Verkraftbar – oder doch verheerend? Die möglichen Folgen eines Gasembargos aus der Perspektive eines kleinen mittelständischen Industriebetriebs

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Der Autor dieses Beitrags ist Geschäftsführer eines typischen kleinen Industrieunternehmens: 10 Mio. Euro Umsatz, 60 Mitarbeiter, seit mehr als siebzig Jahren Lieferant der internationalen Lebensmittelindustrie. Ein mögliches Gasembargo und dessen Auswirkungen könnten weit weg erscheinen: Geheizt wird mit den eigenen Produktionsabfällen aus Holz. Gas oder Öl wird überhaupt nicht bezogen; die eigene Produktion ist weder besonders energieintensiv noch sind die Lieferketten komplex. Dennoch sieht der Autor die Existenz des Unternehmens so massiv bedroht wie nie zuvor in den vergangenen Jahrzehnten. Trotz voller Auftragsbücher und international steigender Marktanteile. Woraus resultiert diese Einschätzung – und die Sorge um die ökonomische und politische Stabilität der Gesellschaft? Aus mangelnder Anpassungsbereitschaft, einem rein interessengeleiteten Lobbyismus  – oder ganz einfach der praktischen Kenntnis um die eigenen überschaubaren energieabhängigen Lieferketten und die mangelnden Substitutionsmöglichkeiten?

 

Durch den Stopp der Gaslieferungen Russlands an Polen und Bulgarien und das nahende Embargo der EU auf russisches Öl gewinnt auch die Debatte um ein Gasembargo und die Folgen eines Lieferstopps neue Brisanz.

Es steht außer Frage, dass es für unsre Gesellschaft zwingend geboten ist, jede Form an politischer, militärischer und ökonomischer Unterstützung intensiv zu erörtern, die wir den Menschen in der Ukraine in ihrem Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung zukommen lassen können.

Hinsichtlich der möglichen Sanktion eines Embargos auf russisches Öl und Gas steht dabei vor allem eine Frage im Zentrum der stark moralisch aufgeladenen Debatte: welchen Preis „müsste“ unsere Gesellschaft für eine solche Sanktionierung Russlands zahlen?

Wie hoch wäre dieser Preis nun aber? Dieser Artikel möchte einen bescheidenen Beitrag zur Folgenabschätzung eines Gasembargos leisten, indem er die Auswirkungen auf einen kleinen, nicht-energieintensiven Industriebetrieb illustriert, dessen Produktion in keinster Weise so energieintensiv ist wie die Herstellung von Stahl oder Papier und der nicht von solch komplexen Lieferketten abhängig ist wie die Automobilindustrie.

Eine solche Darstellung entspricht naturgemäß nicht dem Referenzsystem der ökonomischen Forschung noch kann sie Anspruch auf Repräsentativität erheben. Sie kann jedoch dazu beitragen, die realwirtschaftliche Relevanz der „blinden Flecke“ und methodischen Limitierungen der ökonomischen Modelle zu beleuchten: fehlende konzeptionelle Integration von Schlüsselbranchen wie der Chemieindustrie, mangelnde Modellierung der dynamischen Kaskadeneffekte und methodische Vernachlässigung der Bedeutung des kurzfristigen Schocks (vgl. Horn)

Die beispielhaften Auswirkungen eines Gasembargos auf einen nicht-energieintensiven, kleinen Industriebetrieb

Im beispielhaft skizzierten Unternehmen werden in zwei Geschäftsbereichen Produkte aus Holz sowie aus faserverstärktem Kunststoff für die Süßwarenindustrie hergestellt. Mit einem Exportanteil von über 90 % ist der Kundenkreis in mehr als 100 Ländern ebenso international wie das Feld der Wettbewerber aus den USA, Australien, der Türkei und China. In hochautomatisierten, international wettbewerbsfähigen Fertigungsprozessen werden 60 Mitarbeiter beschäftigt. Die hergestellten Produkte sind simpel: Spezielle Trays, die als Transportbehälter auf Anlagen zur Herstellung von Fruchtgummiartikeln wie Gummibären verwendet werden. Eng an den Bau dieser Anlagen und die deutschen Maschinenbauer geknüpft, ist man Teil des internationalen Investitionsgütergeschäfts und der deutschen Exportindustrie.

