Angesichts der aktuellen tiefgreifenden Krise der deutschen Industrie wird die Frage wieder deutlicher gestellt, wie sich Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutzmaßnahmen miteinander verbinden lassen. Wie dies gelingen kann, skizzieren wir im Folgenden entlang von fünf Thesen zur deutschen Industriepolitik.
1. Deutschlands Industrieschwäche hat strukturelle Ursachen
Seit 2020 befindet sich Deutschlands verarbeitendes Gewerbe in einer tiefen Krise. Eindrücklich zeigt dies die »Heatmap« des ifo-Geschäftsindex, seit 2019 sind beinahe alle Teile der Karte krisenrot gefärbt. Die Industrieproduktion in Deutschland ist bis Jahresende 2025 neun Quartale in Folge geschrumpft.46 250.000 Arbeitsplätze hat der Industriesektor seit 2019 verloren. Besonders alarmierend: Bei Investitionen in Kapazitätserweiterungen und neue Produkte liegt Deutschland unter allen OECD-Ländern an dritt- bzw. viertletzter Stelle. Deutliche Emissionsreduktionen im Industriesektor seit 2021 sind die Folge davon und nicht auf eine forcierte Transformation zur Klimaneutralität zurückzuführen.
Klimaschutzmaßnahmen für die Krise verantwortlich zu machen, ist nicht nur analytisch falsch, sondern würde von den eigentlichen Handlungsfeldern ablenken. Die Ursachen sind struktureller Natur: Verschleppte Strukturreformen, verschärfter globaler Wettbewerb sowie zunehmender globaler Protektionismus treffen eine exportorientierte Volkswirtschaft wie Deutschland besonders hart. Hinzu kommen weltweite Überkapazitäten in einzelnen Branchen, etwa in der Stahlindustrie.
Eine weitere strukturelle Schwäche: Die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten führt dazu, dass wiederholt auftretende Preisschocks in den vergangenen Jahren – Anfang März 2026 verdoppelten sich die Gaspreise innerhalb weniger Tage von 30 auf 60 €/MWh – die Industrie heftig treffen. Die reale Kostenbelastung der CO2-Bepreisung ist bislang aufgrund großzügiger freier Zuteilungen begrenzt. So zeigt eine aktuelle Analyse der Europäischen Kommission: Die im Rahmen des Europäischen Emissionshandels (ETS) kostenlos zugeteilten Emissionszertifikate in energieintensiven Branchen entsprachen im Wesentlichen deren Emissionen.
2. Transformation ist Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit
Setzt Deutschland weiter auf fossile Produktionsprozesse, kann es im globalen Wettbewerb nicht bestehen. Fossile Energiepreise – insbesondere für Erdgas – liegen aufgrund von Transportkosten und geopolitischer Volatilität strukturell über denen wichtiger Wettbewerber wie den USA oder Ländern des Nahen Ostens. Jede geopolitische Krise hat weitere Kostenschocks zur Folge.
Bereits heute ist Europa kein attraktiver Standort für Investitionen in neue fossile Produktionskapazitäten mehr. Teils wird eine Abschwächung der Klimaziele als Lösung angeführt, dies würde jedoch lediglich kurzfristig Entlastung für bestehende Anlagen bringen, zum Preis neuer regulatorischer Unsicherheit. Investitionen in neue Produktionsanlagen auf Basis fossiler Rohstoffe blieben sehr riskant.
Zukunftsfähigkeit und langfristige industrielle Wertschöpfung liegen in der Technologieführerschaft bei transformativen Produktionsverfahren auf Basis erneuerbarer Energien, verbunden mit Kreislaufwirtschaft. Zentrale technologische Pfade sind die Elektrifizierung industrieller Prozesse – etwa durch Hochtemperaturwärmepumpen –, der Einsatz von Wasserstoff in der Grundstoffindustrie (z. B. für Stahl und Ammoniak), CCS bei prozessbedingten Emissionen (insbesondere in der Zementund Kalkindustrie), Kreislaufführung von Stoffen sowie der Einsatz biogener Rohstoffe in der chemischen Industrie. Diese Ansätze sind Kern einer neuen, klimaneutralen Industrieproduktion.
