10.03.2021Corona-Pandemie

„Nasenbohren“ für die Klassenkasse als Teststrategie für offene Schulen

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Prof. Dr. Christian Bayer Direktor des Instituts für Makroökonomik und Ökonometrie an der Universität Bonn
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Es sieht so aus, als würden sich in Bezug auf die Corona-Selbsttests die Fehler wiederholen, die bei der Beschaffung der Impfstoffe gemacht wurden. Es wird zu spät, zu zögerlich und zu sehr mit den unmittelbaren Kosten im Blick geplant und im Vergleich dazu werden die mittelbaren sozialen wie ökonomischen Kosten der Pandemie aus den Augen verloren.

Aber gerade wegen der zögerlichen Impfstoffbestellung und der fehlenden Bereitschaft, durch das Ausloben von Boni die Auslieferung von Impfstoffen zu beschleunigen, kommt einer umfassenden Teststrategie eine besondere Bedeutung zu.

Ziel der Teststrategie

Ziel einer solchen umfassenden Teststrategie muss es sein, Ansteckungen zu vermeiden, indem ein möglichst großer Teil der an COVID19 Erkrankten, die (noch) keine oder schwachen Symptome zeigen, frühzeitig über seine Erkrankung informiert wird. Dadurch werden Infektionsketten wirksam unterbrochen. Schnelltests im Selbsttest sind dazu ein geeignetes Mittel.

Würde sich – hypothetisch – jeder jeden Morgen selbst testen, hätte das Virus nur noch wenig Chancen. Selbst wenn ein solcher Test nur in zwei von drei Fällen einer Infektion anschlüge, bevor jemand infektiös wird, müsste der verbliebene Dritte mehr als drei Personen infizieren, damit das Virus sich überhaupt in der Bevölkerung halten könnte.

Dies macht Corona-Schnelltests als Selbsttests zu einem grundsätzlich potenten Instrument, die Virusausbreitung in solchen Bevölkerungsgruppen einzuhegen, die nicht einfach auf Kontakte verzichten können. Allerdings, und das ist wichtig, funktioniert Testen als Strategie nur dann, wenn Tests wirklich regelmäßig und häufig eingesetzt werden, um so Infizierte zu finden, bevor sie infektiös werden.

Österreich testet schon

Das heißt umgekehrt auch: wirklich praktikabel ist eine derartige Strategie erst dadurch geworden, dass die Tests von jedermann selbst durchgeführt werden können. In unserem Nachbarland Österreich wendet jeder Schüler diese „Nasenbohrtests“ seit einigen Wochen ganz selbstverständlich (unter Aufsicht und Anleitung eines Erwachsenen) an. Ein Beharren aufs „fachmännische“ ist hier der falsche Weg. Hinzu kommt, dass Schnelltests grundsätzlich bereits jetzt in Masse hergestellt werden können.

Damit erlauben sie das Dilemma lösen, vor dem wir insbesondere in Bezug auf die Schulen stehen: Aus sozialen wie langfristig wirtschaftlichen Gründen gilt es, baldmöglichst zum Präsenzbetrieb vollständig zurückzukehren. Doch bereits jetzt sinken die Infektionszahlen nicht mehr, so dass von Seiten des R-Wertes nicht Lockerungen, sondern Verschärfungen angezeigt wären.

Um durch Schnelltests für jedermann das Schuldilemma zu lösen, ist es aber nötig, dass Tests wirklich regelmäßig, am besten alle zwei Tage, und in der Breite eingesetzt werden. In diesem Zusammenhang wäre es naiv (und auch nicht unbedingt solidarisch), darauf zu vertrauen, dass dies durch Eltern auf eigene Kosten in hinreichendem Umfang durch Eigeninitiative geschieht.

Es liegt schlicht nicht unbedingt im Interesse der Eltern ihr Kind montags, mittwochs und freitags vor dem Schulbesuch freiwillig selbst zu testen. Denn der Test schützt ja nicht das eigene Kind; noch mehr als das Tragen einer OP-Maske schützt er vor allem die Kinder der Anderen.

Dem stehen die Kosten des Tests gegenüber. Führte jedes Kind dreimal pro Woche einen Selbsttest durch, kämen auf eine Familie leicht über 100€ pro Kind und Monat zu. Für viele Familien keine leicht zu tragende Summe, die dann auch noch vor allem der Gesundheit anderer dient.

Auch für diejenigen, die sich dies leisten können oder bei starker Subventionierung der Selbsttests, ergibt sich noch ein anderer Grund, der zu gesellschaftlich ineffizienter Testzurückhaltung führt: Die Tests sind bei Weitem nicht so spezifisch, wie PCR-Tests es sind. Einfach ausgedrückt, sie schlagen doch recht häufig falschen Alarm.