Ausgangslage: Ein nach zwei Jahren Krisen stark geschwächtes Fundament

Zunächst ist zu betonen, dass der beispiellose Schock eines Gasembargos auf eine in weiten Teilen bereits zutiefst erschütterte und geschwächte mittelständische Wirtschaft treffen würde. Die (noch) guten Geschäftszahlen der DAX-Konzerne dürfen nicht täuschen: Das Fundament darunter ist durch die Kumulation der Krisen der vergangenen beiden Jahre in der Substanz stark geschwächt und brüchig geworden, die Grenze der Tragfähigkeit in vielen mittelständischen Industrieunternehmen erreicht.

Im hier betrachteten Unternehmen konnte der fast vollständige Einbruch des Auftragseingangs im Frühjahr 2020 nur durch Kurzarbeit und die Aufnahme zusätzliche Darlehen überstanden werden. Mit der Wiederbelebung der ökonomischen Aktivität explodierten dann aufgrund der zahlreichen Verwerfungen in den internationalen Lieferketten ab Anfang 2021 zunächst die Frachtkosten, anschließend die Materialpreise.

Wenn für die Lieferung eines Auftrags nach Südamerika 60 Container benötigt werden, dann kann allein der innerhalb weniger Wochen vollzogene Kostenanstieg für einen 40 Fuß Container um mehr als 350 % von 2.000 auf über 7.000 EUR den Unterschied zwischen einem Auftrag mit schwacher Gewinnmarge und einem erheblichen Verlust darstellen. Erst recht, wenn der Wettbewerber aus den USA aufgrund der aus dem Lot geratenen Handelsströme einen Container für 600 EUR, also für weniger als ein Zehntel, in die Welt verschiffen kann.

Noch gravierender sind die Preissprünge bei den Materialkosten: Bei einem Materialkostenanteil von über 50 % an den Gesamtkosten der Produkte, bedeuten plötzliche Preissteigerungen von mehr als 40 % bei kaum noch verfügbaren Holzarten und Kunststoffen nicht einkalkulierte Mehrkosten von über einer Million Euro. Mehrkosten, die – wenn überhaupt – bei bestehenden Verträgen nur zu geringen Teilen an Kunden in Kolumbien oder der Türkei weitergegeben können, die selbst unter erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten leiden.

Hinzu treten die seit Mitte 2021 massiv steigenden Energiekosten. Der Anteil der direkten, eigenen Energiekosten liegt lediglich im einstelligen Bereich. Zudem konnte sich noch zu einem vergleichsweise günstigen Zeitpunkt ein neuer mehrjähriger Liefervertrag gesichert werden. Dennoch belastet nun ein im Vergleich zu 2021 um 265 % gestiegener Arbeitspreis des Stroms massiv die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Eine Beschaffung zu einem späteren Zeitpunkt in 2021 hätte den Betrieb sogar in seiner Existenz bedroht. Hängt die Wettbewerbsfähigkeit von Industriebetrieben jedoch nicht mehr in erster Linie an der Qualität der Produkte oder der Effizienz der Fertigungsprozesse, sondern am Beschaffungszeitpunkt von Energie, dann sollte dies ein Alarmzeichen für unser Industrieland sein.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat diese beispiellosen und in keinster Weise überstandenen Krisen nochmals deutlich verschärft. Doch die über Jahrzehnte hinweg aufgebaute Substanz ist mittlerweile aufgezehrt.

Die Folgen eines totalen Energieembargos auf die Kunststoffverarbeitung

Die Befürworter eines totalen Energieembargos erachten jedoch auch die Folgen des zusätzlichen Schocks eines Energieembargos als absolut verkraftbar für die Wirtschaft. Abstrakt wird in fast grenzenlosem Vertrauen in die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen auf den „deutschen Ingenieursgeist“ verwiesen, der bei ausreichend Wille und „Mut“ der Verantwortlichen vermeintlich jede technische Hürde überwinden und noch jedes Vorprodukt in kürzester Zeit substituieren kann.

