Warum Deutschland für neue Wertschöpfung technologische Sprünge wagen muss — und wie sie gelingen können
1. Wo Wertschöpfung ausfällt und warum inkrementelle Modernisierung nicht reicht
Deutschland befindet sich mitten in einer wirtschaftspolitischen Zeitenwende. Der Jahreswirtschaftsbericht 2026 der Bundesregierung identifiziert sechs zentrale Reformfelder — Bürokratierückbau, Infrastruktur, Innovation, Energie, Arbeitsangebot und Außenwirtschaft —, die allesamt gleichzeitig bearbeitet werden müssen. Der Bundeshaushalt 2026 antwortet darauf mit geplanten Rekordinvestitionen von rund 127 Milliarden Euro.
Der Sektor Innovation ist genannt, das ist gut, aber nicht hinreichend. Denn das ökonomische Geschäftsmodell Deutschlands leidet neben anderem an einem doppelten Wertschöpfungsproblem der Germanomics, das mit inkrementeller Modernisierung nicht zu lösen ist.
Das erste Problem: Die Wertschöpfungsketten, die Deutschland kontrolliert, werden kürzer. Das klassische deutsche Modell basierte darauf, möglichst viele Stufen — vom Rohstoff über die Komponente bis zum Endprodukt — im Inland oder unter deutscher Kontrolle zu halten. Am oberen Ende verlieren deutsche Hersteller heute Marktanteile in ihrem wichtigsten Absatzmarkt: In China liegt der Anteil chinesischer Hersteller bei Elektrofahrzeugen bei 80 Prozent der Neuzulassungen. Am unteren Ende verschiebt sich die Wertschöpfung: Der Verbrennungsmotor war Deutschlands technologisches Alleinstellungsmerkmal. Ein Elektroantrieb verlagert die Kernwertschöpfung in Batterieproduktion und Software — Felder, in denen Deutschland nicht gut aufgestellt ist. Die Batterie, größter Kostenblock im E-Auto, kommt ganz überwiegend aus Asien.
Die Batteriezellfertigung illustriert den Verlust besonders drastisch. Laut einer Studie der Fraunhofer FFB kontrolliert China nahezu die gesamte Lithium-Ionen-Wertschöpfungskette — von der Rohstoffgewinnung bis zur Zellfertigung. Europa ist bei Rohstoffen zu fast 100 Prozent importabhängig. 2025 gingen rund 92 Prozent der weltweit produzierten Lithiumeinheiten nach China. Ohne eigene Zellfertigung entfällt der wirtschaftliche Anreiz, z.B. Kathodenmaterialien, Spezial-Chemie oder relevantes Recycling in Europa aufzubauen. Nicht nur ein Kettenglied fehlt — der Wegfall der Zellfertigung reißt die gesamte vor- und nachgelagerte Wertschöpfung mit. Die am 26. März 2026 feierlich eröffnete BASF-Verbundanlage in Zhanjiang ist mit 8,7 Milliarden Euro die größte Einzelinvestition, die ein deutsches Unternehmen je in China getätigt hat. Der Fall ist ein vielschichtiger Beleg für die Verlagerung kompletter Wertschöpfung dahin, wo die Standortbedingungen attraktiver erscheinen.
Das zweite Problem ist strukturell gravierender: Ganze Wertschöpfungssektoren, die das kompensieren könnten, stehen Deutschland nicht (mehr) zur Verfügung. In der digitalen Plattformökonomie kontrollieren drei US-Konzerne 70 Prozent des weltweiten Cloud-Marktes. Laut Bitkom sagen 90 Prozent der deutschen Unternehmen, dass sie ohne US-Technologien ihr Geschäft nicht weiterführen könnten. Die Gewinne dieser Plattformökonomie fließen systematisch aus Europa ab – Europas und Deutschlands Daten werden anderswo monetarisiert. Ohne eigene Plattformen fehlt Europa die Basis für große Large-Language-Modelle, KI-Training, Daten-Ökosysteme und die nächsten Innovationswellen.
Beide Prozesse verstärken sich gegenseitig: Deutschland verliert Wertschöpfungstiefe in bestehenden Industrien und hat gleichzeitig keinen Zugang zu den neuen, hochmargigen Sektoren aufgebaut, die das kompensieren könnten. Die schwache Produktivitätsentwicklung der deutschen Wirtschaft macht es nicht leichter.
