Worauf es beim nachhaltigen Umbau der Energiewirtschaft ankommt

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Der CEO der RWE AG über die Frage, wie Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit zusammenpassen können

Seit über einem Jahr dominiert die Corona-Pandemie unser Leben – und damit auch die politische Debatte im Land. Dem Schutz der Gesundheit ist derzeit zu Recht das Allermeiste untergeordnet. Das wird, bis die Impfungen in großer Menge zur Verfügung stehen, absehbar so bleiben. Der Klimaschutz ist damit etwas aus dem medialen Fokus gerückt. Er gehört aber weiterhin zu den zentralen Herausforderungen unserer Zeit. Klimaneutralität ist das große Ziel.

Spätestens 2050 soll es branchenübergreifend soweit sein. Dafür wird sich die Industrie fundamental verändern. Der Transformationsprozess hat bereits begonnen. Und die Energiewirtschaft ist dabei sehr erfolgreich. Als einziger Sektor hat sie die CO2-Minderungsziele für den Zeitraum von 1990 bis 2020 deutlich übererfüllt. Das war sehr herausfordernd, aber wir haben es geschafft.

Überhaupt lohnt sich ein kurzer Blick auf das Erreichte. Heute decken Erneuerbare Energien bereits rund die Hälfte des deutschen Stromverbrauchs. Das hätten vor 20 oder 30 Jahren nur wenige für möglich gehalten – wenn überhaupt. Ich gehörte jedenfalls nicht dazu. Den Anspruch, im Jahr 2021 zu wissen, was 2050 konkret sein wird, habe ich daher nicht. Eine solche Prognose gleicht dem Blick in die berühmte Glaskugel. Als Ingenieur ist das nicht mein Ding.

Was sich aber klar sagen lässt: Der Kurs, den die Energiewirtschaft im Einvernehmen mit Politik und Gesellschaft eingeschlagen hat, stimmt. Dazu gehört auch die Zielverschärfung der Europäischen Union, die vorsieht, den CO2-Ausstoß bis 2030 im Vergleich zu 1990 um 55 % zu reduzieren. Ich halte das für richtig. Der Klimawandel erfordert von uns dieses hohe Tempo. Und durch die finanziellen Mittel für den Green Deal sowie die Corona-Hilfen, die direkt in nachhaltige Projekte fließen sollen, gibt es nun die große Chance, die klimafreundlichen Technologien schneller aufbauen zu können als bisher angenommen.

Strom ist die wichtigste Innovations- und Modernisierungsenergie unserer Zeit. Um so viel sauberen und bezahlbaren Strom wie möglich einsetzen zu können, braucht es in den kommenden Jahren einen zusätzlichen massiven Ausbau von Windkraft- und Solaranlagen sowie Speichern.

Erneuerbare Energien weltweit auf dem Vormarsch

Weltweit ist der Trend für den Ausbau Erneuerbarer Energien seit Jahren ungebrochen.

2020 wurden global über 300 Milliarden US-Dollar investiert. Zählt man die Investitionen in Energiespeicher, Elektromobilität und klimafreundliche Wärmeerzeugung hinzu, kommen, zum ersten Mal überhaupt, mehr als 500 Milliarden US-Dollar zusammen.

Der Boom, vor allem bei Windkraft und Solar, verwundert nicht. Wo die Bedingungen stimmen, hängen die Erneuerbaren ihre fossilen Konkurrenten im Wettbewerb um kostengünstige Stromerzeugung heute schon vielerorts ab. Über die vergangenen 10 Jahre sind die globalen Durchschnittskosten für Photovoltaikanlagen um 83 % gefallen, bei Onshore- und Offshore-Windenergie um 49 bzw. 51 %. Das liegt zum einen an den immer größeren und effizienteren Anlagen. Windkraft- und Solarparks lassen sich längst in industriellen Maßstäben bauen und betreiben. Zum anderen haben viele Staaten die wirtschaftlichen Chancen erkannt, die mit dem Ausbau klimafreundlicher Stromerzeugungskapazitäten einhergehen und entsprechende Regulierungsinstrumente etabliert um Investitionen anzureizen.

Ein gutes Beispiel ist Großbritannien. Bis 2030 sollen rechnerisch alle britischen Haushalte mit Strom aus Offshore-Windkraftanlagen versorgt werden. Dafür hat die Regierung ein umfangreiches Konjunkturprogramm aufgesetzt. Für Investoren attraktiv ist zudem das britische Marktdesign. Mit den sogenannten Differenzverträgen (CfDs) setzt das Land auf einen erfolgreichen Finanzierungsmechanismus, der einerseits den Ausbau konsequent und planbar voranbringt und anderseits die Strompreise stabil hält.

Deutschland braucht wieder attraktive Rahmenbedingungen

In Deutschland wird ebenfalls weiter in Erneuerbare Energien investiert. 2020 waren es knapp sechs Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die Investitionen in Großbritannien lagen mit über 13 Milliarden Euro mehr als doppelt so hoch. Auch in Ländern wie den Niederlanden oder in Spanien wurde vergangenes Jahr jeweils mehr Geld in den Ausbau von Erneuerbaren Energien gesteckt als in Deutschland.

Damit unser Land nicht den Anschluss verliert, ist eine deutlich wettbewerbsfähigere Ausrichtung unseres Förderregimes notwendig. Markt und Kapital sind international, und viele Länder bieten Unternehmen ausgezeichnete Rahmenbedingungen, die dem deutschen Marktdesign inzwischen überlegen sind.

