Die Zukunftstrends auf dem Arbeitsmarkt

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Detlef Scheele Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit
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Der Ausbruch von COVID-19 löste eine Rezession aus, wie wir sie sehr lange nicht mehr erlebt hatten. Ihre Bewältigung erfordert die ganze Aufmerksamkeit und Kraft unseres Landes. In kürzester Zeit wurden staatliche Unterstützungsleistungen auf den Weg gebracht. Unternehmen, die durch die einschränkenden Maßnahmen in Schieflage geraten sind, wurden gestützt. Durch das Kurzarbeitergeld wurden in der Spitze knapp drei Millionen Arbeitsplätze gesichert. Der Sozialstaat hat gezeigt, dass in Krisenzeiten auf seine Instrumente Verlass ist.

Corona war ein Katalysator

Doch trotz aller staatlichen Bemühungen sind mehrere hunderttausend Menschen arbeitslos geworden. Von den Entlassungen besonders betroffen waren geringqualifizierte Menschen. Aber auch Eingewanderte, Beschäftigte in der Zeitarbeit oder mit befristetem Arbeitsvertrag waren mehrfach gefährdet. Zahlreiche Unternehmen, allen voran aus der Gastronomie, dem Einzelhandel und der Automobilzulieferindustrie, sind in wirtschaftliche Not geraten, wenngleich Massenentlassungen und Insolvenzen bislang ausgeblieben sind. Denn die Corona-Pandemie war ein Katalysator für Entwicklungen und Transformationsprozesse, die bereits vor ihr begonnen haben.

Seit vielen Jahren verändert die Digitalisierung die Wirtschaft und die Arbeitswelt. Produktionslinien wurden branchenübergreifend automatisiert. Im Maschinenbau, der Metall- und Automobilindustrie sind Industrieroboter mittlerweile unverzichtbar geworden. Maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz befähigen sie dazu, dass sie Produktionsabläufe und Arbeitsroutinen „erlernen“ können. In der Agrarwirtschaft gehören selbstfahrende Erntefahrzeuge und Wetter-Apps seit vielen Jahren wie selbstverständlich dazu.

Folgen der Digitalisierung

Nach Einschätzung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung könnten bereits 83 Prozent der Fertigungsberufe und 44 Prozent der Berufe in der Land- und Forstwirtschaft von Computern und Robotern erledigt werden. Die Beschäftigten in den betroffenen Branchen sind gefordert, sich fortlaufend an die veränderten Gegebenheiten anzupassen. Auch wenn die Digitalisierung bislang per Saldo keine Arbeitsplätze kostet, so haben sich doch viele Berufsbilder gewandelt. In der Regel sind sie anspruchsvoller geworden. Für viele Beschäftigte aber auch die Sozialpartner in Deutschland wird klar, dass sich durch die Digitalisierung nicht nur die Arbeitsprozesse, sondern auch die Arbeitswelten verändern.

Dennoch fokussierte sich die Digitalisierung in den vergangenen Jahren auf den industriellen und agrarwirtschaftlichen Sektor in Deutschland. Die Corona-Pandemie hat nun allerdings allen Berufstätigen, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen die Möglichkeiten und die Notwendigkeit einer weiteren Digitalisierung vor Augen geführt. Unternehmen und Einrichtungen, deren Selbstverständnis es bislang war, ihre Dienstleistungen in Präsenz zu erbringen, waren gezwungen über neue Wege der Dienstleistungserbringung nachzudenken.

Wissen musste vermittelt werden, obwohl Bildungseinrichtungen großflächig geschlossen waren. Unternehmen mussten ihre Produkte und Dienstleistungen trotz Kontaktverbots vermarkten, um nicht gänzlich ihre Geschäftsgrundlage zu verlieren. Mobilität schwindet zugunsten von neuen digitalen Austauschvarianten, die zwischenzeitlich hochwertige Kommunikation zulassen. Homeoffice war für 25 Prozent aller Beschäftigten die favorisierte Arbeitsweise, die sich etabliert hat. Unternehmen wie Selbständige investierten infolge des Shutdown-Impulses umfangreich in ihre Hard- und Software, sodass von einer gewissen Permanenz bei dieser Entwicklung ausgegangen werden kann.

