26.02.2021Innovation

Saubere Energie billig machen

Dieses Foto zeigt den Journalisten Stefan Laurin - ©Roland Waniek
Stefan Laurin Journalist
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Eine Rezension des neuen Buches von Bill Gates „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“.

In seinem neuen Buch „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“, verbindet Bill Gates die Sorge um den Klimawandel mit sozialen- und entwicklungspolitischen Forderungen. Nur Wissenschaft und technischer Fortschritt werden seiner Ansicht nach das Klimaproblem lösen.

Bill Gates könnte ausgefallenen Hobbys wie Raumfahrt frönen, sich um seine Familie kümmern oder sich darauf konzentrieren, sein Vermögen von gut 123 Milliarden Dollar, dass ihn zurzeit zum viertreichsten Menschen der Welt macht, weiter mehren. Aber Gates hat sich gemeinsam mit seiner Frau Melinda für einen anderen Weg entschieden.

Die Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt Gesundheits- und Entwicklungsprojekte in der ganzen Welt, ist im Kampf gegen Corona aktiv und Gates selbst sorgt sich um den Klimawandel und investiert oft mit Verlust in Unternehmen, von denen er glaubt, sie könnten einen technologischen Beitrag zu einer Gesellschaft ohne CO2-Ausstoß liefern. Denn um den Klimawandel aufzuhalten, da ist sich Gates sicher, wird es nicht reichen, den CO2-Ausstoß zu verringern, er muss mindestens in den entwickelten Staaten auf null gesetzt werden, um eine Katastrophe zu verhindern.

Das Ziel von Gates ist nicht ungewöhnlich, die Bundesregierung will erreichen, das Deutschland bis 2050 CO2-neutral wird und der von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen angestoßene Green-New-Deal, der sieht ebenfalls vor, dass „bis 2050 keine Netto-Treibhausgasemissionen mehr freigesetzt werden.“

Doch wenn einer der erfolgreichsten Tech-Unternehmer des 20. Jahrhunderts wie Bill Gates sich der Herausforderung annimmt, klingt das alles schon etwas anders als bei grüninspirierten Politikern. Und wenn der wie Gates auch noch ein international tätiger Philanthrop ist, weitet sich die Beschreibung des Problems ebenso wie die Perspektiven der Lösungsvorschläge.

Der vor allem in Deutschland beliebte Verzichtsethos kommt bei Gates nur am Rande vor. Klar, er isst jetzt auch weniger seiner geliebten Cheeseburger und hat ein Elektroauto und findet es gut, wenn alle öfter zu Fuß gehen, CO2 neutrale Produkte kaufen und Ökostrom beziehen, aber ihm ist auch klar, dass das alles nicht reicht.

Und der Grund dafür ist eine für ihn absolut positive Entwicklung: Immer mehr Menschen werden sich, wie bereits in den vergangenen Jahrzehnten aus der Armut befreien. Sie werden mehr Strom verbrauchen, in besseren Häusern wohnen und sich häufiger das an Konsumgütern leisten können, was für uns normal geworden ist: Computer, Smartphones und Reisen.

„Dieser Fortschritt ist eine gute Sache“, schreibt Gates, und dieses „Mantra“, wie er es selbst nennt, zieht sich durch das ganze Buch. Gates ist kein Wachstumskritiker, er hat bei seiner Arbeit mit der Stiftung genug Elend gesehen und für ihn ist der Klimawandel auch kein politisches Instrument, um pubertätssozialistische Ideen von einem „Systemchange“ auszuleben.

Er will Wachstum, er will, dass es den Menschen in der Zukunft materiell besser geht und er will, dass das möglich wird, ohne CO2 zu verbrauchen. Dass es nicht einfach wird, ist Gates klar. Trotzdem ist er optimistisch, denn er hat selbst erlebt, dass Visionen schnell Wirklichkeit werden können: „…auch Paul Allen und ich hatten in den frühen Tagen von Microsoft ein Ziel formuliert (»ein Computer auf jedem Schreibtisch in jedem Haushalt« nannten wir das damals) und verbrachten die nächste Dekade damit, einen Plan zur Verwirklichung dieses Ziels zu entwerfen und umzusetzen. Die Leute hielten uns für verrückt, angesichts dieses großen Traums, aber diese Aufgabe war gar nichts im Vergleich zu dem, was wir tun müssen, um mit dem Klimawandel fertig zu werden – ein gewaltiges Unterfangen, in das Menschen und Institutionen auf der ganzen Welt eingebunden werden müssen.“

Besonders schwierig ist die Lösung, weil es im Bereich der Industrie kein Gegenstück zum Mooreschen-Gesetz gibt. Der amerikanische Ingenieur Gordon Moore hatte es 1965 formuliert und es gilt bis heute: Die Leistung von Computerprozessoren verdoppelt sich alle 18 bis 24 Monate.