Der Draghi-Bericht zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit diagnostiziert das Muster auf EU-Ebene: Europa habe den Boom der digitalen Technologien weitgehend verpasst, scheitere systematisch daran, Forschungsergebnisse in marktfähige Produkte zu skalieren, und investiere jährlich 270 Milliarden Euro weniger in Forschung und Innovation als die USA — vor allem, weil es an privatem Risikokapital, einer funktionierenden Kapitalmarktunion und einem echten Binnenmarkt für innovative Unternehmen fehle. Für Deutschland kommt erschwerend hinzu, was der BDI als „erschütterndes Lagebild“ bezeichnet: Rund ein Fünftel der industriellen Wertschöpfung sei gefährdet, und die traditionellen Kompensationsmechanismen — Produktivität und Innovation — greifen immer weniger, weil „mehrere Säulen des bisherigen deutschen Industrieerfolgs gleichzeitig ins Wanken geraten“ seien.
Die Geschwindigkeit des technologischen Wandels wächst derzeit schneller als die Geschwindigkeit deutscher Reformprojekte. Wer heute bloß schrittweise modernisiert, bewegt sich auf ein Ziel zu, das sich selbst fortbewegt. Die Frage ist nicht allein, wie und wo Deutschland investiert, sondern, ob es auch die richtige Sprungweite wählt.
Dass technologisches Leapfrogging im großen Maßstab funktionieren kann, bewies China. Peking hat in den letzten zwei Jahrzehnten eine systematische Strategie verfolgt, etablierte Technologiepfade bewusst zu überspringen. Statt im Verbrenner-Motorenmarkt nachzuziehen, setzte die KP Chinas in ihren Wirtschaftsplänen schon vor der Machtübernahme von Xi Jinping 2012/13 (und mit ihm noch intensiver) gezielt auf Elektrofahrzeuge bzw. Batterieentwicklung als „Leapfrog-Technologie“. Der Erfolg ist, dass chinesische Hersteller heute rund 62 Prozent der weltweiten EVs und über 77 Prozent der EV-Batterien produzieren. In der Solarindustrie kontrolliert China 93 Prozent des weltweiten Polysiliziums und führt im Batteriebereich bei den sogenannten Perowskit-Tandemzellen die dritte Technologiegeneration an (immerhin ist hier auch das Helmholtz-Zentrum Berlin stark engagiert).
Bei Künstlicher Intelligenz löste das chinesische Open-Source-Modell DeepSeek Anfang 2025 eine Schockwelle aus und demonstrierte, dass Innovationsdruck selbst unter harten Sanktionsbedingungen Durchbrüche bringt. Das chinesische Konzept folgt einem Vier-Stufen-Modell: Technologietransfer durch ausländische Investitionen, Lernen, Kopieren und Aneignen, zugleich Aufbau eigener Kapazitäten (im Rahmen von „Made in China 2025“ mit über 250 Einzelzielen und staatlicher Förderung von durchschnittlich 4,5 Prozent der Unternehmenserlöse), und schließlich viertens globale Expansion.
Laut der Denkfabrik Rhodium Group hat China in der Hälfte der zehn MIC25-Sektoren seine Ziele erreicht oder übertroffen und dabei „umgekehrte Abhängigkeiten“ geschaffen — Bereiche, in denen die Welt zunehmend auf chinesische Firmen angewiesen ist. Was daraus für Deutschland folgt, ist nicht Nachahmung. Chinas Modell beruht auf gewaltiger Marktgröße, lenkendem Staatskapitalismus und erzwungenem Technologietransfer plus mittlerweile führender Hightech-Kompetenz. Aber die Lektion ist eindeutig: Leapfrogging ist mehr als ein listiges ideologisches Konzept von unterschätzten staatskapitalistischen Kommunisten, sondern eine brutale industriepolitische Realität, der man sich stellen muss.