Neben diesem Digitalisierungsschub in weiteren Branchen hat die Corona-Pandemie aber auch eine andere Entwicklung beschleunigt: den Strukturwandel. Geschäftsmodelle und damit Arbeitsplätze fallen weg und an anderer Stelle entstehen neue. Industrieunternehmen, Banken und Fluggesellschaften – um nur einige Beispiele zu nennen – reagieren mit Strukturierungsmaßnahmen und Arbeitsplatzabbau auf veränderte Nachfragegewohnheiten. Gleichzeitig melden Unternehmen in der IT-Branche, im Gesundheitswesen sowie dem Heim- und Sozialwesen einen großen Bedarf an Arbeitskräften.

Der Prozess des lebenslangen Lernens hat einen noch größeren Stellenwert erlangt: Für die einen ist die stetige Qualifizierung notwendig, um sich innerhalb der angestammten Branche an die veränderten Bedingungen anzupassen. Für die anderen ändert sich das Arbeitsumfeld sogar vollständig. Diese Herausforderung wird allerdings wirksam flankiert. Der Gesetzgeber hat der Bundesagentur für Arbeit die Möglichkeit gegeben, Menschen und Unternehmen in Transformationsprozessen beratend zu begleiten und sie bei der beruflichen Weiterbildung finanziell zu unterstützen. Gelingt dies gemeinsam mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie den Sozialpartnern, so bin ich optimistisch, dass an die positiven Entwicklungen in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt der 2010er Jahre anknüpft werden kann. Für den Arbeitsmarkt in Gänze sieht man auf Basis der Einstellungen und Entlassungen sowie der personalpolitischen Maßnahmen der Unternehmen wenig Hinweise auf langfristige, strukturelle Verwerfungen infolge der Corona-Pandemie.

Neue Einwanderungspolitik für Fachkräfte

Je schneller es gelingt, wieder auf den Wachstumspfad zurückzukehren, desto schneller wird man sich auch wieder mit den Herausforderungen der demographischen Entwicklung in Deutschland beschäftigen müssen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung geht davon aus, dass nach dem Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials im Jahr 2020 auch 2021 schätzungsweise 47.000 Menschen als Erwerbspersonen fehlen werden – trotz des Digitalisierungsschubes. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, kann dies den konjunkturellen Aufschwung massiv ausbremsen. Damit es nicht so weit kommt, lohnt es sich über eine vorausschauende Einwanderungspolitik für Fachkräfte nachzudenken.

Mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz hat der Gesetzgeber 2019 einen Paradigmenwechsel vollzogen und ist einen ersten Schritt in die Richtung gegangen, um Deutschland für Arbeitskräfte aus der ganzen Welt als attraktives Ziel zu etablieren.

Nun sind aufgrund der Beschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie die Migrationsbewegungen weltweit – mit Ausnahme der Fluchtbewegungen infolge von Kriegen, Unruhen und Naturkatastrophen – fast zum Erliegen gekommen. Viele Arbeitsmigrantinnen und -migranten überdenken die Notwendigkeit fernab ihrer Heimat zu arbeiten. Sollte dieser Trend anhalten, wird Deutschland überproportional getroffen sein. Deutsch ist im Gegensatz zu Englisch, Spanisch und Französisch keine der weltweit am häufigsten gesprochenen Sprachen. Erschwerend kommt für Einwanderungswillige hinzu, dass die Hürden hoch liegen: Die Anerkennung des im Ausland erworbenen Berufsabschlusses, die schleppende Visabearbeitung, die Notwendigkeit deutscher Sprachkenntnisse und der Nachweis eines Arbeitsplatzes. Deutschland braucht langfristig eine Nettozuwanderung von 400.000 Personen pro Jahr, um wirtschaftlichen Wohlstand und das Sozialversicherungssystem zu stabilisieren.

Nach der Bundestagswahl wird eine Bilanz gezogen werden müssen, ob die getroffenen Entscheidungen mit Blick auf Einwanderung tatsächlich ausreichen oder modifiziert werden müssen. Um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands dauerhaft zu sichern und nicht durch den Mangel an Arbeitskräften zu gefährden, ist es wichtig, das Fachkräfteeinwanderungsgesetz zeitnah an die Gegebenheiten der Post-Corona-Ära und auf der Basis der bisherigen Erfahrung weiterzuentwickeln.

Vor allem die Art und Weise, mit der Deutschland durch die Pandemie und die daraus resultierende Rezession gekommen ist, wird weltweit sehr positiv wahrgenommen. Als Wirtschaftsstandort hat Deutschland an Attraktivität gewonnen. Lassen wir uns diesen Vorteil nicht wieder aus der Hand nehmen.