Das West-Ost-Gefälle bei Arbeitsbedingungen und Einkommen bleibt Realität. Eine Vorstellung einer Studie

Als es 1989 zum Fall der Berliner Mauer kam, wurde der Weg für die Deutsche Einheit bereitet, doch der Zusammenschluss beider Landesteile in eine gemeinsame und gerechte Arbeits- und Lohnstruktur sowie die umfassende Angleichung der Arbeitsbedingungen sind bis heute nicht abgeschlossen: Trotz positiver Entwicklungstendenzen hinsichtlich Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskraft – auch mehr als 30 Jahre später steht Ostdeutschland bei Einkommen, Vermögen und Renten schlechter als Westdeutschland da. Dieser gut dokumentierte Abstand wird in aktuellen Diskussionen immer wieder als eine der realen Grundlagen für subjektive „Benachteiligungsgefühle“ ostdeutscher Bürger*innen angeführt.

Objektive Ungleichheiten und ihre subjektive Wahrnehmung

In einer qualitativen Studie für die Otto Brenner Stiftung („Alleine ist man zerbrechlich“) haben wir die subjektiven Sichtweisen der Arbeitnehmer*innen auf diese Ungleichheiten und damit verbundene Benachteiligungsgefühle unter die Lupe genommen. Dabei ging es nicht nur um eine Bestandsaufnahme zur Wahrnehmung des Ist-Zustandes, sondern auch um Überzeugungen, Erwartungen und Hoffnungen von Arbeitnehmer*innen, wie diese Ungleichheiten über den Status Quo hinaus eigentlich überwunden werden können. In diesem Kontext wurde die wahrgenommene Rolle von Gewerkschaften und Betriebsräten als Interessensvertreter*innen der Arbeitnehmer*innen elaboriert, aber auch eine mögliche Staatsorientierung, bei der Arbeitnehmer*innen Veränderungen vor allem von staatlicher Seite erwarten.

Dazu haben wir in Ost- und Westdeutschland jeweils drei Fokusgruppen durchgeführt. Die Gruppenvergleiche zeigen, dass die Sichtweisen von Arbeitnehmer*innen sich nicht nur zwischen Ost und West unterscheiden, auch das Alter und ob man gewerkschaftlich organisiert ist, machen einen Unterschied.

Der Status Quo – Gespaltene Wahrnehmung des Ost-West-Gefälles

Die Sichtweisen auf objektiv existente Ungleichheiten bei Löhnen und Arbeitsbedingungen zwischen Ost- und Westdeutschland erweisen sich als stark abhängig vom eigenen Erfahrungsschatz. Ostdeutsche erleben geringere Löhne und schlechtere Arbeitsbedingungen unmittelbar selbst oder im eigenen Lebensumfeld. Besonders ältere Ostdeutsche üben deutliche Kritik an Ost-West-Unterschieden und fühlen sich benachteiligt. Jüngere Ostdeutschen nehmen diese Unterschiede zwar wahr, aber ihre Kritik an Ost-West-Unterschieden fällt im Verhältnis geringer aus – auch weil sie Löhne und Arbeitsbedingungen allgemein seltener als ungerecht wahrnehmen.

Westdeutsche hingegen haben häufig keinen direkten Bezug zur ostdeutschen Arbeitswirklichkeit und nehmen eine Benachteiligung ostdeutscher Arbeitnehmer*innen meist nicht wahr. In der Gruppe der westdeutschen Gewerkschaftsmitglieder werden Ost-West-Unterschiede bei Löhnen und Arbeitsbedingungen zwar gesehen, aber nicht als legitimer Grund für Benachteiligungsgefühle akzeptiert, denn die Verantwortung für diese Differenzen schreiben sie den ostdeutschen Bürger*innen hauptsächlich selbst zu. Die fehlende soziale Einheit, sie betrifft also nicht nur objektive Unterschiede bei Löhnen und Arbeitsbedingungen. Auch die Wahrnehmung und Bewertung dieser Unterschiede spaltet das Land noch in Ost und West.

Der Blick nach vorn – zwischen autonomer Gestaltungsmacht und Staatsorientierung

Die Frage, wie aus der Perspektive der Arbeitnehmer*innen eine Überwindung oder zumindest Angleichung des Ost-West-Gefälles erfolgen kann, ist mit grundsätzlicheren Fragen verbunden. Ganz generell: Wie können Arbeitnehmer*inneninteressen überhaupt durchgesetzt werden? Wer kann und wer sollte für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen, sorgen? Jede*r eigenverantwortlich, kollektiv durch Gewerkschaften und Betriebsräte oder wird hier vor allem der Staat in der Verantwortung gesehen?