2. Was Leapfrogging für Deutschland bedeutet — und was nicht
Leapfrogging bezeichnet das bewusste Überspringen ganzer Technologiestufen. In Schwellenländern ist das Konzept empirisch vielfach belegt: Kenia überging das Festnetz und baute direkt mobile Bezahlsysteme auf. Für ein hochindustrialisiertes Land wie Deutschland bedeutet Leapfrogging etwas anderes: nicht China oder die USA kopieren, sondern die eigenen Stärken — Ingenieurskunst, Maschinenbau, industrielle Basis, Forschungsexzellenz, Qualitätsstandards, Fachkräfte — mit Schlüsseltechnologien so zu verbinden, dass qualitativ neue Produkte und Wertschöpfungsketten entstehen.
Statement von Prof. Martin Keller, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft: „Deutschland hat das Potenzial zum Leapfrogging. Ob wir es nutzen, ist eine Frage des Willens.“ Zentral ist dabei, was Leapfrogging nicht meint. Europa kann weniger quantitativ, sondern eher qualitativ an die Spitze gelangen — also nicht mit größerem Fabrikationsvolumen, sondern mit intelligenteren Prozessen und Produkten. Wasser in den Wein: Die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) warnt vor naivem Technologieoptimismus: In Sektoren wie der Batterietechnologie sei selektives Leapfrogging ein Mythos, weil China bereits auf allen Technologiestufen gleichzeitig voranschreite. Leapfrogging könnte also eher dort funktionieren, wo Deutschland einen realistischen Vorteil hat — und wo es willens ist, diesen Vorteil entschieden auszuspielen.
Eine aktuelle Debatte des Table-Forum vom März 2026 identifiziert Künstliche Intelligenz als entscheidenden „Leapfrog-Moment“ für Deutschland — ein Fenster, das sich rasch schließen könnte, wenn die politische Umsetzung nicht mithält. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger zeigt sich problembewusst, das Thema ist in der Regierung wieder angekommen. Und schon die Vorgängerregierung von Bundeskanzler Olaf Scholz hat die unter Angela Merkel 2019 gegründete SPRIND-Agentur, die den Gedanken der innovativen Sprünge im Namen trägt, gestärkt, wenngleich nicht ausreichend.
3. Die Forschungsbasis als fertiler Froschteich: Deutschlands unterschätztes Asset
In der öffentlichen Debatte dominiert zuweilen ein Narrativ des Rückstands und Abstiegs. Dabei übersieht man regelmäßig, dass Deutschland über eine der stärksten Forschungsinfrastrukturen der Welt verfügt — und dass diese Infrastruktur gezielt für Leapfrogging eingesetzt werden könnte. Eine knappe und unvollständige Übersicht illustriert das:
Die Helmholtz-Gemeinschaft, mit 18 Forschungszentren und einem Budget von über 6 Milliarden Euro, agiert an der Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung und industrieller Anwendung. Das Forschungszentrum Jülich etwa betreibt mit „JUNIQ“ eine weltweit einzigartige Quantencomputing-Infrastruktur und ist an Projekten wie „QT-Batt“ und „QuWIRK“ beteiligt, die Quantentechnologien mit Batterie- und Werkstoffforschung verbinden. Die Achse Jülich-Aachen schafft aktuell drei neue Exzellenzcluster bei Quantencomputing (ML4Q), Nachhaltigkeit (FSC2) und alternativen Fuels (CARE).
Auch die Leibniz-Forschungseinrichtungen mit ihren derzeit fast 100 unabhängigen Instituten, die gemeinsam über ein Jahresbudget von über zwei Mrd. Euro verfügen, stellen mehr als 12.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (mit weiblichem Mehrheitsanteil übrigens), die entlang der gesamten Innovationskette von der Grundlagenforschung bis zu prototypischen Anwendungen arbeiten. Leibniz-Institute bieten zudem evidenzbasierte Politikberatung. Über spezialisierte Technologie-Transfer-Einheiten und einen gezielten Start-up‑Support (Leibniz‑Start-up‑Preis und Transferförderprogramme) werden Forschungsergebnisse systematisch in Ausgründungen oder Unternehmenskooperationen überführt.
Fraunhofer ist die, was Patente betrifft, anmeldestärkste Forschungsorganisation Europas und betreibt 20 Leistungszentren, darunter die Forschungsfabrik Batteriezelle (FFB) und „RNAuto“ für die automatisierte mRNA-Produktion.
