Arbeitsplätze und Wohlstand in Zukunft mit einer echten Kreislaufwirtschaft sichern

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Im Februar 2021 meldeten die Hersteller von Kunststoffverpackungen in Deutschland Lieferschwierigkeiten: Sie berichten über zunehmende Probleme, sich mit ihrem Rohstoff – Kunststoff – zu versorgen. Während in Europa die Wirtschaft aufgrund der Corona-Pandemie stagniert oder sogar schrumpft, verzeichnet China schon wieder ein kräftiges Wirtschaftswachstum. Das drückt sich in wachsendem Rohstoffhunger aus. Die Hersteller von Kunststoff, die oft nicht mehr in Europa, sondern zum Beispiel am Persischen Golf produzieren, liefern daher lieber nach China als nach Europa. Die Folge: Rohstoffknappheit und stark steigende Preise.

Die Pandemie verändert Perspektiven und verschiebt Prioritäten. Nicht nur zum schlechten: Den in der EU geplanten „grünen“ Wiederaufbau der Wirtschaft post Corona, den sogenannten Green Deal“, sollten wir dafür nutzen, auch eine der drängendsten Herausforderungen unserer Zeit zu lösen: den nachhaltigen Umgang mit Plastik. Dass das nicht von selbst geht, das haben die letzten Jahre und Jahrzehnte gezeigt. Mit den richtigen politischen Entscheidungen könnten wir die Plastikkrise, von der angesichts gigantischer Umwelt- und Abfallprobleme oft gesprochen wird, nicht nur in den Griff bekommen, sondern auch die großen Potenziale des Werkstoffs Kunststoff zum Vorteil von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt nutzen.

Im europäischen Maßstab ist Deutschland Spitzenreiter beim Verbrauch von Plastik. Im Umgang damit wird allzu oft Plastik pauschal zum Sündenbock erklärt. Das Verbot von Plastiktüten, eine Strafsteuer für nicht recycelte Plastikabfälle, werbewirksam inszenierte Produkte aus Meeresmüll – all diese Maßnahmen mögen zuletzt viel öffentlichen Zuspruch erhalten haben. Die eigentlichen Probleme gehen sie allesamt aber nicht an.

Nicht die Nutzung ist die große Herausforderung beim Kunststoff, sondern seine Gestaltung mit Blick auf die Rückführung in eine Verwertung, wenn er zu Abfall geworden ist. Als Material sind Kunststoffe heute nicht mehr wegzudenken. Kühlschränke oder Mobiltelefone funktionieren nur mit hochwertigen Kunststoffen. Die Autoindustrie setzt im Leichtbau auf Kunststoffe, um Gewicht und damit Sprit zu sparen.

Der größte Einsatzbereich für Kunststoffe in Europa ist aber nach wie vor das Verpackungssegment. Kunststoffverpackungen gewährleisten Hygiene und Haltbarkeit etwa bei Lebensmitteln und Kosmetika. Allerdings sind wir hier von geschlossenen Kreisläufen noch weit entfernt. Gebrauchte Kunststoffe werden heute noch in zu großen Mengen entweder verbrannt oder in Drittländer exportiert. Dadurch gehen hierzulande wertvolle Rohstoffe und auch Wertschöpfung verloren und Investitionen in die erforderliche Verwertungsinfrastruktur bleiben aus. Gleichzeitig führt der Abfallexport dazu, dass in Drittländern wie der Türkei entsprechende Recyclingmärkte für die eigenen Abfälle gar nicht erst entstehen können.

Viel zu selten werden gebrauchte Kunststoffverpackungen zu neuen Verpackungen. Warum ist das so?

Technisch ist heute vieles längst möglich. Qualitativ ist aus Recycling gewonnener Kunststoff kaum mehr von aus Erdöl erzeugtem Neuplastik zu unterscheiden. Er erfüllt in einzelnen Fällen sogar schon die strengen Auflagen für Lebensmittel- und Kosmetikverpackungen. Zudem sind die Treibhausgasemissionen bei der Verwendung von Recyclingkunststoff nur etwa halb so hoch wie bei neuem Plastik. Recyclingkunststoff ist ein Rohstoff, den man effektiv nutzen kann – und sollte. Gerade als rohstoffarmes Land wie Deutschland.

Viele Unternehmen scheuen jedoch den Einsatz von Recyclingkunststoff, denn durch den niedrigen Rohölpreis und die vergleichsweise kleinen Produktionskapazitäten der Recycler ist er mitunter teurer als neuer Kunststoff. Und es kommt ein besonderer Punkt dazu: Während der Rohstoff für den Hersteller von neuem Kunststoff das preislich hoch volatile Rohöl ist, besteht der Rohstoff für den Recycler aus gebrauchten Kunststoffverpackungen, die mit viel Aufwand aus den privaten Haushalten gesammelt, sortiert und aufbereitet werden müssen.

