Neulich in einer Videokonferenz. Ein Politiker spricht über die Lage. Atemlos, er wirkt getrieben. Deutschland 2021. Krisenmodus. Schon vor Monaten sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel von der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, und damit hat sie wohl recht. Viele bangen um ihre Existenz, um gute Zukunftsaussichten, im schlimmsten Fall um Leben und Gesundheit.

Deshalb war es gut, dass die Politik schnell gehandelt hat. Und Gutes auf den Weg kam. Relativ schnell, relativ unbürokratisch – vom Kurzarbeitergeld über die Liquiditätshilfen bis hin zu Konjunkturpaketen.

Post-Corona: Über den Tellerrand schauen

Gutes Krisenmanagement war wichtig und bleibt wichtig. Zugleich müssen wir als Gesellschaft jetzt die Kraft sammeln, um nach der Pandemie neu zu starten. Ein Zurück ins Vor-Corona-Zeitalter gibt es nicht. Für die Chemie– und Pharmaindustrie bedeutet die Post-Corona-Zeit eine gewaltige Chance zu einer neuen Selbstverortung. Mit Mut und Demut. Schon während der Krise haben ihre rund 500.000 Beschäftigten in Deutschland mehr denn je mit der Motivation gearbeitet, einen großen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Mit der Notfall-Plattform für Desinfektionsmittel konnte ein evidenter Mangel schnell behoben werden. Viele weitere Hilfsgüter wurden nachgefragt: Schnelltests, Schutzwände, Schutzkleidung. Gebraucht zu werden, hat unserer Branche neues Selbstvertrauen gegeben. „Chemie hilft“: in diesem Bewusstsein lässt sich besser arbeiten als unter permanentem Rechtfertigungsdruck.

Jetzt gerade kommt es wieder auf uns an. Chemie und Pharma müssen liefern: Die in Deutschland entwickelten und produzierten Impfstoffe gegen das Virus sind eine wichtige Leistung unserer Branche. Wir alle können dadurch auf ein sicheres Ankommen im „new normal“ der Post-Corona-Welt hoffen. Mit wegweisenden Innovationen könnten wir an leider längst vergangene Zeiten anknüpfen. Lange war Deutschland als „Apotheke der Welt“ weltweit hochangesehen und konkurrenzlos. Andere Standorte haben uns in den letzten Jahrzehnten diesen Rang abgelaufen.

Hier können, hier müssen wir uns neu positionieren, um mit hochmodernen, wirksamen und breit verfügbaren Arzneimitteln die akute Lage zu lindern. Nicht nur für Deutschland, sondern weltweit, denn Corona macht nicht vor Ländergrenzen halt.

Eine neue Zauberformel steckt hinter diesen vier Buchstaben: mRNA. Die neue Technologie wirkt nicht nur gegen das Covid-19-Virus. Sie steht für einen grundlegenden Umbruch in der Medizin, da sie zur zielgenauen Behandlung vieler Krankheiten eingesetzt werden kann, wie etwa in der Krebs- und Alzheimertherapie. Eine neue Chance auch für Evonik: Mit der Drug-Delivery-Technologie leisten wir einen wesentlichen Beitrag dazu, die Covid-Impfungen zu ermöglichen. Unsere Lipide und Lipid-Nanopartikel werden in den mRNA-Produkten gebraucht, und wir haben an unseren Standorten Hanau und Dossenheim kurzfristig in neue Produktionskapazitäten investiert. Evonik leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Liefersicherheit des Pfizer-BioNTech Impfstoffs.

Viele sagen, die Pandemie sei ein Verstärker. In der Chemie würden wir vielleicht vom Katalysator sprechen. Katalysatoren beschleunigen, verändern Reaktionen. Die Corona-Nothilfen und Konjunkturprogramme sind wichtig, doch sie können und dürfen andere grundlegende politische Entscheidungen in Berlin und Brüssel nicht ersetzen: Wir sind mitten in der riesigen Aufgabe, einen nachhaltig wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Fortschritt für unser Land, für Europa und für die Welt zu erreichen. Auf die Chemiebranche kommt es besonders an, denn mit ihren Produkten und Innovationen ermöglicht sie grünen Strom, moderne Werkstoffe, wirksame Medizinprodukte, gesunde Ernährung.

Drei Ebenen

Für ein langfristig orientiertes Transformationsprogramm sind umfassende Maßnahmen notwendig. Auf drei Ebenen gleichzeitig: national, europäisch, geopolitisch.

National wird eine neue Bundesregierung mehr Innovationen und Investitionen schneller möglich machen müssen. Sei es für die Resilienz unseres Gesundheitswesens in Krisenfällen, für den Durchbruch der zirkulären Wirtschaft, für mehr Klimaschutz oder den Erhalt der Biodiversität in einer modernen Landwirtschaft. Und der Staat muss mehr tun für eine leistungsfähige Infrastruktur – das gilt für Wasserwege, das gilt für Straße und Schiene und insbesondere für gute digitale Infrastrukturen. Sie schaffen die Basis für Geschäftsmodelle, für Kooperationen, für moderne Zusammenarbeit. Aber Bits und Bytes sind zunächst kein Wert an sich. Wirtschaft ist und bleibt nicht nur digital.

„Digital and industrial“: Das wäre eine gute Ergänzung zum SPD-Wahlkampf-Akkord „Sozial, digital, klimaneutral“ – und würde an frühere sozialdemokratische Ären anknüpfen. Denn Industrie macht „klimaneutral“ erst möglich: Dafür müssen Technologien wie die klimaneutrale Wasserstofferzeugung, das chemische Recycling und neue Methoden der Biotechnologie anerkannt und gefördert werden. Wir brauchen innovationsfreundlichere Rahmenbedingungen, um den Standort Deutschland für uns alle zu stärken. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt sollten Wirtschaft und Staat mittel- bis langfristig 3,5 Prozent in Forschung und Entwicklung investieren. Die Forschungsförderung muss ausgebaut werden.