Im Bereich Life Sciences bündeln das DKFZ (u.a. KI-gestützte Onkologie), das MDC Berlin (medizinische KI) und acht Deutsche Zentren der Gesundheitsforschung nationale Expertise. Die DLR Quantum Computing Initiative stellt 740 Millionen Euro bereit, wobei 80 Prozent an die Industrie gehen. Auf europäischer Ebene kommen Infrastrukturen wie CERN, EMBL (Hauptsitz Heidelberg), European XFEL (Hamburg) und FAIR (Darmstadt) hinzu.
Die Max-Planck-Gesellschaft, mit 86 Instituten und einem Budget von über 2,4 Milliarden Euro, steht für Grundlagenforschung auf Weltniveau: 31 Nobelpreise seit Gründung, sechs allein seit 2020, und die meistzitierten Publikationen aller europäischen Forschungsorganisationen. Für das Leapfrogging entscheidend ist die wachsende Transferdynamik: 2025 brachte Max-Planck dreizehn neue Deep-Tech-Spin-offs hervor — drei mehr als im Vorjahr. Das Spin-off „Batene“ etwa entwickelt eine neuartige Batterietechnologie, die Materialverbrauch und Kosten drastisch senken soll. Doch hier zeigt sich bereits das beunruhigende Muster: 86 Prozent des Early-Stage-Fundings sind europäisch, aber fast die Hälfte der Late-Stage-Finanzierung kommt anderswo her, zumeist aus den USA.
Die Bundesregierung setzt hier an: Die Hightech-Agenda benennt sechs Schlüsseltechnologien — Künstliche Intelligenz, Quantentechnologie, Mikroelektronik, Biotechnologie, Fusion und klimaneutrale Energie. Die Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND hat ihre Fünf-Jahres-Evaluation positiv abgeschlossen. Wissen, Kapazität und Kompetenzen sind also reichhaltig vorhanden im deutschen Forschungs-Biotop. Was völlig fehlt ist ein Cluster aus Forschung, Start-Ups, Unternehmen und Venture Capital: „Europe has no innovation “clusters” in the top 10 globally, while the US has 4 and China has 3,” beschreibt der Draghi-Bericht 2024.
4. Das Valley of Death: Wo die Frösche baden gehen
Die Metapher „Valley of Death” ist mittlerweile ein feststehender Begriff zur Beurteilung der Lebenszyklen bzw. der strukturellen, insbesondere investiven Hightech-Entwicklung. Ursprünglich illustrierte sie vor 20 Jahren Finanzierungsprobleme bei der Skalierung in der mittleren Entwicklungsphase von Tech-Projekten in den USA, mittlerweile bezeichnet sie insbesondere die Problemlage in Deutschland und Europa.
Deutschlands Forschungssystem ist hervorragend — und genau deshalb ist sein strukturelles Defizit umso verstörender, weil lange bekannt. Das Problem liegt nicht in der Grundlagenforschung (Technologiereifegrade TRL 1–3), die international Spitzenklasse ist. Auch die angewandte Forschung (TRL 4–6) erscheint solide aufgestellt. Der kritische Engpass liegt bei TRL 7–8, der Pilotierungs- und Demonstrationsphase: Hier fehlt es an Risikokapital, die Genehmigungsverfahren dauern zu lange, und die institutionelle Unterstützung ist oft mangelhaft.
Die Konsequenz zeigt sich spätestens bei TRL 9, dem Markteintritt: massive Abwanderungsgefahr! Auch der Draghi-Bericht identifizierte dieses europäische Strukturproblem als zentral: Die EU bringe zwar mehr Start-ups hervor als die USA, scheitere aber systematisch an der Skalierung — innovative Unternehmen sammelten im Schnitt 50 Prozent weniger Wachstumskapital ein als vergleichbare US-Firmen, 40 von 147 europäischen Einhörnern wanderten ab in die USA zwischen 2008 und 2021.
US-amerikanische Investoren haben seit 2019 knapp 24 Milliarden Dollar an Wertschöpfung aus europäischen Deep-Tech-Spin-offs abgezogen. Europäische Forschung generiert also die Ideen, amerikanisches Kapital übernimmt und fährt die Rendite ein. Das ist nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern ein strategisches Desaster: Wer die Skalierung verliert, verliert Technologiesouveränität. Neben dem Verlust ganzer Wertschöpfungsketten und großer Teilblöcke (s.o.) kommt hier ein struktureller Wertschöpfungs-Drain quasi in statu nascendi hinzu.
