs, bezahlbare Preise und starke Industrie gehören deshalb zusammen.

Ein gesellschaftliches Projekt

Wer die Krisen von 2022 und 2026 erlebt hat, kann diesen Umbau nicht mehr als technisches Spezialprogramm betrachten. Es geht um nichts Geringeres als die Frage, ob Deutschland und Europa ihre industrielle Zukunft selbst in die Hand nehmen. Die Antwort kann nur lauten: Abhängigkeiten abbauen, neue Energien und Speicher ausbauen, Leitmärkte schaffen, öffentliche Mittel an klare Bedingungen knüpfen und industrielle Stärke mit den Vorteilen im Alltag verbinden. So wird aus Klimaneutralität kein Verzichtsprojekt, sondern ein gesellschaftlicher Aufbruch – mit guten Jobs, bezahlbaren Preisen und einer Industrie, die nicht von Putin, Trump, der Straße von Hormus oder den Strategien autoritärer Staaten abhängt, sondern auf eigener Stärke beruht.

 

Andreas Audretsch ist stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen

 

Der Beitrag ist eine Vorabveröffentlichung aus dem am 15.6. erscheinenden Sammelband des Wirtschaftsforums der SPD “Germanomics – Neue Anworten für Wachstum und Wohlstand“. Hier können Sie das Buch vorbestellen.