Bei der Leistungsfähigkeit von Solarzellen oder Motoren ist das leider nicht der Fall, wie Gates technisch zutreffend und gut verständlich erklärt: „So hat zum Beispiel die erste Baureihe des »Model T«, die 1908 von Henry Fords Montageband lief, ganze 11,2 Liter auf 100 Kilometer verbraucht. Während ich dies schreibe, verbraucht das beste Hybridfahrzeug auf dem Markt nur noch 4 Liter auf 100 Kilometer. In über einem Jahrhundert wurde der Benzinverbrauch um nicht mal den Faktor 3 gesenkt.

Auch Solarmodule sind nicht eine Million Mal besser geworden. Als in den 1970er-Jahren Solarzellen aus kristallinem Silizium auf den Markt kamen, wandelten sie etwa 15 Prozent des Sonnenlichts, das sie auffingen, in elektrischen Strom um. Heute schaffen sie etwa 25 Prozent. Das ist zwar ein ganz guter Fortschritt, aber wohl kaum das, was das Mooresche Gesetz erwarten ließe.“

Auch bei Batterien geht, die Strom speichern können, ist der Fortschritt eher eine Schnecke und wer glaubt, dass mit Masse alleine auffangen zu können, liegt nach Gates Berechnungen falsch.

Es fehlt der Platz und auch der Stromtransport über weite Strecken ist ein Problem, denn er bedeutet einen massiven Leitungsverlust. Die Umwandlung in Wasserstoff? Teuer, wenig effektiv und dann haben Wasserstoffatome auch noch die unangenehme Eigenschaft, so klein zu sein, dass sie diffundieren: Sie entweichen einfach zu einem Teil durch den Pipelinestahl in die Umgebung.

Gates rechnet damit, dass sich durch den wachsenden Wohlstand und dem Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen den Strombedarf in den kommenden Jahrzehnten weltweit verdreifachen wird. Und dieser Strom muss preiswert sein, damit ihn sich die Menschen leisten können und die Wirtschaft wächst und Gas und Kohle in der Erde bleiben.

Und Strom ist nur eines der Themen, um die es in Gates Buch geht: Landwirtschaft und Industrie sind ebenfalls große CO2-Verursacher. „Um Zement herzustellen, brauchen Sie Kalzium. Um Kalzium zu gewinnen, fangen Sie mit Kalkstein an – der aus Kalzium plus Kohlenstoff und Sauerstoff besteht – und erhitzen ihn zusammen mit einigen anderen Stoffen in einem Ofen. Da bei diesem Prozess Kohlenstoff und Sauerstoff präsent sind, können Sie sich vermutlich schon denken, wie das endet.“ Schreibt Gates und stellt fest: „Es ist kein Verfahren bekannt, mit dem sich Zement ohne diesen Prozess herstellen ließe. Es ist eine chemische Reaktion – Kalkstein plus Hitze ist gleich Calciumoxid plus Kohlenstoffdioxid –, an der kein Weg vorbeiführt.“ Und in Zukunft, wenn immer mehr Menschen endlich aus Hütten in Häuser umziehen, wird mehr gebaut als es heute der Fall ist.

Gates beschreibt Berge an Problemen, die es locker mit dem Karakorum aufnehmen können, so gewaltig und unbezwinglich erscheinen sie. Und auch Gates hat für sie keine Lösungen parat, ist sich aber sicher, den Weg zu kennen, der beschritten werden muss, damit es gelingt kein CO2 mehr auszustoßen und gleichzeitig eine Vermehrung des Wohlstandes zu erreichen, denn beides muss für ihn zusammen gehen: Wissenschaft und Forschung.

Egal ob Kernenergie, Gentechnik, Solarzellen oder Chemie – überall müssen die privaten und staatlichen Forschungsausgaben vervielfacht werden, um Lösungen zu finden. Gates selbst hat mehrere Unternehmen gegründet oder finanziert, die in all diesen Bereich tätig sind.

Gates hält dabei nichts von der Ferne der Grundlagenforschung von der praktischen Anwendung. Alles gehört so früh wie es geht miteinander verzahnt, die Orientierung auf das Ziel steht für ihn im Zentrum: Den CO2-Ausstoß bis 2050 auf null zu senken. Das ginge nur mit Technologieoffenheit: Neue Reaktortypen, effektivere Solarzellen, bessere Leitungen, neue Baustoffe, optimierte Pflanzen, die weniger Dünger brauchen, andere Industrieverfahren bei der Herstellung von Stahl und Zement – das alles, ab jetzt sofort, gleichzeitig, mit höherem finanziellen Aufwand über die kommenden Jahrzehnte.

Das Geld dafür soll von den Finanzmärkten und vom Staat kommen. Zum einen als Zuschüsse zur Forschung, zum anderen in dem Staaten und Städte als Käufer auftreten und so helfen, einen Markt für Elektrobusse, Ökostrom und neue Baustoffe zu schaffen. Dazu kommt der Klimabekämpfungsklassiker aller Ökonomen, die CO2-Abgabe. Alles ein großer Aufwand? Ja, ein sehr großer Aufwand. Für Gates gibt es jedoch keine andere Chance, eine Katastrophe zu verhindern.