Von einem »zweiten Wirtschaftswunder« zu sprechen, ist dabei zu hoch gegriffen. Dennoch bietet die Transformation Chancen: modernisierte, effizientere Anlagen, geringere Abhängigkeit von Energieimporten und Exportpotenzial insbesondere im deutschen Maschinen- und Anlagenbau.
3. Staat muss Rahmenbedingungen schaffen, Koordinationsrolle übernehmen und »derisken«
Voraussetzung hierfür ist eine (mit-)gestaltende Industriepolitik mit einem effektiven Zusammenspiel von Staat und Markt. Investitionen müssen primär privatwirtschaftlich getätigt werden, wettbewerbliche Strukturen sorgen für eine effiziente Mittelallokation und Innovationsimpulse. Der Staat muss planbare Rahmenbedingungen für ein attraktives Investitionsumfeld schaffen und dort agieren, wo Märkte versagen: bei Koordinationsproblemen oder nicht eingepreisten Externalitäten sowie Risiken, die privatwirtschaftliche Akteure nicht tragen können.
Zentrales marktbasiertes und technologieneutrales Leitinstrument ist der ETS. Da der ETS-Preis in vielen Fällen jedoch (noch) nicht ausreicht, um die Kostenlücke zwischen fossilen und sauberen Produktionsprozessen zu schließen, bleibt ergänzende staatliche Risikoabsicherung und Förderung notwendig.
Ein zentrales Handlungsfeld für den Staat ist der Aufbau von Energieinfrastrukturen (Strom-, CO2-, H2-Infrastruktur). Der Ausbau der erneuerbaren Energien und die Elektrifizierung der Verbrauchssektoren erfordern einen massiven Ausbau der Stromnetze. Aufgabe des Staates ist es, über die Regulierung der Netzbetreiber Anreize für den effizienten Ausbau und die Digitalisierung zu setzen sowie eine integrierte Netzplanung zu ermöglichen.
Weiteres Handlungsfeld ist der Aufbau einer überregionalen Wasserstoffinfrastruktur. Mit dem Amortisationskonto wurde für das Kernnetz ein Finanzierungsmechanismus geschaffen, der dank staatlicher Absicherung eine primär private Finanzierung sicherstellt. Ergänzend sollten weitere Förder- und Derisking-Instrumente langfristige H2-Abnahmeverträge zwischen Projektierern und industriellen Abnehmern ermöglichen und auch hier privates Kapital hebeln.
Auch CCS wird eine leitungsgebundene Infrastruktur und passende staatliche Absicherungsinstrumente benötigen: Die komplexen Wertschöpfungsketten und Risiken übersteigen die Möglichkeiten einzelner Unternehmen.
Die Größenordnung der erforderlichen Investitionen macht »klassische« Standortfaktoren bedeutsam: Der Staat muss investitionsfreundliche Standortbedingungen schaffen. Dazu gehören eine leistungsfähige öffentliche Verwaltung, beschleunigte Genehmigungsverfahren, höhere Investitionen in Bildung, Forschung und Entwicklung sowie das Start-up-Ökosystem. Um die nötigen Investitionen zu schultern, sollten die erheblichen Mittel des Sondervermögens zielgerichtet eingesetzt werden.
4. Brücken über das »Valley of Death« für die Skalierung transformativer Technologien
Technische Verfahren für klimaneutrale Produktion sind zwar oft bereits verfügbar, aber noch nicht wirtschaftlich nutzbar: Viele dieser Prozesse dürften auch bei steigenden CO2-Preisen vorerst nicht wettbewerbsfähig sein. Ohne tragfähige Geschäftsmodelle drohen Attentismus, Kapazitätsverluste und Stellenabbau.
