Wohlbefinden und Sorgen von Eltern in der Pandemie – was heißt das für die Entfaltung des Potentials unserer Volkswirtschaft?

Erwerbstätige Väter und Mütter sind ein wichtiger Teil der deutschen Erwerbsbevölkerung, sie gehören zum Humanvermögen von heute. Mütter und Väter sind unabhängig von ihrer Erwerbstätigkeit aber auch zentrale Akteure bei der Erziehung und Entwicklung des Humanvermögens von morgen – sie schaffen den Rahmen, in dem Kinder ihr Potential entfalten können.

Dies zeigt sich einmal mehr, wenn – wie in der gegenwärtigen Pandemie – Kindertageseinrichtungen und Schulen teilweise vollständig geschlossen sind, nur für bestimmte Kinder geöffnet sind oder Wechselunterricht stattfindet. Aber auch vor der Pandemie haben bildungs- und familienökonomische Analysen gezeigt, dass die Familie bei der Erklärung von Entwicklungsunterschieden bei Kindern eine größere Bedeutung hat als Kita oder Schule.

Immer wieder wird derzeit diskutiert, dass Familien in der Pandemie viel zugemutet wird. Deshalb hat die Politik auch entschieden, Familien per se z.B. über den Kinderbonus eine Anerkennung ihrer Leistung zukommen zu lassen. Was jedoch zeigen empirische Studien? Tatsächlich ist die Zufriedenheit von Müttern und Vätern mit dem Leben im Allgemeinen über den Verlauf der Pandemie von 7,0 Punkten zu Beginn im Mai 2020 bis heute – fast genau ein Jahr später – auf 6,5 Punkte gesunken.

Dies zeigen repräsentative Befragungen im Rahmen der COMPASS-Befragung, welche infratest dimap seit Beginn des ersten Lockdowns letzten Jahres durchführt. Dabei wird die Zufriedenheit mit dem Leben allgemein und anderen Bereichen auf einer Skala von null („ganz und gar unzufrieden“) bis zehn (“ganz und gar zufrieden“) abgefragt. Der Familienmonitor_Corona, welchen das DIW Berlin gemeinsam mit infratest dimap erstellt, berichtete im ersten Quartal 2021 nahezu wochenaktuell über die Zufriedenheit und die Sorgen von Eltern. Es zeigte sich sehr deutlich, dass über den gesamten Pandemieverlauf Mütter eine geringere Zufriedenheit äußern – ihre Zufriedenheitswerte liegen über den gesamten Zeitraum unter denen von Vätern. Sie sind auch weniger zufrieden mit der Kinderbetreuung und mit dem Familienleben. Hinzu kommt, dass sich auch Unterschiede nach der Schulbildung der Eltern zeigen: Eltern mit niedrigerer Schulbildung sind weniger zufrieden, insbesondere wenn es um die allgemeine Lebenszufriedenheit und die Zufriedenheit mit der Kinderbetreuung geht. Bei der Zufriedenheit mit dem Familienleben finden sich dagegen kaum Unterschiede nach Schulbildung der Eltern.

Eltern machen sich ferner große Sorgen um die Bildung ihrer Kinder; dieser Anteil ist von 51% Anfang Februar diesen Jahres auf 60% Ende März angestiegen. Zunehmend mehr Eltern sorgen sich auch um die wirtschaftliche Zukunft ihrer Kinder, inzwischen berichten 56%, von großen Sorgen. Große Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation machen sich dagegen „nur“ 28%. Auch bei den Sorgen um die Bildung und die wirtschaftliche Zukunft der Kinder zeigt sich allerdings, dass Mütter besonders besorgt sind. Sie machen sich deutlich mehr Sorgen um die Bildung ihrer Kinder als Väter. Darüber hinaus sind es auch die Eltern mit niedrigerer Schulbildung, die sich sehr viel eher größere Sorgen machen: Mit 67% waren es in der ersten Aprilhälfte 22 Prozentpunkte mehr als bei der Gruppe der Eltern mit Abitur.

Was heißt dies nun aber aus einer ökonomischen Perspektive? Eine geringere Lebenszufriedenheit, oder anders formuliert, geringere Werte beim eigenen subjektiv bewerteten Wohlbefinden, so zeigen zahlreiche Studien aus Zeiten vor der Pandemie, können Effekte auf die eigene Gesundheit, die Produktivität am Arbeitsmarkt, die Stabilität einer Partnerschaft und nicht zuletzt auch auf die Entwicklung junger Kinder haben. Je zufriedener Eltern mit ihrem Leben sind, umso stabiler ist die Familie und auch die sozio-emotionale Entwicklung von Kindern – hier ist die Zufriedenheit von Müttern von besonderer Bedeutung, da es mehrheitlich in Deutschland immer noch die Mütter sind, welche die Hauptbetreuungs- und damit auch die „Hauptbildungsperson“ für die Kinder sind.

