Jahrzehntelang folgte die deutsche Politik drei »Lebenslügen«: Sicherheit lieferten die USA scheinbar, »billige Energie« kam aus Russland und grenzenloses Wachstum versprach der chinesische Markt. Dieses Modell alter Prägung – basierend auf der Annahme, dass wirtschaftliche Verflechtung automatisch politische Annäherung erzeugt (»Wandel durch Handel«) und Deutschland nur von Freunden und Partnern umgeben sei – ist gescheitert. Es ist nicht nur gescheitert, sondern in der neuen Weltordnung gefährlich geworden.
Wenn wir heute über die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Deutschland sprechen, dürfen wir nicht den Fehler machen, Ökonomie und Sicherheit als getrennte Säulen zu betrachten. Die Globalisierung zieht sich zurück, die Geoökonomie übernimmt. In diesem neuen Zeitalter ist Wettbewerbsfähigkeit ohne Wehrhaftigkeit eine Illusion. Eine smarte Wirtschaftspolitik muss geoökonomisches Denken und Wirtschafts- und Sicherheitspolitik verknüpfen: als strategisches Instrument zur Durchsetzung unserer Interessen und Werte in einer Welt, in der das Recht des Stärkeren droht, die Stärke des Rechts zu verdrängen.
1. Der Kampf um Räume: Europas eigener Anspruch
Wir erleben eine Renaissance des imperialen Raumdenkens. Die Russische Föderation führt einen völkerrechtswidrigen Vernichtungskrieg, um ihren Einflussbereich in Europa gewaltsam wiederherzustellen. Die Volksrepublik China arbeitet systematisch an einer sinozentrischen Weltordnung, in der Handelswege, digitale Infrastrukturen und Technologien Abhängigkeiten schaffen, die politische Wohlverhaltenspflichten erzwingen.
Donald Trumps Politik in seiner zweiten Amtszeit führt uns aktuell schmerzhaft vor Augen, dass auch Washington wieder knallhart in Einflusszonen denkt. Das robuste Vorgehen gegen Venezuela und der Zugriff auf Nicolás Maduro im Januar 2026 zeigen eine Rückkehr zu einer kompromisslosen Machtpolitik, die Fakten schafft. Auch der fortgesetzte Protektionismus und der Fokus auf den Indopazifik belegen, dass Washington eine Standortpolitik betreibt, die im Zweifel auch zulasten europäischer Partner geht. Eine Vormachtstellung Chinas wiederum wollen die USA im Indopazifik mit einer Politik des »Strategic Denial« unterbinden.
In dieser Konstellation darf Europa – und damit Deutschland als seine wirtschaftliche Herzkammer – nicht zum Spielball fremder Mächte werden. Europa muss einen eigenen geoökonomischen Raum definieren und gestalten. Das bedeutet konkret: Wir müssen aufhören, unsere Nachbarschaftspolitik als reine Entwicklungshilfe zu verstehen. Wir müssen sie als geopolitische Selbstbehauptung begreifen. Wenn wir diesen Raum nicht mit Angeboten füllen – seien es Infrastrukturprojekte, Energiepartnerschaften oder Sicherheitskooperationen –, werden es andere tun. Russland mit Wagner-Söldnern, China mit Krediten und Technologie.
Ein »europäischer Raum« bedeutet aber auch Emanzipation. Wir müssen akzeptieren, dass unsere Interessen nicht immer deckungsgleich mit denen der USA sind. Wir werden in Washington nur dann ernst genommen, wenn wir eigene Fähigkeiten mitbringen und nicht als Bittsteller auftreten, der bei jeder Krise vor Europas Haustür nach der »US-Kavallerie« ruft.
2. Die Ukraine als Teil der europäischen Sicherheitsarchitektur
In diesen europäischen Raum gehört unabdingbar die Ukraine. Wer die Ukraine nur als Empfänger von Hilfsgeldern sieht, verkennt die geoökonomische Realität. Die Ukraine ist insbesondere im Donbass reich an kritischen Rohstoffen – von Lithium bis Titan –, die wir für die europäische digitale und grüne Transformation dringend benötigen. Sie verfügt über eine IT-Kompetenz, die in Europa ihresgleichen sucht, und über eine Armee, die in einem furchtbaren Krieg modernste Kriegsführung in Echtzeit erfolgreich erprobt und weiterentwickelt.