Warum sollte also ein Hersteller von Kunststoffprodukten auf den primären Rohstoff Öl verzichten, wenn er auf Monats- oder Quartalsebene wieder mit stark fallenden Preisen für seine primären Rohstoffe rechnen kann. Ein klassischer Teufelskreis: Wenn Recyclingkunststoffe nicht konkurrenzfähig sind, werden sie nicht eingesetzt – werden sie nicht eingesetzt, können sie nicht wettbewerbsfähig werden. So wird das nichts mit der Kreislaufwirtschaft und so kann die Plastikkrise nicht gelöst werden.

Es gibt aber, wie aktuell, immer mal wieder Marktlagen, in denen plötzlich nicht nur neue Kunststoffe knapp sind, sondern auch Rezyklate, also aus Abfall recycelte Kunststoffe. In Ermangelung neuer Kunststoffe versuchen Hersteller von Autoteilen oder Produkten für Garten, Bau und auch Verpackung dann opportunistisch auf eine Alternative umzusteigen. Doch da Jahre zu wenig in diese Recyclingindustrie investiert worden ist, kann das Kunststoffrecycling die Lücke nicht schließen. Jetzt rächt sich, dass eine Rohstoffquelle, die uns zumindest ein Stück weit von außereuropäischen Lieferanten unabhängig machen könnte und die zudem für erhebliche Arbeitsplätze in der EU und in Deutschland sorgen würde, nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die sie verdient hätte.

Eine verbindliche Quote für den Einsatz von recyceltem Kunststoff würde hier für Abhilfe sorgen, weil sie verlässliche Rahmenbedingungen für die Entwicklung der Kreislaufwirtschaft schafft. Die Einsatzquote könnte vorschreiben, dass Hersteller bei Verpackungen etwa für ihre Reinigungs- und Waschmittel oder bei Produkten wie Pflanztöpfen einen bestimmten Mindestanteil Recyclingkunstoff verwenden müssen. Mit einer solchen Einsatzquote würde die bereits existierende Produzentenverantwortung wieder im Sinne des Wortes wahrgenommen und an echtem Wert gewinnen. Bei der Gestaltung von Produkten und Verpackungen würden Recyclingaspekte berücksichtigt, Investitionen in Anlagen und Techniken würden getätigt und damit Industriearbeitsplätze geschaffen. Recyclingkunststoffe, in Deutschland und der EU hergestellt, wären endlich eine echte Alternative zu aus den Golfstaaten importiertem Neuplastik.

Dass so der Markt stabilisiert werden und Auftrieb erfahren könnte, lässt sich an der jüngst von Bundesumweltministerin Svenja Schulze auf den Weg gebrachten Umsetzung der EU-Einwegkunststoffrichtlinie in deutsches Recht ablesen. Bis 2025 müssen PET-Getränkeflaschen mindestens 25 Prozent Rezyklatanteil enthalten. Obwohl sich viele Hersteller selbst schon höhere Ziele gesteckt haben, obwohl PET-Flaschen oft schon heute teilweise aus Rezyklaten gemacht sind und obwohl die Vorgabe erst 2025 erreicht werden muss, zeigen sich die positiven Auswirkungen schon jetzt – unter anderem darin, dass PET-Recycler massiv in bestehende und neue Anlagen investieren und so für mehr Beschäftigung sorgen.

Weil die Recyclingtechnik schon seit vielen Jahren bewährt ist, hat zudem ein großer Getränkehersteller, der zu den TOP 4 weltweit gehört, angekündigt, über die Mindestanforderungen der EU deutlich hinauszugehen. Schon 2022 wird er in Deutschland, Österreich und der Schweiz in allen Flaschen 100 Prozent recyceltes PET einsetzen. So entsteht größerer Umweltnutzen nicht gegen den Markt, sondern mit der Schubkraft des Marktes. Es liegt auf der Hand, dass die Wettbewerber nachziehen werden, nicht zuletzt auch, weil die Verbraucher auf diese Lösungen warten.

Den Kreislauf bei Kunststoffen zu schließen ist dabei nicht nur eine Frage des Umweltschutzes. Es geht um entscheidende Parameter für die weltweite Wettbewerbsfähigkeit der Standorte Deutschland und Europa: um den intelligenten Umgang mit knappen Ressourcen, um die nachhaltige Schaffung und Sicherung von zukunftssicheren Arbeitsplätzen und um die Unabhängigkeit von Rohstoffimporten aus zum Teil geopolitisch instabilen Regionen. In diesen Punkten besteht weitgehend Einigkeit. Passiert ist diesbezüglich in den vergangenen Jahren aber deutlich zu wenig. Die temporäre Hausse beim Rohstoff Kunststoff und seinem Rezyklat wird es nicht richten – spätestens beim nächsten Ölpreisverfall wird das Interesse wieder nachlassen.

Zeit das zu ändern. Mit dem konsequenten Einsatz von Recyclingkunststoff könnte Deutschland seiner einstigen Rolle als Vorreiter und Innovationstreiber – und also auch bei der Schaffung weiterer Arbeitsplätze in Sachen Kreislaufwirtschaft endlich wieder gerecht werden.

 

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