Doch wie sähe dies konkret im hier betrachteten Fallbeispiel aus? Die Kunststoffprodukte bestehen aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK). Ein klassischer industrieller Werkstoff, der unter anderem auch für die Herstellung von Rotorblättern für Windkraftanlagen verwendet wird. Das für die verstärkenden Fasern benötigte Glas wird in riesigen Öfen geschmolzen, die mit Gas geheizt werden. Die Kette könnte somit nicht leichter nachvollziehbarer sein: ohne Gas kein Glas, ohne Glas kein GFK. Insbesondere, weil ein Großteil der wenigen in Europa existierenden Großanlagen sich in Osteuropa befindet und diese bislang zu 100 % von russischem Gas abhängig sind. Allein aufgrund eines Mangels an Glasfasern und verfügbarer Alternativen würde die Produktion des hier betrachteten Unternehmens in der Folge eines Lieferstopps nach ca. acht Wochen zum Stillstand kommen.

Aber könnten die europäischen Hersteller von GFK nicht einfach mehr Glasfasern importieren? Mehr als 70 % der Weltproduktion an Glasfasern stammt bereits aus China. Europa kann auch hier den eigenen Bedarf nicht mehr decken und ist bereits stark von Importen abhängig. Eine vollständige Substitution der europäischen Produktion durch Importe aus China ist jedoch nicht ansatzweise möglich. Glasfasern sind bereits seit über einem Jahr weltweit Mangelware und können nur noch zu Höchstpreisen von Käufern in den USA oder Europa bezogen werden. Der Import aus China hat sich aufgrund der Frachtkostensteigerungen von über 1000 % zudem dramatisch verteuert und wird in der Konsequenz der dortigen Lockdowns in den kommenden Monaten zwangsläufig sogar stark abnehmen. Aus China sind somit keine rettenden Lieferungen zu erwarten.

Die Produktion der Kunststoffprodukte hängt jedoch nicht nur am seidenen Faden der Glasfasern. Zahlreiche weitere Vorprodukte der Lieferanten von GFK benötigen Gas als Prozesswärme oder Rohstoff. So zum Beispiel die Herstellung des Monomers Styrol, welches unter anderem von der BASF in Ludwigshafen produziert wird. Doch wenn – wie vom Vorstandsvorsitzenden Brudermüller dargelegt – die BASF auch nur 50 % weniger Gas erhielte, so müsste der noch größte Chemiestandort der Welt mit mehr als 40.000 Mitarbeitern geschlossen werden. Einige Wochen später dann auch die Produktion des hier betrachteten Unternehmens. Viele Lieferketten führen somit zum gleichen Ergebnis: ein weitgehender Stillstand nicht nur eines kleinen Betriebs, sondern ganzer Industriezweige.

Die Auswirkungen auf die Holzverarbeitung

Betrachten wir die Fertigung der Produkte aus Holz. Obwohl ein Großteil der verwendeten Materialien aus lokaler Forstwirtschaft stammt, musste das Material für die Böden der Behälter bislang aus Indonesien und Russland importiert werden. Diese über Jahrzehnte etablierten Lieferketten sind jedoch bereits komplett gerissen: um 700 % gestiegene Frachtkosten brachten den Import aus Indonesien zum Erliegen. Aus Russland kann aufgrund der Sanktionen bekanntermaßen kein Holz mehr importiert werden.

Glücklicherweise wurde in den vergangenen Jahren mit einem deutschen Lieferanten eine Alternative aufgebaut: Spezielle Platten, welche aus Holzabfällen der Sägewerke gepresst werden. Doch zu deren Herstellung braucht es nicht nur große Mengen an Energie, sondern auch Leim, der die Holzabfälle bindet: Harnstoff-Formaldehydharz (UF), Melamin-Harnstoff-Formaldehydharz (MUF) oder polymere Methylen-Diisocyanate (PMDI). Mithin Stoffe, für deren Herstellung die europäische Chemieindustrie unweigerlich Gas benötigt. Kommt die Chemieindustrie zum Stillstand, so wird mangels verfügbarer technischer und wirtschaftlicher Alternativen einige Monate später auch die Holzfertigung zum Stillstand kommen. Selbst Holzhändler mit jahrzehntelanger Erfahrung können keine technisch einsetzbaren Alternativen mehr anbieten. Selbst wenn der Preis vernachlässigbar wäre. Für die Substitute der Substitute gibt es irgendwann keinen Ersatz mehr. Erst recht nicht innerhalb weniger Wochen. Erst recht nicht inmitten der größten Angebotskrise seit Jahrzehnten, in der nicht nur Mikrochips, sondern auch Glasfasern und Holzpaletten Mangelware sind und auf absehbare Zeit auch bleiben.