Im Vergleich der Gruppen unterscheiden sich die älteren Ostdeutschen am stärksten von allen anderen. Ihre Selbstwirksamkeitsüberzeugung ist die geringste. Sie haben – gestützt auf die Erfahrungen ihres Erwerbslebens – kaum das Gefühl, an ihren Arbeitsbedingungen und Löhnen selbst etwas ändern zu können. Gewerkschaften und Betriebsräte nehmen sie zumeist nicht als durchsetzungsstarke Akteur*innen für ihre Interessen wahr. Am ehesten erwarten Sie vom Staat, dass er sich um bessere Löhne und Arbeitsbedingungen sowie um die Verringerung des Ost-West-Gefälle kümmert, haben aber gleichzeitig nur geringes Vertrauen in die Politik. Faktisch sehen sie damit gar keine Veränderungsmöglichkeit mehr. Bedenkt man, dass diese Gruppe sich am stärksten benachteiligt fühlt, wird das nur schwer aufzulösende, sich eher noch zuspitzende Dilemma offenkundig: Ihre Frustration und ihr Benachteiligungsgefühl drohen sich ohne Handlungsmacht noch zu verstärken, was das Vertrauen in Politik und politische Akteure weiter beschädigt.

Ältere Westdeutsche verfügen über ein gewisses Maß an Selbstwirksamkeitsüberzeugung, Gewerkschaften und Betriebsräte als Vehikel zur Durchsetzung eigener Interessen sind in ihrem Bewusstsein verankert. Zugleich haben sie aber den Eindruck, dass diesen Möglichkeiten autonomer Gestaltungsmacht spürbare Grenzen gesetzt sind. Daher erwarten sie vom Staat Rahmenbedingungen, die ihnen helfen, eigene Interessen durchzusetzen, ohne dass staatliches Handeln zu stark ins Arbeitsmarktgeschehen eingreift.

Die jüngeren Arbeitnehmer*innen in Ost- und Westdeutschland sind sich sehr ähnlich. Beiden Gruppen ist die Betonung von Eigenverantwortlichkeit gemein und sie sind überzeugt, ihre eigenen Interessen selbstständig durchsetzen zu können. Die Möglichkeit, Interessen mit Betriebsräten und Gewerkschaften zur Durchsetzung zu verhelfen, ist bei ihnen weniger verankert.

Gewerkschaftsmitglieder in West und Ost teilen diese Selbstwirksamkeitsüberzeugung der Jüngeren insofern, als dass sie nicht davon ausgehen, Arbeitnehmer*innen könnten selbst nichts ausrichten. Gewerkschaftsmitglieder glauben aber nicht, dass sich Arbeitnehmer*innen als Einzelkämpfer*innen durchsetzen können, sondern nur durch Organisation in Gewerkschaften und Betriebsräten. Eine Staatsorientierung lässt sich bei den Gewerkschaftsmitgliedern in West- und Ostdeutschland ebenfalls nicht erkennen. Im Gegenteil: Sie argumentieren, Betriebsräte und Gewerkschaften könnten Arbeitnehmer*inneninteressen weit besser vertreten und gewährleisten als staatliche Akteur*innen, da erstere als realitätsnäher wahrgenommen werden und der Staat schließlich auch Arbeitgeber*inneninteressen berücksichtigen müsse.

Chancen und Herausforderungen

Die Ergebnisse zeigen damit Herausforderung und Chancen zugleich. Die Herausforderung für Gewerkschaften besteht darin, das vorhandene positive Gewerkschaftsbild von bislang nicht Organisierten als Anknüpfungspunkt zu nutzen, um von der eigenen Durchsetzungsstärke zu überzeugen und vor allem die persönliche Relevanz von Gewerkschaften unter Beweis zu stellen.

Die Selbstwirksamkeitsüberzeugung und der Glaube an die autonome Gestaltungsmacht bei Gewerkschaftsmitgliedern in Ost- und Westdeutschland ist gerade durch die gemeinschaftliche Organisation hoch. Für die Gewerkschaften zeigt sich hier die Chance, Arbeitnehmer*innen zu autonomer Gestaltungsmacht zu verhelfen.

Analysen von Kiess und Schmidt in der aktuellen Leipziger Autoritarismus-Studie haben erst kürzlich gezeigt, dass Partizipationserfahrungen und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen in der Arbeitswelt ein „wichtiger protektiver Faktor für demokratische Orientierungen“ sind. Die Stärkung der autonomen Gestaltungsmacht von Arbeitnehmer*innen hätte also nicht nur einen positiven Effekt für die soziale Einheit, die mit neuem Elan angegangen werden muss. Sie stärkt und festigt letztlich auch die demokratischen Überzeugungen.

 

Lesen Sie hier die Texte der bislang im „Blog politische Ökonomie“ erschienenen Gewerkschaftler:

Michael Wendl

Reiner Hoffmann

Wolfgang Lemb

Michael Vassiliadis

Frank Werneke