17.04.2021Klimawende

„Wir sollten Experten zuhören, die keine Patentrezepte predigen“

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Axel Bojanowski, Wissenschaftsjournalist bei der „Welt“, im Klima-Interview

 

Blog politische Ökonomie: Was wissen wir eigentlich über den Klimawandel? Ich habe oft den Eindruck, wir wissen weniger als Aktivisten behaupten und in Studien berechnen lassen.

Axel Bojanowski: Kurz gesagt: Die Wissenschaft hat robust belegt, dass menschengemachte Treibhausgase eine globale Erwärmung verursachen, die riskante Folgen zeitigt. Meeresspiegelanstieg, mehr Hitze, Gletscherschmelze sind eindeutig, viele andere mögliche Folgen sind unklar. Die Unsicherheiten der Erkenntnisse verlangen zweierlei: Einerseits zwingen sie dazu, Berichte über angebliche Folgen der Erwärmung mit Vorsicht zu rezipieren. Andererseits verlangen sie danach, das Experiment mit dem Klima am liebsten schnell stoppen zu wollen.

Wie viel mehr Grad können wir zunächst hinnehmen. Sind die 1.5 Grad der Goldstandard oder ist das ein selbstgesetztes politisches Ziel der Grünen und Fridays for Future?

Die 1,5 Grad sind erstens nicht zu schaffen, gut 1 Grad Erwärmung sind ja bereits eingetreten. Und zweitens sind die 1,5 Grad eine künstliche Grenze, also keine naturwissenschaftlich begründete Schwelle. Die 1,5-Grad-Grenze wurde auf der Klimakonferenz in Paris 2015 ziemlich spontan zum globalen Klimaziel. Vorteil: Die Grenze zwingt dazu, den Klimawandel strikt anzugehen. Nachteil: Sie suggeriert fälschlicherweise, die Welt stünde unmittelbar vor einer Art Klimakollaps.

Wie effektiv wäre es, massiv deutschen Wald neu anzupflanzen? Oder sollen wir Brasilien und Mittelafrika helfen, um Wald aufzuforsten?

Jeder Baum hilft dem Klimaschutz ein winziges bisschen, aber man kann nicht genügend Bäume pflanzen, um die globale Erwärmung zu stoppen, schon gar nicht allein in Deutschland. Übrigens ist nicht gesichert, ob all diesen Baumpflanz-Initiativen vertraut werden kann, für die Spenden gesammelt werden, wie gerade eine Recherche gezeigt hat.

Der Verlust Tropischer Regenwälder sollte aber auch abgesehen vom Klima weltweit großes Thema sein, er darf auf keinen Fall hingenommen werden. Europa hat indes schlechte Karten, wenn es Brasilien verbieten wollte, seinen Wald abzuholzen, schließlich hat Europa seinen Urwald bereits vor Jahrhunderten abgeholzt, damit gar seinen Wohlstand begründet.

Wie viele Starkwetter-Ereignisse müssen wir als unvermeidbar hinnehmen?

Extremwetter kann jederzeit und überall auftreten, schon immer. Glücklicherweise ist Extremwetter weitaus weniger tödlich als früher, trotz Klimawandel – bei Wetterkatastrophen sterben weitaus weniger Menschen noch vor Jahrzehnten. Die Menschheit hat gelernt, sich zu schützen. Der Schutz vor der Natur gelingt allerdings nur mit Wohlstand, arme Länder sind der Natur und dem Klimawandel ausgeliefert. Wohlstand ist der Schlüssel, gerade falls Extremwetter im Gefolge des Klimawandels gefährlicher würde.

Zurzeit habe ich das Gefühl, dass die Klimadebatte so läuft: Es wird nur über Ziele und Absichten geredet. Sozusagen Prosa gesprochen und zusätzlich auch harte Regulatorik implementiert (EU-CO2-Reduktionsziele). Aber wir schaffen es quasi null über Instrumente und Wege zu sprechen. Wir machen uns also auf die Reise, haben aber kein Fortbewegungsmittel. Wie konnte das passieren?

Medial anschlussfähig ist vor allem Katastrophenkommunikation in Verbindung mit der Verfechtung simpel klingender Pauschallösungen. Dominierende Figur ist der Wissenschaftler, der den Weltuntergang prophezeit, aber gleichzeitig den Plan zur Verhinderung der Katastrophe paratzuhalten behauptet, stillschweigend verbunden mit dem Versprechen, die Orientierung an seiner Person könne einen Ausweg garantieren. Wer Alarm mit schlichten Heilsmitteln kombiniert, dringt durch und wird zum Heilslehrer. Dabei ist das Klimaproblem komplex wie kaum etwas anderes. Einfache Thesen und Versprechungen sind gerade bei diesem Thema vollkommen irreführend.