Was jedoch bedeutet Stillstand für einen kapitalintensiven Industriebetrieb? Die von den Befürwortern ins Spiel gebrachten Instrumente der Kurzarbeit und staatliche Hilfen können nicht einmal einen kleinen Betrieb über Wasser halten, der aufgrund fehlender Vorprodukte nicht mehr produzieren kann. Allein die Abschreibungen auf die Investitionen in die Zukunft des Betriebs belaufen sich auf fast eine Million Euro pro Jahr. Selbst wenn der Staat über Monate hinweg alle Lohnkosten übernehmen würde, bedarf es unweigerlich eines ständigen Umsatzes, um die hohen Fixkosten zu decken. Es braucht Umsatz, um die Tilgungen bestreiten zu können. Um es beim Namen zu nennen: Stillstand bedeutet nach kurzer Zeit Zahlungsunfähigkeit, Insolvenz und das endgültige Ende eines kleinen Betriebs nach mehr als sieben Jahrzehnten am Markt.

Die Warnungen vor den unterschätzten Folgen eines Gasembargos – engstirniger Lobbyismus?

Dieser Beitrag erhebt nicht den Anspruch auf Objektivität Er reiht sich vielmehr ein in die zahlreichen Stimmen aus Gewerkschaften, Unternehmen und Ökonomie, die vor den verheerenden Stimmen eines Gasembargos für unsere Gesellschaft warnen. Er wirbt darum, die „top down“ Perspektive der Ökonomie und Medien durch eine Perspektive des „bottom ups“ zu ergänzen und die Warnungen der Verantwortungsträger ernst zu nehmen, die meist seit Jahrzehnten in ihren Betrieben und Branchen tätig sind und ein tiefgehendes Verständnis für ihre Lieferketten und Wertschöpfungsprozesse besitzen. Er plädiert dafür, dass auch eine wertebasierte und stärker ideell geprägte Politik die materiellen Grundlagen unserer Gesellschaft nicht aus den Augen verlieren darf.

Von mancher Seite wird solch warnenden Stimmen ein engstirniger Lobbyismus oder mangelnde Anpassungsbereitschaft vorgehalten. Wenn sich jedoch an dieser Stelle in den politisch-ökonomisch Diskurs eingebracht wird, dann sprechen hier weder kalte Kapitalinteressen, die um Shareholder Value und Profite fürchten, noch ein rein eigennütziger Lobbyismus, dem der Sinn für das große Ganze fehlt.

Wie viele Menschen zurzeit bewegt vielmehr die tief sitzende Sorge um das, was über Generationen hinweg in harter Arbeit in diesem Land aufgebaut wurde: Millionen guter Arbeitsplätze in der Industrie, ökonomischer Wohlstand auch in der Breite der Gesellschaft und eine in weiten Teilen auf diesem Wohlstand basierende Stabilität unseres politischen Systems. Keine dieser Errungenschaften ist gottgegeben. Täglich müssen sie erarbeitet und demokratisch erstritten werden – und dürfen nicht leichtfertig riskiert werden.

Die vergangen zwei Jahre haben gezeigt wie überraschend wenig flexibel die internationalen Produktionsnetzwerke auf unvorhergesehene Schocks reagieren können und welche negative Dynamik ihre Verkettungen entfalten können. Die letzten Monate haben aber auch gezeigt, wie wenig selbst die Experten ihrer Fächer die Auswirkungen solcher Schocks zu prognostizieren vermögen. Die Bundesregierung tut daher gut daran, die möglichen Auswirkungen eines Embargos sogfältig abzuwägen, bevor unsere Gesellschaft – bei aller gebotenen Solidarität mit der Ukraine – in ein beispielloses sozio-ökonomisches Großexperiment gestürzt wird, bei dessen Fehlschlag nicht nur die industrielle Basis unseres Landes auf dem Spiel steht, sondern auch die soziale und politische Stabilität unserer Gesellschaft. Die Wahlerfolge Trumps im Rust Belt, der Brexiteers oder Le-Pens in den de-industrialisierten Regionen Frankreichs oder Englands sollten Mahnung genug sein.

Der überzeichnete Kontrast zwischen politischer Moral und wirtschaftlichen Interessen greift zu kurz. Gerade wenn auch langfristig die Werte von Freiheit und Demokratie verteidigt werden sollen, darf Europa sich nicht des materiellen Fundaments seiner ökonomischen und politischen Stärke berauben.