Vielfach wird mit diesem Indikator auch das Glück einer Bevölkerung erfasst und man spricht vom Bruttonationalglück. Empirisch messen lässt sich demnach, dass das Glücksgefühl insbesondere bei Müttern und solchen mit niedrigerer Schulbildung über die Pandemie hinweg abgenommen hat. Aber auch die großen Sorgen um die Entwicklung der Kinder belastet diese Gruppe besonders – dies kann Auswirkungen auf die Anregungsqualität und damit die Qualität des Bildungsortes Familie haben. Abgesehen davon belastet es die Eltern selbst, was sich in Bereichen der bezahlten Arbeit bemerkbar machen kann. All dies belastet die Leistungsfähigkeit unserer Volkswirtschaft auch und zwar zunehmend, da das subjektiv empfundene Wohlbefinden sich über die Pandemie hinweg verschlechtert hat. Dies kann, wenn wir Eltern betrachten, im doppelten Sinne kostspielig sein.

Eine evidenzbasierte Politikberatung sollte darauf Bezug nehmen. Sie sollte auch betonen, dass keinesfalls alle Eltern und Kinder in gleichem Umfang belastet sind. Gezielt sollte den besonders belasteten Eltern Unterstützung zukommen. Ein Investitionspaket, wie es der wissenschaftliche Beirat für Familienfragen beim Bundesfamilienministerium vorschlägt, muss gezielt und nachhaltig sein. Politik braucht dafür die Ergebnisse von repräsentativen Erhebungen, um jene Gruppen zu identifizieren und zu adressieren, welche besonders betroffen sind.

Ohne Frage müssen Familien, welche bereits vor der Pandemie oder auch durch die Pandemie ein geringes Einkommen haben, finanziell unterstützt werden – aber es geht um sehr viel mehr. Es muss bereits jetzt vorbereitet werden, wie Eltern Erholung finden können. Gezielte Programme sind hier wichtig. Sie kommen nicht nur den Eltern, sondern auch den Kindern zu Gute. Eltern, welche sich Sorgen um die Bildung ihrer Kinder machen, müssen aber auch dahingehend unterstützt werden, dass Angebote für Kinder geschaffen und ausgeweitet werden, die aufholen müssen.

Das geplante Corona-Aufholprogramm ist hier wichtig, es sollte aber nachhaltig angelegt sein und nicht nur ein kurzfristiges „Strohfeuer“ entfachen, denn es wird Zeit brauchen, bis Kinder und Jugendliche das aufgeholt haben, was ihnen die Pandemie nicht ermöglicht hat. Pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte im Besonderen müssen sehr rasch die Gruppen identifizieren, welche in der Pandemie nicht den notwendigen Lernfortschritt erzielen konnten und damit das Aufholprogramm besonders brauchen um den Anschluss nicht zu verlieren. Alle pädagogischen Fachkräfte sollten mit Eltern ins Gespräch kommen und rückkoppeln, ob die Sorgen, die sich viele Eltern machen, berechtigt sind.

Sie sollten mit Eltern den Diskurs suchen, wenn es um das Aufholen geht – denn vielfach waren es die Eltern, die versucht haben, Kita und Schule zu ersetzen. Dort, wo Eltern damit überfordert waren und dies nicht leisten konnten, müssen sie dennoch einbezogen werden, wenn es darum geht, Lernrückstände aufzuholen. Nur so kann vielen Sorgen aktiv begegnet werden und gemeinsam realistische Schritte zum Aufholen geplant werden.

Wenn uns die Pandemie in der ein oder anderen Form noch weiter begleiten wird, sind aber auch Formate eines Distanzlernens professionell und flächendeckend weiterzuentwickeln, welche allen Kindern einen Anschluss ermöglichen. Dabei muss es um unterschiedliche Angebote auch für Kinder im Kita-Alter gehen, denn Bildung fängt nicht erst in der Schule an. Wenn also nicht heute massiv in die Bildung investiert wird, werden einige der jungen Generation von heute die Chance verpassen, ihr Potential zu entfalten und morgen nicht in der Lage sein, die Schulden der Pandemiezeit mit abzutragen. Familien- und Bildungspolitik von Anfang an sind also nicht nur für das hier und heute wichtig, sondern auch für die Volkswirtschaft und Gesellschaft von morgen.

 

Für den Familienmonitor_Corona des DIW Berlin und infratest Dimap siehe https://www.diw.de/de/diw_01.c.809410.de/familienmonitor_corona.html. Für die Kooperation danken wir insbesondere Dr. Nico Siegel (infratest dimap) und Prof. Dr. Gert G. Wagner (Max-Planck Institut für Bildungsforschung Berlin und DIW Berlin).

 

Lesen sie hier auch den Text von Prof. Dr. Ludger Wößmann