Die Integration der Ukraine in den EU-Binnenmarkt und perspektivisch in die NATO ist daher kein Akt der Wohltätigkeit, sondern ein massives Investment in unsere eigene Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit. Die Ukraine schützt heute die Freiheit Europas. Wenn wir sie jetzt finanziell und militärisch so ausstatten, dass sie diesen Krieg gewinnt und Russland dauerhaft abschreckt, sichern wir damit auch den Frieden, den unsere Wirtschaft zum Gedeihen braucht. Ein Sieg Russlands hingegen würde Mittelosteuropa dauerhaft destabilisieren und Investitionen in der gesamten Region – auch in Ostdeutschland – massiv gefährden. Sicherheit ist die harte Währung, ohne die es keinen Wohlstand gibt. Ohne Sicherheit ist auch unsere Wirtschaft nicht wettbewerbsfähig.
3. Rüstungskooperation als geopolitisches Werkzeug
Um diesen Raum zu schützen, müssen wir unsere Haltung zur Rüstungsindustrie radikal ändern. In Deutschland wurden Rüstungsexporte lange Zeit als moralisches Schmuddelkind behandelt. Doch in einer Welt der Systemkonkurrenz sind Rüstungsexporte ein zentrales Instrument der Geoökonomie. Wenn demokratische Partnerstaaten (ob im Indo-Pazifik, in Südamerika oder Afrika) ihre Sicherheit garantieren wollen, stehen sie vor der Wahl: Kaufen sie bei uns, kaufen sie in den USA – oder kaufen sie notgedrungen in China oder Russland?
Jeder Rüstungsdeal schafft eine Bindung über Jahrzehnte – durch Wartung, Training, Logistik und Innovation. Überlassen wir dieses Feld den Autokratien, verlieren wir politischen Einfluss. Wir müssen Rüstungskooperationen als strategischen Brückenschlag verstehen. Das bedeutet: weg von kleinteiligen nationalen Lösungen, hin zu echten europäischen Champions. Wir brauchen einen europäischen Rüstungsbinnenmarkt, der Skaleneffekte nutzt und uns unabhängiger von US-Importen macht. Es ist ein Armutszeugnis, dass wir bei Großprojekten oft »off-the-shelf« in den USA kaufen müssen, weil wir europäische Entwicklungen verschlafen oder zerredet haben. Strategische Souveränität bedeutet, dass wir Schlüsseltechnologien – von der Drohnenabwehr bis zur Hyperschalltechnologie – in Europa entwickeln und produzieren können.
4. Das digitale Dilemma: Souveränität in der Cloud
Das vielleicht kritischste Feld, in dem wir unseren eigenen Raum behaupten müssen, ist der digitale Raum. Daten sind der Rohstoff des 21. Jahrhunderts, und KI ist die Dampfmaschine der Zukunft. Doch wo liegen unsere Daten? Wo werden die KI-Modelle trainiert, die unsere Wirtschaft steuern sollen? Entwickeln wir europäische Fähigkeiten im Bereich der Quantentechnologie? Wer baut die ersten »dunklen Fabriken«, die 24/7 365 Tage hochwertig produzieren und weitaus konkurrenzfähiger produzieren als klassische Fabriken? Derzeit begeben wir uns in eine doppelte Abhängigkeit, die fatal werden kann. Hardware-seitig bauen wir bei kritischer Infrastruktur wie 5G noch immer zu oft auf chinesische Anbieter – ein Sicherheitsrisiko, das wir dringend, auch durch Derisking und den Ausbau entsprechender Komponenten, beenden müssen. Software- und infrastrukturseitig hängen wir am Tropf der großen US-Hyperscaler.
Ein warnendes Beispiel für die Dringlichkeit digitaler Souveränität ist die Debatte um die »Bundeswehr-Cloud«. Wenn wir unsere militärischen Führungs- und Informationssysteme modernisieren, dürfen wir uns nicht in eine Situation manövrieren, in der die Verfügbarkeit unserer Daten von der Rechtslage oder dem politischen Willen in Washington abhängt (Stichwort: CLOUD Act). Es ist ein strategischer Imperativ, dass sensible staatliche und militärische Daten in einer souveränen, europäischen Infrastruktur gehostet und verarbeitet werden. Das gilt auch für die Wirtschaft. Wenn deutsche Industrieunternehmen ihre Prozessdaten auf US-Servern verarbeiten, unterliegen sie US-Jurisdiktion. Im Falle eines Handelskrieges oder einer protektionistischen Wende in den USA, wie wir sie unter Trump 2.0 derzeit erleben, könnten diese Daten zum Druckmittel werden. Wir brauchen daher nicht nur Lippenbekenntnisse zu Projekten wie Gaia-X, sondern massive Investitionen in eine europäische Cloud-Infrastruktur und eigene KI-Modelle, die nach unseren Datenschutzstandards und Wertevorstellungen funktionieren. Digitale Souveränität ist die Voraussetzung für staatliche Handlungsfähigkeit im Krisenfall. Ohne sie sind wir erpressbar und wirtschaftlich nicht wettbewerbsfähig.