Zugegeben: Im vergangenen Jahr hat sich die Ausgangssituation wieder etwas verbessert. Die Politik hat das Erneuerbare-Energien-Gesetz reformiert. Das war notwendig und richtig. Jetzt darf Deutschland aber nicht nachlassen. Die Konkurrenz um Investitionen in Erneuerbare Energien bleibt weiterhin enorm.

Gut, dass weitere Reformen geplant sind

Da ist es ermutigend, dass die Bundesregierung noch in dieser Legislaturperiode weitere Bereiche neu regeln will. Dazu gehört vor allem die Erhöhung des Ausbaupfads von Erneuerbaren Energien. Die schrittweise Absenkung der EEG-Umlage hat sich die Koalition ebenfalls noch auf die Fahnen geschrieben. Ich kann die Politik hier nur ermutigen, dies bald umzusetzen.

Darüber hinaus braucht es eine umfassende Weiterentwicklung des Regulierungsrahmens, um den Ausbau der Erneuerbaren verlässlich, kostengünstig und marktwirtschaftlich organisieren zu können. Dazu sollte das Thema der zweiseitigen Differenzverträge wieder auf den Tisch. Sie sind das beste Instrument, um die Erneuerbaren effizient abzusichern. Das gilt insbesondere bei kapitalintensiven Technologien, wie Offshore-Windkraft. CfDs sind außerhalb Deutschlands inzwischen europäischer Standard.

Auch über den Zubau von Erneuerbaren Energien hinaus sollte Deutschland für Investitionen attraktiver werden. Ich denke zum Beispiel an gemeinsame Ausschreibungen von grünem Strom, Elektrolyseuren und der Umstellung von industriellen Produktionsprozessen. Das könnte man dann über Carbon Contracts for Differences finanzieren. Das Resultat wäre eine intelligente und marktorientierte Sektorkopplung, die einer grüner werdenden Industrie zugutekäme und auf die neuen Herausforderungen zugeschnitten wäre.

Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft organisieren

Dabei geht es um nicht weniger als die Frage, ob die Industrie die Chance erhält, sich mit dem Umstieg auf klimaneutrale Energieträger neu zu erfinden; oder, ob sie dabei auf der Strecke bleibt. Neben dem Ausbau Erneuerbarer Energien und Speicher spielt Wasserstoff dafür eine entscheidende Rolle. Er ist ein echter Hoffnungsträger für die Industrie. Weil er klimafreundlich hergestellt werden kann und CO2-frei verbrennt.

Bevor Wasserstoff eingesetzt werden kann, bedarf es jedoch zunächst gewaltiger Investitionen: Um ihn klimaneutral herzustellen, werden zusätzliche Kapazitäten Erneuerbarer Energien notwendig. Denn grüner Strom ist die Grundlage für klimafreundlichen Wasserstoff. Geld braucht auch der Bau von großen Elektrolyseuren, um den Wasserstoff darin zu produzieren. Zudem braucht es für den Transport den Aufbau einer umfassenden Wasserstoffinfrastruktur, damit der Energieträger dorthin gelangen kann, wo er gebraucht wird. Sie ist von enormer Bedeutung, wenn man unsere industriellen Zentren erhalten möchte. Und letztlich werden am Ende der Wertschöpfungskette, also vor allem bei den Industrieunternehmen, enorme Investitionskosten anfallen, um die Produktionsprozesse auf Wasserstoff umzustellen. Insbesondere hier – also am Ende der Wertschöpfungskette – muss eine entsprechende Anreizregulierung erfolgen, damit sich eine Wasserstoffwirtschaft entwickeln kann.

Die Gunst der Stunde nutzen: Für eine technologische Zeitenwende

Es gibt also weiterhin richtig viel zu tun, um den Klimaschutzzielen gerecht zu werden. Da ist es nur konsequent, die Gunst der Stunde zu nutzen und den Wiederaufbau der Wirtschaft mit Hilfe der Konjunkturpakete so zu gestalten, dass mit ihm eine umfassende Modernisierung und der Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft einhergehen. EU und Bundesregierung haben mit ihren Wasserstoffstrategien den Weg gewiesen. Im nächsten Schritt geht es um die Ausgestaltung von Fördermaßnahmen und konkreten Rahmenbedingungen, damit der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft wirklich beginnen kann. Wenn es gelingt, wäre es der Start in eine technologische Zeitenwende.

 

 

Gestern erschien auf diesem Blog eine Analyse von Dr. Patrick Graichen, was die Industrie jetzt für mehr Klimaschutz braucht. Link

An unserem vergangenen Nachhaltigkeitswochenende diskutierten die Journalisten Philipp Krohn (Link) und Axel Bojanowski, Wissenschafts- und Klimareporter der „Welt“ (Link) verschiedene Aspekte der Klima- und Energiewende

Lesen Sie hier auch weitere bei uns erschienene Texte und Interviews zu Klima und Energie:

Prof. Dr. Ines Zenke. Erster Text und zweiter Text

Prof. Dr. Veronika Grimm im Interview

Prof. Dr. Claudia Kemfert und Prof. Dr. Martin Gornig

Prof. Dr. Gabriel Felbermayr (CO2-Grenzausgleich)

Dr. Brigitte Knopf (CO2-Preis)

Andreas Kuhlmann (Solar)

Dr. Nils Heisterhagen und Prof. Dr. Jan Schnellenbach (Wasserstoff)

Andreas Rimkus (Wasserstoff)

Michael Vassiliadis

Andreas Schierenbeck (Wasserstoff)

Svenja Schulze