Immerhin, im Koalitionsvertrag finden sich richtige Ansätze — Sondervermögen, Standortfördergesetz, Deutschlandfonds, Hightech-Agenda oder die WIN-Initiative („Wachstums- und Innovationskapital für Deutschland“), die noch von der alten Bundesregierung stammt und fortgesetzt wird. Doch es gibt strategische Lücken: Die fiskalische Tragfähigkeit ist weiter fragil, auch durch die Bereichsausnahme Verteidigung, diese schafft zwar Spielräume für Aufrüstung, reduziert zugleich jedoch die Möglichkeiten für kreditfinanzierte Investitionen auf der nationalen Gesamt-Fiskal-Ebene.
Eine kohärente Industriestrategie, die über Einzelmaßnahmen hinausgeht, fehlt immer noch. Und das Thema Technologiesouveränität wird zwar adressiert, aber nicht mit der nötigen Konsequenz behandelt. Die wieder anlaufende Debatte um eine Reform der Schuldenbremse muss den Aspekt der Investitionsfähigkeit in Zukunftstechnologien und Forschung unbedingt berücksichtigen, sonst bleiben alle bisherigen Überlegungen romantische Fantasien wie aus Grimms Märchen. Ob Deutschlands Wirtschaftspolitik strategiefähig ist — und hier geht es um mehrere Legislaturperioden — bleibt die große Frage.
5. Governance und Schutz: Was organisatorisch nötig wäre
Eine Leapfrogging-Strategie wäre nur so gut wie ihre institutionelle Verankerung und überhaupt erst dann wirklich eine Strategie. Der erste Schritt könnte die Einrichtung eines Nationalen Technologie— und Innovationsrats z.B. nach finnischem Vorbild sein (Finnland steht auf Platz 7 im globalen Innovationsindex, Deutschland nur auf 11) — unter Vorsitz des Kanzlers, mit direkter und schneller Entscheidungskompetenz. Klar ist, dass die Koordination des Rates zwischen Kanzleramt, BMF, BMWK, BMFTR und BMDS stattfinden müsste. SPRIND müsste zugleich skaliert werden — sowohl im Budget als auch im Kompetenzniveau und operativ mitwirken.
Ein ressortübergreifendes, eigenständiges Gesamt-Budget sollte im BMF gemanagt oder ggf. an den Deutschland-Fonds angedockt werden. Grundsätzlich gilt: Das Sondervermögen bräuchte ein ressortübergreifendes Leapfrogging-Budget, das nicht in vorhandene konkurrierende Ressortlogiken zerfällt. Wegen der unbeschränkten „Feuerkraft“ für Beschaffungs-Investitionen und einem künftig stärker zu fokussierenden Transfernutzen der Rüstung für Forschung und zivile Anwendungen (und umgekehrt) wäre auch das BMVg einzubeziehen.
Ebenso wichtig ist der Schutz der Ergebnisse. Die EU hat ihr FDI-Screening (Foreign Direct Investment) 2025/26 reformiert und verschärft. Erstmals gibt es eine EU-Empfehlung zum Outbound Investment Screening — für Halbleiter, KI und Quantentechnologie. Für die Bindung von Spin-offs braucht es noch ergänzend nationale Instrumente: z.B. ein Vorkaufsrecht bei strategischen Beteiligungen (für die KfW z.B.), die Vollendung der Kapitalmarktunion und „Buy-European“-Klauseln in der öffentlichen Beschaffung.
Wie unabdingbar ein wirksamer Schutz ist, zeigt der Fall Kuka. Es ist zehn Jahre her: Der Augsburger Roboterhersteller — eines der damals weltweit führenden Unternehmen für automatisierte Industrieanwendungen, ein Schlüsselunternehmen für „Industrie 4.0“ — wurde 2016 vom chinesischen Haushaltsgerätehersteller Midea für 4,5 Milliarden Euro übernommen. Die Bundesregierung sah damals leider keine Handhabe einzugreifen. Kein deutscher oder europäischer Bieter hatte ein Gegengebot vorlegen können oder wollen. Bis 2022 erfolgte das komplette Squeeze-out der Minderheitsaktionäre und das Börsen-Delisting. Der Fall wird heute als Wendepunkt gesehen und löste die erste große Verschärfung des FDI-Screening aus — zu spät für Kuka selbst, aber als Signal, dass Schlüsseltechnologien künftig nicht mehr ohne strategische Prüfung abfließen dürfen.