5. Diversifizierung statt Entkopplung: Neue Handelspartner
Wie sieht die Antwort auf die aggressive Handelspolitik Chinas aus? »De-Coupling« ist für eine Exportnation wie Deutschland nur in bestimmten Bereichen sinnvoll. Die Antwort muss »De-Risking« gerade im Bereich KRITIS und sicherheitsrelevanter Infrastruktur sein sowie eine massive Diversifizierung. Wir müssen neue Handelspartner erschließen, um Klumpenrisiken abzubauen. Hierbei müssen wir unser Angebot an Ländern in Lateinamerika, Afrika und Südostasien überdenken. Diese wollen Angebote auf Augenhöhe. Wenn China eine Brücke baut, fragt es nicht nach Menschenrechten. Wenn wir wollen, dass diese Länder sich uns zuwenden, müssen wir attraktivere Pakete schnüren: Infrastruktur plus Technologietransfer plus faire Wertschöpfung vor Ort. Insbesondere Energiepartnerschaften (grüner Wasserstoff) bieten hier riesige Chancen. Aber auch die Förderung und der Abbau von seltenen Erden und Rohstoffen muss überlegt werden. Aber auch hier gilt: Handelsverträge müssen strategisch gedacht werden. Es ist deshalb im Widerspruch zu einer geoökonomischen Ausrichtung der Europäischen Union, dass das Europäische Parlament im Januar 2026 das Mercosur-Abkommen erneut verzögert hat. Wir müssen pragmatischer werden, um unsere Werte langfristig schützen zu können.
Fazit: Mut zur Smart Power
Wir müssen das Raumdenken unserer Wettbewerber begreifen, aber unsere eigene Antwort darauf formulieren. Europäer müssen einen anderen Ansatz entwickeln, um sich von den Imperialisten und Nationalisten in Moskau und den »America First«-Strategen in Washington abzugrenzen. Für Europa bedeutet Raumpolitik nicht Annexion, sondern geoökonomische Vernetzung, militärische Stärke und Stabilität durch Präsenz. Wo Europa investiert und baut, entsteht kein geopolitisches Vakuum, das andere füllen können. Wir brauchen:
1. Strategische Kultur: Wir brauchen den »Sense of Urgency«, wie die nordischen und baltischen Länder ihn haben, um unserer Bevölkerung den Handlungsbedarf zu kommunizieren. Dazu gehört auch das Verständnis in der Bevölkerung, dass unser Wohlstand direkt von unserer Sicherheit abhängt. Wohlstand wird deshalb auch in militärischer Fähigkeit und wirtschaftlicher wie gesellschaftlicher Resilienz gemessen.
2. Europäische Konsolidierung: Einen Binnenmarkt für Energie, Digitales und Rüstung, der diesen Namen verdient, erfordert die Vollendung der Kapitalmarktunion sowie den massiven Ausbau grenzüberschreitender Infrastruktur, um nationale Fragmentierung durch echte Skalierbarkeit und Investitionskraft zu ersetzen. Gleichzeitig bedarf es im Verteidigungssektor des politischen Willens zur strikten Standardisierung und gemeinsamen Beschaffung, um nationale Einzellösungen zugunsten europäischer Effizienz und strategischer Souveränität zu überwinden.
3. Willen zur Gestaltung: Deutschland muss als wirtschaftsstärkstes Land in Europa bereit sein, Führung zu übernehmen – nicht dominant, aber dienend für Europas Sicherheit.
Die Welt wartet nicht auf uns. Wenn wir unseren »Raum« nicht selbst gestalten – souverän, digital unabhängig und wehrhaft –, dann werden wir von anderen Mächten gestaltet. Haben wir den Mut, Europas Schicksal wieder in die eigenen Hände zu nehmen.
Roderich Kiesewetter, MdB ist stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgruppe Auswärtiges der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag und Obmann im Auswärtigen Ausschuss.
Der Beitrag wurde erstmals im Sammelband „Germanomics – Neue Antworten für Wachstum und Wohlstand“ des Wirtschaftsforums der SPD veröffentlicht, der am 15. Juni erschienen ist. Hier können Sie das Buch bestellen.