Wie häufig das passiert, hängt vom konkreten Test ab, aber selbst gute Tests liegen bei rund einem von fünfhundert Fällen falsch. Derzeit ist aber nur etwa einer von tausend Menschen tatsächlich an Corona erkrankt. Solange die Pandemie also nicht völlig aus dem Ruder läuft, werden die meisten positiven Schnelltests in einer Massentestung also falsch-positiv sein. Da ein falscher Alarm für die Betroffenen mehr als lästig ist, weil sie schnellstens einen PCR-Testtermin zur Abklärung benötigen und das Haus bis dahin nicht verlassen sollten, mindert auch dies die Bereitschaft Selbsttests freiwillig hinreichend oft durchzuführen.

Schnelltest als Pandemiekontrolle

Als Gesellschaft sollte man sich aber bei den Corona-Schnelltests nicht von den Falschpositiven abschrecken lassen, da der folgende PCR-Test den falschen Befund recht sicher ausräumen kann und bei den PCR Tests auch noch hinreichend Kapazität besteht. Wichtig ist in der Gesamtstrategie auch zu verstehen: Der Schnelltest dient, anders als eine Krebsvorsorgeuntersuchung, nicht der individuellen Diagnostik. Der Schnelltest ist hier ein Instrument der Pandemiekontrolle, wie das Tragen einer Maske.

Jetzt könnte man auf die Idee kommen, zu versuchen, die Tests „durch geschultes Personal“ an den Schulen zu erzwingen. Es ist leicht ersichtlich, dass dies bei über 30 Millionen notwendigen Tests pro Woche für die etwas mehr als 10 Millionen Schüler nicht machbar sein wird. Einfach seltener an den Schulen zu testen, wäre der falsche Kompromiss. Auch, wie in Österreich, einen Selbsttest zu Hause zu verlangen, hat seine Anreizschwierigkeiten, wenn ein positiver Test doch meist „nur“ falscher Alarm ist.

Schulen einbinden

Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, unmittelbar bei den Schulen anzusetzen und diese in den Testprozess einzubinden. Dies sollte die lokale Beschaffung der Tests einschließen, denn die zentrale Bürokratie verliert hier wertvolle Zeit. Auch Kopierpapier wird ja nicht zentral in der Hauptstadt für jede Schule angeschafft. Dies kann effizient dadurch gestaltet werden, dass für die Schule mit jedem durchgeführten Test etwas abfällt. Die Schüler wären so motiviert, die Lehrer sowieso. Nach dem Motto: „Nasenbohren für die Klassenkasse“.

Das Modell

Grob skizziert kann dies wie folgt aussehen: Der Bund nimmt sich der Aufgabe die Schüler zu testen an, bittet aber die Schulen um Amtshilfe und ersetzt pauschal die Kosten von durchgeführten Selbsttests und zwar großzügig. So kann man über die Schulleitungen große organisatorische Ressourcen heben, die gleichzeitig jedes Interesse haben, den Schulbetrieb für Schüler und Lehrerkollegen sicher zu gestalten.

Montags, mittwochs und freitags wird von 8:00-8:15 Uhr gemeinsam getestet. Der Unterrichtsausfall ist minimal. Durch den großzügig gewählten pauschalen Ersatz entsteht der gleichgerichtete Anreiz sowohl für jede einzelne Schule mitzumachen und die Mittel für Tests abzurufen, als auch für jeden einzelnen Schüler sich zu testen, denn seine eigene Schule hat ja etwas davon. Gleichzeitig werden aber auch die Mittel sparsam eingesetzt, wenn nicht verausgabter pauschaler Ersatz pro Test für Schulprojekte eingesetzt werden kann: von der Renovierung der mittlerweile sprichwörtlichen Schulklos, über den nötig gewordenen Nachhilfeunterricht nachmittags, bis hin zur zusätzlichen Digitalisierung.

Wie hoch wären die Kosten eines solchen Projektes? Wenn jeder Schule 20€ pro Test zur Verfügung gestellt und 14 Tests pro Schüler und Monat durchgeführt würden, dann wären das ca. 3 Mrd. € im Monat. Keine kleine Summe! Falls aber dadurch die Schulen offenbleiben können, wären die 3 Mrd. € allein deshalb schon gut investiertes Geld. Schaffen die Schulen die Tests für weniger als die angesetzten 20€ zu beschaffen, weil Tests, z.B. über den lokalen Supermarkt, doch billiger erworben werden können, bliebe eine gute Stange Geld für die Investition in unsere Schulen. Auch das wäre sinnvoll.

Man kann aber, weil man über die Schulen ein breites Netzwerk an Kontakten indirekt abtastet, sogar die begründete Hoffnung hegen, weit mehr als nur die Infektionsketten in den Schulen durch eine solche Teststrategie zu brechen. In diesem Falle hätte eine so formulierte umfassende Schulteststrategie sogar einen unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen, der die Kosten der Tests übersteigt.  Sie würde erlauben, auch in anderen Bereichen als der Schule zu lockern, und wäre gegebenenfalls auch außerhalb der Schulen ein Modell.