Nur noch 52 Prozent: Der Mittelstand investiert weniger als in der Finanzkrise

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Die Bundesregierung ist im Frühjahr 2025 mit ambitionierten Plänen angetreten. Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimawandel (SVIK) sollte als massiver Investitionsbooster fungieren, flankiert von lang überfälligen Reformen. Von einem Gamechanger für Deutschland war die Rede. Etwas über ein Jahr später ist von dieser Euphorie nicht mehr viel übrig. Zum einen ist es der Regierung bislang nicht gelungen, ihre Investitionsvorhaben im versprochenen Umfang umzusetzen. Im Gegenteil: Sie ist der Versuchung erlegen, neue Mittel in alte Ausgaben umzulenken. Zum anderen (und dieser Befund wiegt mindestens ebenso schwer) ist mit Blick auf die Reformvorhaben bisher nicht der große Wurf geglückt. Nach langem Zögern hat sich die Regierungskoalition nun zwar zu ersten Vorhaben durchringen können, und die Rentenreform hat diesen Namen sogar wirklich verdient. In anderen Bereichen ist der Fortschritt jedoch weiterhin eher mangelhaft. Der sogenannten Steuerreform gelingt es noch nicht einmal, die kalte Progression auszugleichen. Und bei der so dringend notwendigen Reform der Pflegeversicherung können sich die Koalitionspartner bislang nicht einmal auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. Man kann sicherlich attestieren, dass in den vergangenen Wochen Bewegung in die Reformdebatte gekommen ist – richtig überzeugen kann das Ergebnis bislang jedoch nicht. Das gilt nicht nur für viele Wähler, sondern vor allem für die deutschen Unternehmen: Sie gilt es zu überzeugen, denn nur sie können letztlich den notwendigen Schub für mehr Wachstum liefern.

Investitionsbereitschaft auf historischem Tiefstand

Während in Berlin über Milliardenpakete gestritten und um Reformen gerungen wird, haben die Unternehmen längst abgestimmt – mit dem Investitionsbudget. Die aktuelle VR Mittelstandsumfrage der DZ BANK zeichnet ein ernüchterndes Bild: Nur noch 52 % der befragten Mittelständler planen, in den kommenden sechs Monaten in ihr Unternehmen zu investieren. Das ist der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung und liegt sogar unter dem Niveau der Finanzkrise im Herbst 2009, als die Bereitschaft noch 59 % betrug.

Sicherlich hat der jüngste externe Belastungsfaktor, der Iran-Krieg und die daraus resultierende Schließung der Straße von Hormus, die Stimmung zusätzlich gedrückt – nicht zuletzt aufgrund des für Deutschland so problematischen Anstiegs der Energiekosten. Doch die eigentliche Ursache für die mangelnde Investitionsbereitschaft liegt tiefer: Es ist die anhaltende Konjunkturschwäche ohne jede zwischenzeitliche Erholungsphase und ohne die glaubhafte Perspektive einer nachhaltigen Aufhellung. Das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt erreicht selbst nach zwei Wachstumsquartalen gerade einmal das Vorkrisenniveau von Ende 2019. Die Investitionen schaffen nicht einmal das. Und die Kapazitätsauslastung im verarbeitenden Gewerbe verharrt weit unter ihrem langjährigen Durchschnitt.

Ein sich selbst verstärkender Abwärtssog

Die mangelnde Auslastung und der fehlende Investitionswille spiegeln sich auch im Finanzierungsbedarf wider: Nur noch rund jedes achte Unternehmen signalisiert überhaupt Bedarf, der langjährige Durchschnitt von gut 19 % wird damit deutlich verfehlt.

Die Investitionsschwäche bleibt nicht ohne Folgen für die Substanz. Die VR Bilanzanalyse zeigt, dass der Bilanzqualitätsindex 2025 auf den niedrigsten Stand seit 2012 gefallen ist; die durchschnittliche Eigenkapitalquote sank um 4,2 Prozentpunkte auf 26,5 %. Dabei war auch schon der vorangegangene Anstieg der Eigenkapitalquote kein reines Stärkezeichen – er resultierte u.a. daraus, dass Gewinne mangels lohnender Investitionsprojekte einbehalten statt eingesetzt wurden. Eine Volkswirtschaft, die ihren Kapitalstock nicht erneuert, lebt zwangsläufig von der Substanz und schafft so nicht die Voraussetzungen für künftiges Wachstum.

Auch bei der Nutzung digitaler Technologien spiegelt sich die Zurückhaltung wider: Der Modernisierungsschub, den Künstliche Intelligenz und Automatisierung eigentlich auslösen sollten, bleibt verhalten. Besonders bezeichnend ist hier der Blick auf die Branchen. Ausgerechnet die eigentlich so innovationsfreundliche Elektroindustrie bildet bei der Investitionsbereitschaft inzwischen das Schlusslicht. In der Chemie ist die Investitionsbereitschaft regelrecht eingebrochen. Nur im Agrarsektor und bei den kleinsten Unternehmen mit weniger als 5 Mio. Euro Umsatz zeigt sich eine leichte Gegenbewegung. Dass ausgerechnet die technologieintensiven, exportstarken Kerne unserer Industrie zögern, ist kein konjunkturelles Detail – es ist ein strukturelles Warnsignal.

Ein Sondervermögen allein – egal wie groß, reicht nicht aus

Das Sondervermögen kann zwar öffentliche Infrastruktur finanzieren – aber es kann private Investitionsentscheidungen nur dann auslösen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Und genau daran hapert es derzeit. Mit der Rentenreform hat sich die Regierung zwar an ein großes Projekt gewagt, andere – für Unternehmen im ersten Schritt relevantere – Baustellen bislang jedoch nicht im ausreichenden Maß angegangen. So bleibt die Bürokratiebelastung mit 74 % das mit Abstand größte Problemfeld des Mittelstands, gefolgt von Energie- und Rohstoffkosten sowie dem Fachkräftemangel. Solange Unternehmen weder auf verlässlich wettbewerbsfähige Energiepreise noch auf spürbaren Bürokratieabbau oder eine echte steuerliche Entlastung vertrauen können, wird kein staatliches Ausgabenprogramm die private Investitionszurückhaltung durchbrechen können.

Der Mittelstand als Herz der deutschen Wirtschaft hat in der Vergangenheit eine bemerkenswerte Krisenresistenz bewiesen, doch Resilienz ersetzt keine Zukunftsinvestitionen. Wenn aus dem versprochenen „Gamechanger” mehr werden soll, muss die Politik jetzt liefern – bei den Reformen, nicht nur bei den Milliarden. Geschieht dies nicht, droht das Sondervermögen zu verpuffen und wenig mehr als einen größeren Schuldenberg zu hinterlassen.

 

Sonja Marten ist seit dem 1. Januar 2026 Chefvolkswirtin der DZ BANK.