Günstige, erneuerbare Energie ist für den ökonomischen Aufbruch Deutschlands genauso wichtig wie für die gelingende Transformation der gesamten Industrie. Das ist eine wahre Herkulesaufgabe – besonders für energieintensive Industriezweige wie die Chemie. Ja, wir wollen bis 2050 CO2-neutral produzieren. Doch um dieses Klimaschutzziel zu erreichen und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes zu erhalten, sind enorme Mengen an günstigem grünem Strom nötig. Nicht zuletzt auch für den Stoff, aus dem zurzeit viele Träume sind, den grünen Wasserstoff.

Deshalb: Nichts dient dem Klimaschutz mehr als ein günstiger Grünstrompreis. Sowohl das aktuelle Umlagen- und Abgabensystem in Deutschland als auch der derzeitige EU-Beihilfenrahmen sind ungeeignet, um eine solche Transformation herbeizuführen. Die Umlagen müssen runter, das EEG gehört abgeschafft, die Förderung des Ausbaus erneuerbarer Energien muss nach marktwirtschaftlichen Kriterien gestaltet werden.

Was ist auf europäischer Ebene zu tun? Mit dem Green Deal hat die EU-Kommission eine anspruchsvolle Reformagenda zum ökologischen Umbau Europas vorgelegt. Doch dieser Idee fehlt es an Balance. Aus dem Green Deal muss ein echter „Sustainable Deal“ werden. Nachhaltigkeit ist dabei weit mehr als Ökologie. Es muss darum gehen, nicht nur den Umweltschutz voranzubringen, sondern im notwendigen Dreiklang den Blick auf wirtschaftliches Wachstum und soziale Sicherheit zu legen.

Fehlsteuerungen gilt es zu verhindern: Die EU plant im Green Deal, europäische Unternehmen bei steigenden Klimaschutzkosten wettbewerbsfähig zu halten, indem sie zum Beispiel Importe mit Klimaabgaben belegt. Das mit der Klimapolitik der EU verbundene Risiko einer Produktionsverlagerung (Carbon Leakage) macht einen Ausgleich für die höheren Kosten in Europa nötig. Aber einfache „Klimazölle“ (Carbon Border Tax) für Importe von CO2-intensiven Grundstoffen lehnen wir ab.

Die exportstarke deutsche Chemie verlöre dann an Wettbewerbsfähigkeit – auch in nachgelagerten Wertschöpfungsstufen. Klimazölle werden zudem auf erhebliche Gegenwehr unserer Handelspartner stoßen. Besser ist es, Klimaschutzgrenzen abzubauen. So kann die EU auf einen globalen Preis für CO2 hinwirken. Dann hätten Standorte in Deutschland und der EU keine Wettbewerbsnachteile mehr, wenn sie klimaschonende Produktionsverfahren entwickeln. Engere internationale Zusammenarbeit bringt dem Klimaschutz mehr als ein Europa, das sich abschottet.

Geopolitisch muss dafür Sorge getragen werden, dass Exporte und Importe als wichtige Elemente einer globalen Wirtschaft funktionieren. Handelspolitik darf keine Waffe der EU werden. Abschottung führt ins geopolitische Abseits. Die zunehmend polarisierte Weltlage macht für die EU neue strategische Allianzen notwendig – mit Nordamerika, aber auch in Südamerika oder Afrika. Die Handelsabkommen der EU mit den ASEAN-Staaten, Australien und Neuseeland sollten mit Hochdruck weiterverfolgt werden. So wäre es folgerichtig, rasch mit der neuen Biden-Administration einen Rahmen für Gespräche über transatlantischen Freihandel zu sondieren. Dabei sollte Pragmatismus vorherrschen: Es muss kein allumfassendes „TTIP 2.0“ sein. Aber Gespräche zwischen der EU und den USA über ein Freihandelsabkommen für Industriegüter sind im besten beiderseitigen Interesse. Vielleicht geht ja noch mehr – in vielen Bereichen braucht die Globalisierung amerikanisch-europäischen Gestaltungswillen.

Verantwortung beweisen

Auf die Chemie kommt es an, wenn Deutschland und Europa bis 2050 klimaneutral produzieren sollen. Nicht nur, aber auch. Unsere Forscherinnen und Forscher suchen Lösungen, wir arbeiten an Antworten und produzieren für die Märkte von morgen und auf diese Leistungen sind wir mit Recht stolz. Aber wir müssen uns – gerade in diesen turbulenten, unsicheren Zeiten– auch dem Diskurs, der Kritik stellen. Was dabei für die Chemiebranche der beste Weg wäre, haben wir vom Kölner Rheingold-Institut im vergangenen Jahr in einer tiefenpsychologischen Studie untersuchen lassen. Wir haben unser Wirken und unsere Kommunikation auf den Prüfstand gestellt.

Die Ergebnisse machen Mut und geben Zuversicht: Pharma und Chemie dienen der Gesellschaft und ihren Zielen. Sie brauchen nicht künstlich aufzutrumpfen, sondern sollten schlicht sachlich-souverän zeigen, wofür ihre Produkte nützlich sind. Der Schlüssel ist: Verantwortung zeigen, Verantwortung übernehmen. Genau das wollen wir und genau das machen wir. Das gilt für Krisen wie Corona genauso wie bei der Bewältigung des Klimawandels. Auf die Chemie kommt es an!

 

Lesen Sie hier auch den gestrigen Beitrag von Han Steutel, Präsident des VfA, zur Lage und Bedeutung der Pharma-Industrie. Siehe Link hier