Ich würde noch mal nachhaken. In Deutschland malt man Plakate und ist klimapolitisch emotional überengagiert. Aber wie die Industrie sich eigentlich dekarbonisieren soll, dazu gibt die Politik dieser Industrie nichts an die Hand. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegt eine ganze Galaxie hierzulande und niemand redet darüber. Ich kriege das nicht zusammen. Das ist einfach eine bipolare Störung. Hochmoralisch auf der einen Seite und dann folgt daraus nichts und man ist dann nachher wieder tief niedergeschlagen.
 
Politik und Wissenschaft diskutieren und präsentieren ja seit mindestens 25 Jahren Rezepte, wie eine Dekarbonisierung gelingen könnte. Und mit dem Emissionshandel gibt es ja auch eine bestechende marktwirtschaftliche Lösung. In Deutschland aber ist die Moralisierung von Umweltthemen kulturell und historisch tief verankert, was rationale Lösungsfindungen erheblich erschwert. Deutsche Sonderwege wie bußlüsterne, obrigkeitssehnsüchtige Reglementierungsbestrebungen oder der klimaschädliche und irrationale Atomausstieg machen die Klimadebatte hierzulande zum Kulturkampf.

Gefragt wären eigentlich nüchterne ökonomische Lösungen der Energiefrage, die das Wohlergehen der Menschen voraussetzen. Übertrieben erscheinen mir aus klimatologischer Sicht zum Beispiel Verzichtsdebatten über Ernährung und andere Alltagsgewohnheiten in Deutschland. Selbst wenn alle Deutschen Vegetarier würden, veränderte das die globale Temperatur nicht messbar. Tierschutz hingegen kann selbstverständlich als sehr guter Grund gelten, Ernährungsgewohnheiten umzustellen.

Was halten Sie von der ganzen Verzichts- und Degrowth-Debatte? Müssen wir für das Klima verzichten?

Ich bin kein Ökonom, und sofern manche Ökonomen Degrowth erwägen, würde ich ihnen immer erstmal zuhören wollen, bevor ich ein Urteil wagte. Weltweite Daten indes zeigen eines sehr deutlich: Wirtschaftswachstum hat nicht nur Lebenserwartung, Bildung und Gesundheit weltweit radikal verbessert, sondern auch ganz erheblich die Resilienz gegen Naturgefahren. Auch Umweltschutz müssen sich Staaten leisten können. Arme Länder brauchen vor allem billige Energie, um zu wachsen und ihre Leute aus der Armut holen zu können.

Mal konkret: Alle wissen, wenn Stahl klimaneutral werden soll, müssen wir es über Wasserstoff machen. Die Stahlindustrie wird aber keinen Euro investieren, bevor es nicht Abnahmegarantien für den zuerst teuren grünen Stahl gibt. Das machen wir zurzeit nicht. Die Grünen reden auch nicht darüber. Wo sehen sie noch Beispiele, wo wir dringend Lösungen brauchen und sie bislang nicht kommen?

Auch bei der Produktion von Zement und Dünger, weiteren Fundamenten unserer Zivilisation, entsteht zwangsläufig CO2. Und der Bedarf an Baumaterial und Dünger steigt. Allein bei der Produktion von Zement und Stahl entsteht mehr als ein Viertel der weltweiten CO2-Emissionen. Es wird wohl nicht anders gehen, als CO2 abzufangen und unterirdisch zu speichern, auch wenn Umweltverbände solche Verfahren als „gefährliche Technik-Lösungen“ brandmarken.

Wie schaffen wir grünes Wachstum? Und welche Technologien sollten wir aus ihrer Sicht stärker fördern und welche weniger?

Ich bin Journalist, ich eigne mich nicht als Ratgeber. Ich versuche zu beschreiben, was der Fall ist, das ist schon schwierig genug. Wir sollten Experten zuhören, die keine Patentrezepte predigen, sie können am ehesten Orientierung bieten in Fachfragen.

Wir bedanken uns herzlich

 

Dieses Interview hat Dr. Nils Heisterhagen geführt

 

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