Hier braucht es staatliche Förderung, bei bestimmten Technologien ggf. auch langfristig. In der Gesamtbetrachtung ist dies günstiger als angenommen, da die Transformationskosten für den Industriesektor weit geringer ausfallen als die durch ihn generierte Wertschöpfung. Für eine vollständige Umstellung der Produktionsprozesse in der Chemieindustrie sind beispielsweise jährliche Investitionen von 1,9 bis 5,7 Mrd. € erforderlich. Hinzu kommen die höheren Betriebskosten klimaneutraler Produktionspfade. Die Gesamtkosten dieser Transformation, d. h. die staatliche Förderung zuzüglich der privaten Mehrkosten, betragen dennoch nur einen Bruchteil der Bruttowertschöpfung der chemisch-pharmazeutischen Industrie von rund 79 Mrd. € pro Jahr.
Um diese Umstellung zu schultern, sollten Einnahmen aus der CO2-Bepreisung gezielter in die Industrietransformation fließen. Zu den potenziell geeigneten Instrumenten zählen CO2-Differenzverträge. Sie sind besonders effizient und zudem technologieoffen. Für einen breiteren Einsatz müssten die Zugangsbedingungen vereinfacht werden und über die Gebotsrunde 2026 hinaus ausreichend Mittel bereitstehen. Ergänzend können »Superabschreibungen« Investitionsanreize setzen und Maßnahmen zum Aufbau von Leitmärkten für emissionsreduzierte Produkte die Nachfrageseite stärken.
5. Erschließung neuer Wertschöpfungspotenziale bei Rückbesinnung auf alte Stärken
Gute Industrie- und Klimapolitik sind keine Gegensätze – aber schlechte Klimapolitik ist auch schlechte Industriepolitik. Energieintensive Vorprodukte werden sich teilweise in Regionen mit günstigeren erneuerbaren Energien verlagern (»renewable pull«). Industriepolitisch entscheidend ist, diesen Prozess strategisch zu begleiten, möglichst auf vorgelagerte Stufen zu begrenzen und zumindest Grundkapazitäten im Inland zu erhalten, etwa bei Düngemitteln oder Stahl, die für Versorgungssicherheit und kritische Infrastrukturen relevant sind.
Die Fokussierung auf weniger emissionsintensive Fertigungsstufen mit hoher Wertschöpfung ist zugleich die Rückbesinnung auf das Erfolgsmodell der deutschen Industrie: Es beruht nicht auf günstigen Produktionskosten, sondern auf Premiumprodukten und Technologieführerschaft.
Die Voraussetzungen dafür sind gegeben: bestehende industrielle Cluster, Exzellenz und Innovationskraft der Forschung, politische und rechtsstaatliche Stabilität, gut ausgebildete Fachkräfte und eine wachsende Startup-Landschaft. So belegt Deutschland bei Patentanmeldungen nach wie vor den zweiten Platz weltweit und 2025 war ein Rekordjahr bei Startup-Gründungen, mit einem Anstieg um 29 % gegenüber dem Vorjahr.
Das Gelegenheitsfenster ist da, aber zeitlich nur noch begrenzt offen: Neue Produktionsprozesse werden vor allem an etablierten Industriestandorten stattfinden – und deren Zukunft entscheidet sich in den kommenden Jahren. Die Weichen für die industrielle Wertschöpfung der nächsten Jahrzehnte stellen wir heute – mit guter Klimaschutz- und Industriepolitik im Gleichklang.
Corinna Enders ist Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena)
Friederike Altgelt ist Teamleiterin Wasserstoff-Märkte und Regulierung bei der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena)
Martin Albicker ist Teamleiter Industrie bei der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena)
Der Beitrag ist eine Vorabveröffentlichung aus dem am 15.6. erscheinenden Sammelband des Wirtschaftsforums der SPD “Germanomics – Neue Anworten für Wachstum und Wohlstand“. Hier können Sie das Buch vorbestellen.