Auf europäischer Ebene könnte zudem der geplante Industrial Accelerator Act mit Local-Content-Rules endlich ein spürbares Gegengewicht zum US-amerikanischen Inflation Reduction Act bilden — gut wäre, Europa vermiede die Fehler der amerikanischen Umsetzung und setzte auf gezielte Anreize statt auf Subventionen mit der Gießkanne.
6. Leapfrogging als Frage des politischen Willens und der Strategiefähigkeit
Deutschland steht vor einer klaren Wahl. Es kann weiterhin über Rückstände lamentieren und inkrementell modernisieren — und wird dann sektoral weiter an Anschluss verlieren. Oder es kann eine explizite Leapfrogging-Strategie entwickeln, die auf seinen realen Stärken aufbaut: einer exzellenten Forschungsinfrastruktur, einer breiten industriellen Basis und einem Qualitätsanspruch, der global nach wie vor Differenzierungsmerkmal ist. Zur Qualität einer „Developed in Germany“-Kultur gehört auch Verlässlichkeit und Normenbeachtung — nicht jedoch die bürokratische Drangsalierung von Forschung. Der Forschungsstandort Deutschland kann und muss attraktiver werden. Dazu würde auch eine Reform der ehrwürdigen deutschen Universitätsstrukturen kommen müssen.
Eine intelligente Leapfrogging-Strategie kopiert nicht die Volumenstrategie Chinas oder die kapitalgetriebene Dynamik der USA. Sie identifiziert und priorisiert die Felder, auf denen qualitative Sprünge möglich sind — industrielle KI-Anwendungen, Quantentechnologie, digitale und energetische Speichern, Robotik, Biotechnologie, Fusion und klimaneutrale Energie, Luft- und Raumfahrt — und schafft die institutionellen Voraussetzungen dafür, dass aus Forschung auch wieder verstärkt Wertschöpfung im eigenen Land wird. Dafür braucht es mehr Risikokapital, schnellere Genehmigungen, eine kohärente Governance und den Willen, die Ergebnisse zu schützen. „Deutschland ist bereits Start-up-Nation. Jetzt müssen wir auch zur Scale-up-Nation werden.“ Das Strategiepapier des Seeheimer Kreises der SPD-Bundestagsfraktion bringt es auf den Punkt.
Das Fenster für diesen Sprung ist offen — aber es schließt womöglich wieder. Die Rekordinvestitionen des Bundeshaushalts, das Sondervermögen, der Deutschlandfonds, die Hightech-Agenda: Für einen Anfang sind hinreichende Ressourcen vorhanden. Was fehlt, ist zunächst nicht unbedingt nur Geld (wobei die Mobilisierung von gewaltigen Summen miserabel verzinstem privaten Kapitals auf Sparbüchern oder zur Altersvorsorge auch in einem Hightech-Fonds investiv fungieren könnte) sondern Kohärenz, Geschwindigkeit und politischer Mut, ein Plan, ein Wille zur Strategie. Vielleicht zählt ja das Argument, dass sich eine solche Strategie monetär amortisieren würde. Mit höchster Wahrscheinlichkeit wäre sie langfristig zumindest preiswerter als Nichtstun.
Dieser strategische Wille müsste Teil einer sozialpartnerschaftlich-wissenschaftlichen „Allianz für Arbeit und Innovation“ werden, wie sie der SPD-Co-Parteivorsitzende, Finanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil vorgeschlagen hat.
Leapfrogging ist kein Wunschdenken. Es ist eine strategische Option, die Deutschland sich leisten kann. Nicht leisten können wir uns, es unversucht zu lassen. Die gute Nachricht ist: Deutschland hat das „Zeug“ dazu. Leapfrogging sollte Teil der Germanomics werden. Kiss the Frog!
Dr. Frank Wilhelmy ist Geschäftsführer des Wirtschaftsforum der SPD e.V.
Der Beitrag wurde erstmals im Sammelband „Germanomics – Neue Antworten für Wachstum und Wohlstand“ des Wirtschaftsforums der SPD veröffentlicht, der am 15. Juni erschienen ist. Hier können Sie das Buch bestellen.